Wie war das noch vor zehn, zwölf Jahren? Ganz einfach: Wo sich ein paar Halbwüchsige versammelten, da breiteten sich flächendeckend die Farben Militärgrün (Parkas) und Blaßblau (Jeans) aus. Heute haben wir es bei solchen Anlässen eher mit den heitersten Eiscremetönen zu tun. Wer sich um die Mittagszeit in der Nähe von weiterführenden Schulen aufhält, stellt fest: So eine adrette, so eine gutgekleidete Jugend gab’s unter Garantie noch nie. Jeden Morgen rasch gefönt, ausnahmslos zahnreguliert, schöpfen die Fünfzehnjährigen beim ersten Anzeichen von Akne alle medizinischen, kosmetischen und von der Krankenkasse ermöglichten Ressourcen aus und stehen so ungeheuer fertig da, als seien Backfische und Pickeljünglinge nur die Erfindung irgendwelcher Großeltern. Mütter beschließen beim Anblick von so viel Perfektion vor den Schultoren, auf der Stelle ihr Leben zu ändern – hilfsweise den Kleiderschrank zu Hause umzustülpen. Nur – würde es nützen?

Die Sache hat ja nicht nur mit dem nötigen Kleingeld zu tun, sie verlangt auch Übung. Die Mode, sagen die Lehrer, ist schon vor einiger Zeit wieder wichtiger geworden in den Schulen; in vielen Klassen seien zwei, drei Kinder regelrecht davon erfaßt.

Es ist die Stunde der Jungen und Mädchen mit dem feinen Händchen. Mit dem fischen sie glücklich ein Hemd aus dem Second-hand-Laden und ziehen es zur Fliegerhose vom Wochenmarkt über. Auch probieren sie kritisch und sorgfältig, ob ihnen der Stadtrucksack (alternativ) zur Daunenjacke (sonst beim Skilaufen üblich) gefällt. Sie schmücken sich, da sind sie ganz unbefangen, und wollen heute mal herausfinden, welche Person sie im schwarzen engen Rock (Dior selig) und viel Glitzer auf der Backe in der Mathestunde abgeben. Um Reize geht es – Fahnen werden dabei nicht gezeigt, schon gar keine politischen.

Natürlich verlangt die Besessenheit im Detail viel Zeit, und manchmal bringt sie frühes Leid. Wenn der kleine Schal nicht genau zum übrigen Outfit paßt, wissen Mütter sechzehnjähriger Töchter zu berichten, dann ist der ganze Tag verdorben, und ohne die seitlich hochgekämmten Haare ist das ganze Kostüm samt Pumps und Ohrringen ein totaler Flop. Halb erwachsene Jungen schneiden die Ärmel des vererbten Sweat-Shirts just an der Stelle ab, die zu finden ein Designer wohl eine dreijährige Lehre brauchte. Unter den Jungen in der Spitzengruppe gibt es manche, die fahren weit, um das mittelblaue „Marc o’Polo“-Hemd mit der Druckbuchstabenaufschrift auf dem Rücken zu bekommen, und wenn es nicht die wahren „Docksiders“ sein können, dann zeigt sich womöglich, daß die alten Schuhe doch noch nicht zu eng waren. Nichts verträgt das Styling weniger, sagen sie, als einen Kompromiß.

Es muß nicht das Schrillste sein in Sachen Mode, aber etwas Besonderes möchten viele Dreizehn- und Vierzehnjährige schon ganz gerne haben: etwas Originelles, etwas Cooles oder vielleicht was Rares, das keiner hat oder fast keiner, weil es nämlich teuer ist. Es gibt Halbwüchsige, die haben die Preise für die Edelmarken besser im Kopf als die Vokabeln für die Englischarbeit: 139 Mark kostet ein Paar Jeans der Marke „Closed“ und 89 Mark das Hemd mit dem kleinen grünen Tier. Typisch Hamburger Elbvororte, denkt man – bis man einen Gesamtschullehrer aus Ostwestfalen und die Realschullehrerin in Hannover von gestandenen Gewerkschaftlern erzählen hört, die am Ende ihren Kindern doch die „Nike“-Stiefel (ab 149 Mark) kaufen.

Wo die Finanzen und die Verhältnisse enger sind, gibt es auch das wieder – die Bitterkeit über den unmodischen Rock. Im allgemeinen aber, erfahren, wir zu unserer Beruhigung, ist die Mode eine Sache unter anderen, kannst du dich auch „einfach so anziehen“ und problemlos damit leben, wenn du zum Beispiel Klassensprecherin, selbstbewußt oder Produzent gekonnter Bananenflanken bist. Schließlich sind da ja auch die Lehrer, die nur sehr zögernd die Wende ihrer Schüler zum ungetrübten Narzißmus mitmachen. Quelle elegance, sagte neulich ein Französischlehrer in Jeans auf dem Schulhof zu seinem Schüler im doppelreihigen Tweedmantel: „Quelle élégance“.

Ulla Plog