Ausgrenzung oder Integration unserer Minoritäten?

Von Jürgen Zimmer

Ende 1984 lagen in der nicaraguanischen Botschaft in Bonn 38 Bewerbungen westdeutscher Kommunen um Partnerschaften mit nicaraguanischen Städten vor. Unser Land ist überzogen mit einem Netz von Solidaritätsgruppen Jugendlicher, die für und mit Ländern der Dritten Welt arbeiten. Jugendliche verkaufen Kaffee aus Mittelamerika auf einer Nonprofit-Grundlage und lassen die Gewinne den produzierenden Kooperativen zukommen. Hunderte von ihnen sind in Arbeitsbrigaden und Mahnwachen an die nicaraguanische Nordgrenze gegangen, besonders in jenen Zeiten, als eine nordamerikanische Invasion unmittelbar bevorzustehen schien.

Eine zunehmende Zahl deutscher Schulen sucht oder unterhält Partnerschaften mit Schulen in Afrika und Lateinamerika. Viele Initiativgruppen setzen sich für die Rechte von Indianern ein. Die Solidarität in der einen Welt heißt vor allem: Solidarität mit der Dritten Welt, praktische Kritik an der Übung von Industrieländern, in Ländern der Dritten Welt eine Enklavenwirtschaft zu betreiben, Ressourcen zu plündern und diese Länder weiter in ökonomischer Abhängigkeit zu halten. Diese Solidarität ist wichtig, ihr Stellenwert hoch einzuschätzen.

Aber wichtig ist ebenfalls – und davon soll hier die Rede sein –, daß die Solidarität in der einen Welt auch bei uns beginnt, innerhalb unserer Landesgrenzen, in unserem Vielvölkerstaat, in der Konfrontation mit unseren Minoritäten.

Denn Harlem liegt nicht nur in New York. Kulturelle Überformungen finden nicht nur in Sri Lanka statt. Es sind nicht nur Kärntner, die die Kinder ihrer Minoritäten – die Slowenen – am liebsten in Reservatsschulen stecken würden. Wir haben die Schwarzen, Indianer, Mestizen und Parias im eigenen Land. Wir sind die Kolonialherren, deren Lebensqualität ja auch damit zusammenhängt, daß die anderen, Fremden, die niederen Arbeiten übernehmen und eine verfügbare Ware Arbeitskraft bleiben, eine Ware, die man importieren kann, vor allem und in Krisenzeiten aber wieder abschieben möchte. Was Wunder, daß ein Land, das kein Einwanderungsland sein wollte und dennoch erlebt, wie Menschen kamen und bleiben, Lehrgeld bezahlen muß.

Nun aber: Tritt die Bildungspolitik als Kompensation schlechter und widersprüchlicher Gesellschaftspolitik auf? Ist sie Avantgarde? Ist sie die Vorhut einer Minoritätenpolitik, die diesen Gruppen politische und soziokulturelle Rechte der Selbstbehauptung einräumt? Mit Blick auf die vergangenen Jahre und in Gewißheit: nein. Den Schwankungen der „Ausländerpolitik“ zwischen Rotation und Integration folgte die Bildungspolitik im wirren Reflex. Die Maßnahmen zur „Beschulung“ ausländischer Kinder stellten sich in den Bundesländern als ein waberndes, ständig sich veränderndes Geflecht von Verordnungen dar – dem politischen Kalkül nach zunächst und oft stärker an Abgrenzung als an Integration orientiert.