Von Peter Sager

Das ganze Jahr über liegt Llangollen am Dee und langweilt sich. Aber einmal im Jahr tritt die Stadt übers Ufer, wird überschwemmt von Menschen aus aller Welt, und dann summt, schäumt und rauscht Llangollen, singt mit dem Dee um die Wette. Das ist das "International Eisteddfod" von Llangollen, das Bayreuth der Volksmusik und des Volkes, entstanden kurz nach Kriegsende: walisische Festspiele der musikalisch vereinten Nationen. Solisten wie Menuhin, Rostropowitsch und Sir Geraint Evans haben hier gastiert, Chöre von Kapstadt bis zu den Karpaten, Tänzer aus Tientsin, die Zulu Dancers, die Wiener Sängerknaben, im letzten Jahr mehr als 120 Chöre und Tanzgruppen aus über 30 Ländern und über 130 000 Besucher – die Welt zu Gast in einer walisischen Kleinstadt von 3000 Einwohnern.

Lange vor dem Eisteddfod war das Tal von Llangollen vielbesucht und vielgepriesen als Inbegriff des romantischen Wales. William Turner hat es gemalt, und Fürst Pückler schwärmte, dies sei "eine Gegend, die nach meinem Urteil alle Schönheiten des Rheinlandes weit übertrifft". Der reisende Connaisseur vergaß nicht, seiner geliebten "Schnucke" in Muskau von walisischen Frühstückswonnen im Sommer 1828 zu berichten: Im "Hand Hotel" serviert man ihm auf weißem Damast "dampfenden Kaffee, frische Perlhuhneier, dunkelgelbe Gebirgsbutter, dicken Rahm, Toast, Muffins und zuletzt zwei eben gefangene Forellen mit zierlichen roten Flecken". Daran dachte ich, als mir unterwegs in Wales ein lausiger Wirt "Continental Breakfast" vorsetzte – gottlob eine Ausnahme. Ich habe in Llangollen das Haus von zwei alten Damen besucht, die schon lange tot sind. Aber ich finde ihre Geschichte so erstaunlich, daß ich sie erzählen will.

Die einen hielten sie für Blaustrümpfe und Klatschtanten, die anderen für zwei exzentrische Lesbierinnen, Salonlöwinnen der Provinz. Sie waren Töchter Rousseaus und der Romantik, eine Mischung aus George Sand und Barbara Cartland, zwei kapriziöse, kluge, emanzipierte Frauen. Die Großen ihrer Zeit tranken Tee mit ihnen, Wordsworth ebenso wie der Herzog von Wellington. Fürst Pückler, anglophiler Schürzenjäger, nannte sie respektvoll "die berühmtesten Jungfrauen Europas". Sie waren nicht besonders schön, nicht einmal reich, aber sie richteten sich ihr Leben mit soviel Freiheit und Liebe ein, daß selbst ihre Kritiker sie bewunderten. Sie hießen Eleanor Butler und Sarah Ponsonby; alle Welt nannte sie nur "die Ladies von Llangollen".

Dabei kamen sie weder aus Llangollen noch wollten sie je dorthin. Die beiden berühmtesten Waliserinnen stammen aus Irland. Ihre Geschichte beginnt mit einer romantischen Freundschaft und einer romantischen Flucht. Kein Kavalier entführt sie, sie fliehen selbst in Männerkleidern, zu Pferde, Töchter aus gutem Hause mit guten Aussichten auf eine gute Partie, Aussteiger anno 1778. Der erste Fluchtversuch scheitert, der zweite gelingt. Mit ihrer Dienerin Mary Carryll kommen sie nach Wales. "Das schönste Land der Welt", schreibt Lady Eleanor beim Anblick von Llangollen ins Tagebuch. Nicht, daß sie die Welt schon kennen, aber sie kennen die Neuerscheinungen: Thomas Grays Ballade vom letzten Barden, Gilpins "Pittoreske Reisen". Wales war damals, neben Ossians Hochland, ein Synoym für elementare Natur, eine Seelenlandschaft der neuen Gefühle. Es ist die große Zeit der europäischen Empfindsamkeit, Sarah und Eleanor fühlen wie Rousseaus "Neue Heloise": Natürlich und einfach soll ihr Leben werden, tief und rein ihre Freundschaft. In ihrem Ausbruch aus den Konventionen des Elternhauses, in ihrem Rückzug aus der Gesellschaft in ein Cottage aufs Land folgen sie einer Mode der Zeit ebenso wie ihren eigenen Neigungen. Sturm und Drang der beiden Damen kommen am River Dee zur Ruhe. Statt nach England weiterzureisen, wie ursprünglich geplant, machen sie dieselbe Erfahrung wie heutige Drop-outs: In Wales ist das Leben billiger. So bleiben sie in Llangollen, mieten ein Cottage am Ortsrand und nennen es Plas Newydd, "Neuer Hof".

Was für ein Paar: Sarah Ponsonby, protestantisch, die praktischere, sie führt den Haushalt; Eleanor Butler, katholisch, in einem französischen Konvent erzogen, führt die Gespräche und trifft Entscheidungen; Sarah ist die sanftere, Eleanor die aktivere, stärkere der beiden, 16 Jahre älter als Sarah. Mit ihren weißgepuderten, kurzgeschnittenen Haaren im Titus-Look, Reitkostüm und Zylinder in der Mode des Directoire wirken sie eher männlich, französisch, exzentrisch. Sie pflanzen Obst und Gemüse für ihren eigenen Bedarf, halten sich vier Kühe, züchten Rosen und schlagen sich mit einer kleinen Rente durch, jahrelang, eigentlich ihr Leben lang in Geldsorgen, oft bis zur Angst, ihr Haus aufgeben und wieder zu ihren Familien nach Irland zurückkehren zu müssen.

Ihr Tagesablauf ist genau geregelt: Aufstehen um acht, Frühstück um neun, ab halb zehn Gartenarbeit, Korrespondenz, Sprachstudien, Malen oder Wandern; um drei Dinner, von halb vier bis neun lesen sie sich gegenseitig vor: Tasso, Petrarca und immer wieder Rousseau; nach dem Abendessen lesen sie weiter oder spielen Backgammon bis nachts um eins. "Heavenly evening. Reading. Writing", notiert Eleanor im April 1785 in ihr Tagebuch. "A day of such exquisite such enjoyed retirement. So still. So silent." War es wirklich so ruhig im Miniaturkonvent der Ladies?