Augusto Fernandes inszeniert. Niels-Peter Rudolph kassiert. Und Georg Weber triumphiert.

Von Benjamin Henrichs

Der Alltag ist grau. Deshalb feiern die Menschen gerne ein Fest. Das Fest ist nicht grau – doch manchmal ist es grauenvoll. Den Jammer, den es für einen Tag verdrängen soll, den bringt es erst richtig zum Vorschein. Denn nichts ist anstrengender und vergeblicher als der Versuch, mit allen Kräften glücklich zu sein.

Das Hamburger Schauspielhaus hatte den schönen Einfall, drei der genialen Einakter von Anton Tschechow aufzuführen. Drei Fest-Spiele, die als Katastrophen enden. "Das Jubiläum" erzählt vom Jubeltag einer Bank, der für den Bankdirektor zu einem Alptraum wird. "Der Heiratsantrag" berichtet von einer Verlobung, die beinahe in Mord und Totschlag endet. "Die Hochzeit" schließlich zeigt, wie aus dem "schönsten Tag des Lebens" der peinlichste werden kann.

Am Hamburger Schauspielhaus hat der Argentinier Augusto Fernandes kürzlich Tschechows Komödie "Die Möwe" inszeniert. Das war tatsächlich ein Fest für das Theater: eine zwar langwierige, ausschweifende, aber doch auch verschwenderisch reiche Aufführung.

Vom Erfolg beschwingt, beschloß Fernandes, dem großen Tschechow drei kleine folgen zu lassen. Was sollte auch schiefgehen? Fernandes ist bisher immer ein Glückskind des Theaters gewesen; wo unsere teutonischen Großregisseure, schweißüberströmt, ihre historischen Siege und heroischen Niederlagen feierten, da hatte er einfach, scheinbar mühelos – Erfolg. Auch über schwierigste, abseitigste Stücke (wie Shakespeares "Perikles" oder Goethes "Groß-Cophta") triumphierte er mit Phantasie und Leichtigkeit.

Was sind dagegen schon drei kleine Einakter? Also eilte man frohgemut ins Hamburger Schauspielhaus, um Zeuge zu werden bei einem neuen Erfolg, einem weiteren Fest.

Das Fest wurde eine Katastrophe – dies, aber auch wirklich nur dies, hatte Fernandes’ Inszenierung mit Tschechows Stücken gemein.

"Ein räudiges, kleines Vaudeville ... läppisch und langweilig, aber in der Provinz wird es gespielt werden" – so gnadenlos (oder so kokett) hat Tschechow selber den "Heiratsantrag" kritisiert.

Im Hamburger Schauspielhaus beginnt nun kein provinzielles, sondern ein hauptstädtisches, kein räudiges, sondern ein prächtiges Spektakel, bunt, drall und drollig. Eine Ausstattungs-Operette mit lebenden Schweinen, Hühnern, einem plätschernden Brünnlein. Der Himmel ist makellos blau, und vor dem Himmel steht ein blühender Baum.

Ein nicht mehr ganz junger, sehr cholerischer Gutsbesitzer will der Tochter seines Nachbarn einen Heiratsantrag machen. Der erste Versuch mißlingt: statt von Liebe zu flüstern, streiten sich Braut und Bräutigam keifend, wem irgendwelche Ochsenwiesen gehören. Kurze Kampfpause, ein Versöhnungsversuch, dann gleich die zweite Runde: jetzt ein Geschrei, wer den besseren Jagdhund hat. Dabei wollen die beiden ja unbedingt heiraten, vielleicht mögen sie einander sogar – doch weil sie nicht wissen, wie man eine Romanze spielt, spielen sie eine blutige Posse.

Fernandes sammelt erst einmal behäbig Anekdoten aus dem ländlichen Rußland. So kommt weder Dramen-Spannung auf noch Farcen-Schwung. Eine lähmende Einfallsfreude herrscht, wo Tschechow ganz karg und kahl erzählt.

Dann aber schlägt die Inszenierung zu: treibt erst die Braut (Imogen Kogge), dann den Bräuti-(Burghart Klaußner) in zuckende, kreischenstampfende Auftritte; die Braut prügelt die Schweine, der Bräutigam haut sich den Kopf blutig. Fernandes, der zuerst nur die schiere Harmlosigkeit des Einakters vorzuführen schien, weist nun gewaltsam auf dessen Abgründigkeit hin – auf die Unterinszenierung folgt unvermittelt die Überinszenierung. Statt eines Wahnsinns-Anfalls sieht man eine Wahnsinns-Nummer, statt des Lebens- und Alltags-Horrors bloß Horror-Theater.

