Von Gerhard Spörl

Am Anfang war es die Variante eines literarischen Motivs, von der Wirklichkeit erfunden für Graham Greene, in besonderer Würdigung seines Romans „Der dritte Mann“. Ein alternder Autor, er steht in den Siebzigern und leidet nun schon fast regelmäßig unter der Unfähigkeit zu schreiben, „dieser bösartigen Krankheit der Schriftsteller“, erhält im Winter des Jahres 1976 zu Hause in Antibes eine merkwürdige Einladung – nicht nach Wien, in die „Stadt würdeloser Ruinen“, sondern nach Panama, „das sehr merkwürdige und schöne kleine Land“. Abwechslung ist besser, als sich angstvoll über ein versiegendes Talent zu zergrübeln und außerdem schützt Neugier vor Lähmung und Langeweile. Nach dieser inneren Ratio hatte dieses Leben oft genug sich selbst gekräftigt und immer war es die Ferne gewesen – Kenia und der Kongo, Vietnam und Malaysia, Kuba und Paraguay –, die Greene sich selber so nahe wie überhaupt nur möglich gebracht hatte.

Immer noch ein bißchen unlustig, dazu des Spanischen unkundig, steht Graham Greene alsbald verloren auf dem lächerlich kleinen Flughafen in Panama herum. Es ist der Anfang dessen, was er später, als wäre es eine Szene aus „Casablanca“, in dem ihm eigenen einfachen Pathos den Beginn einer wunderbaren Freundschaft nennt: zu dem Land, in dem er sich heimisch fühlt, wie in keinem anderen lateinamerikanischen Land; zu Omar Torrijos, der sich Graham Greene zum Gefährten bei vielen bacchanalischen Trinkgelagen und schwermütigen Betrachtungen über das Leben, die Menschen und die Welt erwählt hatte. All das bot nicht Stoff zu einem Roman, wohl aber zu einer sentimentalen, zu einer bewegenden Hommage:

Graham Greene: „Mein Freund, der General. Geschichte eines Engagements“; Paul Zsolnay Verlag, Wien 1984, 251 S., 28,– DM.

Der General und der Schriftsteller, das ist diesmal kein Lehrstück über den Gleichklang oder Mißklang von Geist und Macht, skrupulöser Moral und Lust am Herrschen. Graham Greene ist kein Intellektueller, weil er sich nicht ziert, sich benutzen zu lassen, sofern die Sache es nur verdient. Die Symposien, zu denen es mit Torrijos und dessen Gefolge zwangsläufig kommt, sind von der alten griechischen Art. Da weht der Geist weder weihevoll noch um systematisches Denken bemüht. Die Schwere des Daseins wird ganz unsublimiert in unendlich viel Alkohol ertränkt; schöne Frauen, rhapsodisch kommen sie und gehen sie, gewähren flüchtiges Vergessen.

An Torrijos war dennoch interessant, was ihn als Politiker auszeichnete. Greene faszinierte dabei weniger der Reformer als die Kult- und Identifikationsfigur, zu der der General seit 1968, dem Jahr seiner Machtergreifung, geworden war. Lateinamerika hat nur die Alternative zwischen guten und schlechten Diktatoren. Torrijos war ein sanfter Diktator, ein Populist und Patriot, der die alte, reaktionäre Oligarchie ins „Tal der Gestürzten“ nach Miami expedierte, statt sich in ihrem Blut zu wälzen. Den Armen im bitterarmen Panama garantierte er Mindestlöhne, er verwirklichte die ewig versäumte Agrarreform und legte mit israelischer Hilfe Genossenschaftsdörfer im dünn besiedelten Norden Panamas an. Selbstverständlich waren auf Jahre hinaus alle Parteien verboten, wurden die Zeitungen zensiert. Alles in allem ein gemäßigter Sozialismus nach lateinamerikanischer Spielart. Kein Kuba, kein Nordvietnam, soviel Zurückhaltung legte sich der General allemal auf.

Greene skizziert Torrijos immer nur vorsichtig. Seine Pietät geht so weit, daß er den Charakter nicht klar konturiert. Der Schriftsteller hat merkwürdige Skrupel im Umgang mit der reinen Wirklichkeit; daß er seiner Einbildungskraft keinen freien Lauf gönnt, wo es um Historisches, Authentisches geht, mag Verständnis verdienen; ein Bericht, ein Dokument kommt dank der Hemmungen nicht zustande, aber auch kein privates Tagebuch als Kompromiß. Greenes Diktator, das wird immer deutlicher, ist Greene viel zu ähnlich. Der Schriftsteller ist in den Sog des Generals geraten. „Sie und ich“, sagt der General zum Schriftsteller, „wir haben etwas gemeinsam. Wir sind beide selbstzerstörerisch.“ In einer geglückten Wendung spricht Greene vom „Charisma des Verzweifelten“, das Torrijos ausstrahlt, weil der ahnt, daß ihm nicht viel Zeit bleibt für das, was er sich vorgenommen hat.