Bräutigam und Brautvater (Ulrich Matschoss): kreuzbrave Leute. Nur an das Ungestüm, die ungestüme Traurigkeit von Imogen Kogge wird man sich noch eine Weile erinnern. Sie allein macht aus dem Mißgeschick der Aufführung so etwas wie ein bizarres Ereignis.

Nach der Pause, in der "Hochzeit", hat die Schauspielerin noch einmal ein großes Solo, als Hebamme, Lebedame, Koloratursopran – wobei sie die Dame vom Maxim und die Dicke vom Lande zu einer einzigen, ergötzlichen Figur verschmilzt. Aber ihren Regisseur ein zweites Mal retten kann sie nicht.

Denn "Die Hochzeit" (ein Vorläufer von Brechts "Kleinbürgerhochzeit") sieht Fernandes nur noch als Choreographen, nicht mehr als Regisseur. Ganz damit ausgelastet, die Turbulenzen auf der Bühne halbwegs zu organisieren, verliert Fernandes die grausame Sache selber völlig aus den Augen. Er verhält sich wie ein Hochzeitsgast: erzählt dem Publikum viele, meist fade Geschichtchen. Eine Geschichte erzählt er nicht.

Die Einakter schrieb der Dichter als junger Mann – als Tschechow noch nicht Tschechow war. Es ist die Zeit seiner ziemlich chaotischen Frühwerke, des "Platonow", des "Iwanow", die Zeit der Skizzen, noch nicht der vollendeten Kompositionen.

Als Klaus Michael Grüber vor einem Jahr an der Berliner Schaubühne den Einakter "An der großen Straße" inszenierte, verwandelte er eine gewöhnliche russische Landschänke in ein weißes Märchen- und Schattenreich. Aus Tschechows Skizze wurde eine Ikone, aus einer flüchtigen Bewegung ein Bild für die Ewigkeit. Falsch, aber großartig.

Bloß falsch Fernandes’ Bemühung. Er inszeniert Grotesken, ohne sich für die Realität, der sie entstammen, weiter zu interessieren. Man muß vom Regisseur ja nicht die totale Recherche verlangen, die Schaubühnen-Gründlichkeit – aber doch ein Minimal-Interesse dafür, wie zu Tschechows Zeiten die Leute aussahen, wie sie sich kleideten, sich bewegten. Tschechows Einakter spielen nicht im Nirgendwo der Vaudevilles, der Wahnsinn hat einen Ort, und der heißt Rußland. Mit buntem Theaterzauber, Momenteinfällen, Verkleidungen, in einer vage-operettenhaften Ausstattung Götz Loepelmann) lassen sich die Stücke nicht in Bewegung bringen.

Versuchen wir, Fernandes’ Debakel mit einem Fahrradfahrer-Gleichnis zu erklären. Tschechows Einakter, das sind kurze, steinige Strecken steil bergan. Unseres Regisseurs liebenswerte Neigung, freihändig zu fahren, beim Inszenieren nicht immerzu in die Pedale zu treten, die Sache laufen zu lassen und sich in der Gegend umzuschauen, mußte im schwierigen Gelände der Tschechowschen Einakter unweigerlich zum Unfall führen. Aber das schlechteste Schauspiel des Deutschen Schauspielhauses sind Fernandes’ Inszenierungen bei weitem nicht.

Der dritte Einakter ("Das Jubiläum") fand nicht statt – zwei Schauspieler waren krank geworden. Ein netter Dramaturg teilte dies dem Publikum auf nette Weise mit. Der Intendant des Hauses, für derlei Ansagen doch eigentlich zuständig, saß still in seiner Loge. Niels-Peter Rudolph fürchtete, wohl nicht zu Unrecht, den Zorn des Hamburger Publikums. Dabei ist das letzte, trübste Kapitel der trübseligen Abfindungs-Affäre (siehe ZEIT Nr. 7 vom 8. Februar) noch gar nicht richtig bekannt. Reden wir also, hoffentlich zum letzten Mal, "über die Nützlichkeit des Mammons" – was kein Stück von Tschechow ist, aber trotzdem eine Farce.

"Keine Abfindung für Rudolph", meldeten die Zeitungen vergangene Woche. Das stimmt – und stimmt nicht. Rudolph wird bis zum Ende dieses Jahres weiterbezahlt; und weil Nachfolger Peter Zadek sein Intendantenamt am 1. August antritt, muß die Hansestadt fünf Monate lang zwei Intendanten versorgen. Ähnliches gab es bisher nur bei der Bundesliga und ihren Trainern – doch auch das deutsche Subventionstheater scheut nun keine Mühe mehr, den eigenen Ruf zu ruinieren.

Kurz nachdem Rudolph und die Kultursenatorin Schuchardt ächzend ihren Frieden miteinander gemacht hatten, verschickte Rudolphs Anwalt Kurt Groenewold eine "Presseerklärung", ein ellenlanges, elend langweiliges Papier, das man aber kennen muß, denn es ist nicht weniger als ein Skandal.

Der Intendant habe sich für seine abgebrochene "Ödipus"-Inszenierung zu Unrecht das volle Regie-Honorar (50 000 Mark) überwiesen? Kurt Groenewold: "Dies ist eine Schädigung seines künstlerischen "Dies die Schadensersatzansprüche auslösen könnte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Regiehonorar für ‚Ödipus‘ verdient war und auf die Zahlung ein Rechtsanspruch bestand. Aus Gründen, die er nicht zu vertreten hatte, nämlich daß der Hauptdarsteller Christian Redl erkrankt war, mußte die Premiere abgesagt werden. Rudolph hatte sein Werk fertiggestellt."

Sodann weist Groenewold auf die bekannten Schwierigkeiten bei der Wiedereröffnung des renovierten Schauspielhauses hin. Wo alle Rudolph schelten, läßt der Anwalt seinen Mandanten hochleben: "Es ist eine hervorragende Leistung des Intendanten und aller Mitarbeiter des Hauses, dennoch einen guten Spielplan und ein volles Haus erbracht zu haben."

Und, leider, so weiter: "Niels-Peter Rudolph hat in den Vergleich über die Beendigung seines Vertrages zum 31. 12. 1985 eingewilligt, weil er im Interesse seiner Arbeit an diesem Hause den Streit beenden wollte. Die vertragliche Situation war an sich eindeutig. Rudolph hatte gebeten, ihn vorzeitig aus seinem Vertrag zu entlassen. Dies hatte die Kultursenatorin abgelehnt. Auf Wunsch von Senatorin Schuchardt hat er sich dann mit ihr geeinigt, daß er bis Ende der Spielzeit 1985/1986 als Intendant tätig bleibt. Diese Vereinbarung ist am 15. 11. 1984 auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mitgeteilt worden. Darauf hat Rudolph die Spielzeit 1985/1986 vorbereitet und entsprechend seine Mitarbeiter motiviert. Als sich die Senatorin dann im Dezember entschloß, Peter Zadek bereits ab 1. 8. 1985 als Intendanten einzusetzen, war sie es, die die doppelte Vertragssituation geschaffen hatte. Rudolph hat sich inzwischen auf die Vereinbarung vom 15. 11. 1984 eingestellt und war dementsprechend keine anderweitigen Verpflichtungen eingegangen. Es ist deshalb falsch, ihm gegenüber den Vorwurf zu erheben, er wolle Abfindungen herausschlagen. Was er verlangte, war nur die Erfüllung seines Vertrages, dessen Umfang am 15. 11. 1984 vereinbart worden war."

Nun ist alles klar. Alles war rechtmäßig. Recht mäßig. Wir wollen nicht darüber klagen, daß in progressiven Kanzleien die deutsche Sprache ähnlich mißhandelt wird wie in preußischen Amtsstuben. Wir wollen nicht darüber lachen, daß sich ein gescheiterter Intendant von seinem Anwalt öffentlich feiern läßt.

Aber die Schamlosigkeit des Groenewold-Papiers muß man doch beklagen: Rudolph, der ohnehin genügend Beweise seiner Geschäftstüchtigkeit geliefert hat, scheut sich nicht, nun auch noch dunkel mit Schadensersatzforderungen zu drohen. Er, der so schnell wie möglich von seinem Amt erlöst werden wollte, rettet sich nun in die waghalsige (aber juristisch natürlich unwiderlegbare) Behauptung, zwischen dem 15. November und dem Tag von Zadeks Inthronisation, nur vier Wochen später, auf wertvolle "anderweitige Verpflichtungen" nicht eingegangen zu sein.

Vom "Ödipus" gar nicht zu reden. Krank ist krank – da mögen noch so viele Denunzianten behaupten, die Krankheit sei ein Krach gewesen, da mögen noch so viele den "Ödipus"-Darsteller bemerkenswert gesund gesehen haben. Alles Verleumdung! "Rudolph hatte sein Werk fertiggestellt" – wer anderes behauptet, muß Schadensersatz bezahlen (1 Million wäre, meinen wir, angesichts Rudolphs überragender künstlerischer Bedeutung nicht zu viel).

Es gibt Theaterkünstler, die haben aus ihrer Showmaster-Gesinnung, ihren Teppichhändler-Talenten nie ein Hehl gemacht. Niels-Peter Rudolph tat immer anders. Jetzt ist die Charaktermaske zerbrochen, und darunter wird sichtbar: der ganz gewöhnliche Bürger.

Rudolph (vom Gewerbe des Krämers endlich wieder in das des Künstlers wechselnd) inszeniert nun am eigenen Haus den "Menschenfeind". Keine schlechte Wahl (und vielleicht schickt uns die Kanzlei Groenewold eine Kritik?). Ein anderes Stück allerdings wäre jetzt noch sinniger, es ist auch von Molière, und der Intendant könnte darin gleich auch die Titelrolle spielen: "Ich verliere den Verstand. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, wer ich bin und was ich tue. Ach, mein armes Geld, mein armes Geld, mein treuester Gefährte" ("Der Geizige", 4. Aufzug, 7. Auftritt).

*

Man begibt sich eilig fort... In einem kleinen Theater in Hamburg-Altona tritt am Abend nach der Tschechow-Pleite des Schauspielhauses ein Künstler zu einem verwegenen Solo an: Georg Weber, dreißig Jahre alt, spielt sein Stück "Bitte leise zum letzten Bild". Auch das ist ein Einakter, Weber nennt ihn "ein Stück aus dem Off".

Schauplatz des Dramas: die Garderobe. Theater von innen, Theater von hinten. Georg Weber spielt alle Rollen: sich selber, Georg Weber; den Kollegen aus Österreich, der sich eitel quengelnd ausgerechnet über die Eitelkeit der Schauspieler beschwert; Herrn Erich, den rührenden hessischen Garderobier; und Samson-Rumi, den exotischen Regie-Despoten, der einen tollen Auftritt als tanzender Derwisch und armes Rumpelstilzchen hat.

Weber ist ein guter, dabei nie gnadenloser Parodist. Er spielt Theater-Anekdoten – aber das allein wäre schnell uninteressant, wenn sich die Nummern-Revue, das Kabarett nicht auch manchmal verwandeln würden in ein Drama; ins Epos vom Heldenmut und heulenden Elend des Schauspiel-Künstlers.

Eine Proben-Szene. Einstudiert, eindressiert wird ein einziger kläglicher Satz: "Ich mußte mal." Aus dem Dunkel die zunehmend aggressiven Kommandos des Regisseurs: "Du mußt eine Figur finden!" "Zieh mal die Hose runter!" "In die Knie!" Ein kleiner Aufstand des gepeinigten Schauspielers: "Ich finde das wisch."

Am Ende steht Georg Weber mit heruntergerutschten Hosenbeinen da, ganz krumm und elend, und sagt zitternd den einen, jämmerlichen Satz: "Ich mußte mal." Und jetzt, endlich, ist der Regisseur mit seinem Opfer zufrieden. Die Figur ist gefunden – der Schauspieler beschämt, vernichtet.

Georg Weber hat im Stadttheater gespielt, in Bamberg, Heidelberg, zuletzt in Frankfurt. Mit seinem Soloauftritt kann er sich von allen Demütigungen befreien. Jetzt ist er (Figaro hier, Figaro dort) alles auf einmal: Autor, Regisseur und Darsteller sämtlicher Rollen. Das Mündel darf Vormund sein.

Beim Berliner Theatertreffen, im Mai, wird auch Georg Weber dabei sein. Nicht bei den geladenen Berühmten auf der Bühne, sondern, wie es sich gehört, im Off. In der Kassenhalle der Freien Volksbühne spielt er nächtens "Bitte leise zum letzten Bild".

Kein sogenannter großer Abend. Aber was das mächtige Hamburger Schauspielhaus mit all seinen Bataillonen nicht schafft, das gelingt dem schmächtigen Solisten ganz alleine: eine schöne, scharfsinnige Skizze. Ein Trost: wenn das Theater am Ende ist, kann es mit Auftritten wie dem von Georg Weber wieder von vorn beginnen.