Das Boot ist leer

Von Fritz J. Raddatz

Die Einschaltquotenfetischisten können sich die Hände reiben: 60 Prozent aller deutschen Haushalte sahen die drei Folgen der Fernsehfassung von Wolfgang Petersens Verfilmung des Romans "Das Boot"; das sind 24 Millionen Deutsche. Was haben sie gesehen?

Nach meinem Urteil: eine Trivialschnulze, deren technische Effekte aus dem "weißen Hai" nun "unseren Kahn" machten; deren Schauspielerleistung sich zu 50 Prozent in männlich-hartem Blick und eisernen Backenmuskeln erschöpfte, wenn nicht gerade durchs Fernglas gestarrt wurde; deren politische Qualität – sprich: Nicht-Qualität – mich geradezu empört. Ein Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung. Das will begründet sein.

Dieser Film verrennt sich in einen Psycho-Naturalismus. Von Brecht stammt das Wort "Eine Fotografie der IG-Farben-Werke sagt nichts über die IG-Farben-Werke"; gemeint ist: über Mechanismus, Strukturen, Prozesse – über Recht und Unrecht. In diesem Sinne haben wir in bewegten, auch bewegenden Bildern eine Photographie des U-Boot-Kriegs: Strapazen, Angst, Entbehrung der Besatzung. über Krieg sagt er nichts.

Wer – nach über 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs, die WIR verursacht haben – über Krieg denkt, schreibt, spricht, filmt: der muß die Frage nach Schuld stellen; sonst ist er ein Scharlatan. Wessen Krieg führen diese "feinen Jungs" denn eigentlich? Keine Sekunde der fünfeinviertel Stunden räumt der Film dieser Frage ein – dem so heiklen Problem "schuldlos schuldig". Vielmehr degeneriert das Verbrechen dieses Raub- und Angriffskriegs zu einer Jagd – deren Instinkte, Gelüste nicht nur von der banal-ehernen Musik, sondern auch von den dann jeweils strahlenden "Hartwie-Kruppstahl"-Gesichtern interpretiert werden.

Es geht mir nicht um die "Filmkunst" dieses Streifens; das mögen meine feinsinnigen Kollegen von der Filmkritik beurteilen – ob hier besser gearbeitet wurde, als Coppola es mit seinem glatten Boutiquenlack des "Cotton Club" tat, oder etwas weniger gut als Godard mit "Weekend". Auch Fräulein Riefenstahl war ganz begabt. Es geht mir um die zugleich so simple wie komplizierte Frage nach der politischen Moral; die dieser Film nicht stellt: Wie war denn das so, im Stuka über Warschau? Im Panzer vor Leningrad? Im U-Boot eben unter dem Atlantik? Das war doch nicht nur heiß und .eng und voller Gestank, Schweiß, Angst und Zote? Das war doch auch ein Verbrecher-Handwerk? Ich will gar nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der gesagt hat, "Soldaten sind Mörder". Ich will nicht einmal so weit gehen wie Günther Anders, der sogar Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" eine morallose Infamie nennt. Ich will aber so weit gehen, zu sagen: Schiebt es nicht immer auf ein paar SS-Bestien und Leibstandarten-Henker – auch die deutsche Wehrmacht hat tausendfach Verbrechen begangen; hat gemordet, geplündert, gebrandschatzt, geraubt. Sie hat einem der schlimmsten Terroristen der Geschichte gedient. Felix Hartlaub, Obergefreiter beim Oberkommando der Wehrmacht, später im Führerhauptquartier und im April 1945 in Berlin verschollen, notiert in seinen "Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg": "Wenn ein Dorf hartnäckig Widerstand leistete, fuhren die Panzersoldaten mit ihren schweren Tanks gegen die Ecken der Häuser; die Lehmwände fielen zusammen, das Innere mit den kämpfenden Bewohnern, Männern, Frauen und Kindern, lag bloß. Sie konnten nicht mehr heraus und wurden in aller Ruhe niedergemäht. Wenn in der Nähe eines Dorfes ein Kamerad verstümmelt aufgefunden wurde, befolgten die Panzersoldaten unter anderem dieses Verfahren: die schweren Stahltrossen, die der Panzer mit sich führt, wurden rausgeholt, hinten festgemacht und dann um dreißig bis vierzig Dorfbewohner – alles durcheinander - herumgeschlagen. Darauf brausten die Panzer mit ‚Caracho‘ ab, mit ihrem Anhang; von dem blieb nach kurzer Strecke "nicht ein Fratz’ übrig." Norbert Blüm, deswegen gescholten, hatte schon recht, als er sagte: "Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt."

Um es in einer Metapher zu sagen: Die guten Leute von U-Buchheim – "gute Leute muß man eben haben, gute Leute" – waren privat vielleicht ehrbar, muntere Puffgänger, brave Familienväter und feste Trinker bei Rosita Serranos Schellack-Gekrächze. Doch was sie ausübten, war ein unehrbarer Beruf. Und sie wollten siegen; "Wir bauen für den Sieg" stand an einen Ü-Boot-Bunker des Films gepinselt. Wohl wahr. Gott bewahre uns alle, sie hätten gesiegt.

Das Boot ist leer

Keine dieser Fragen stellt der Film. Er zieht unser Mitleid in die falsche Richtung; weil ein Film ja optisch argumentiert, nicht verbal, zieht er den Betrachter auf die Seite der Männer in ihrer Bedrängnis und Not – und macht prompt vergessen, daß ja sie es waren, die Tausende in Bedrängnis und Not brachten, Frauen und Kinder in den Tod bombten. Aus "Jagdinstinkt"? Aus Gehorsam? Aus, 1941, Sieges-Begeisterung? Der geradezu hysterische Beifall der Springer-Zeitungen – bis zur wahrlich infamen PK-Karikatur eines Klaus Böhle – ist gewiß kein Zufall; Herbert Kremp, die Zarah Leander des deutschen Journalismus, braucht man nur zu zitieren: "Leiden unter Disziplin genommen und verlängert; gespannte, zerreißende Nerven, deren Energien sich in einer wilden Jagdlust entladen; Angst, die ja buchstäblich von der Enge kommt, und ein Kommandant, der alles kann ... Deshalb kein pazifistischer Film." In der Tat nicht. Aber das gab es doch mal? Von "Im Westen nichts Neues" bis zu Bernhard Wickis "Die Brücke": da wurde, optisch, filmisch, das Unrecht mitinszeniert. So, wie Peter Zadek es in heikler Balance schaffte, das Grausen der Verantwortung mitzuinszenieren in "Ghetto"; weswegen es eben kein frivoles Musical/Grusical wurde, sondern Kunst. Dieses "Gedicht" durfte nach Auschwitz geschrieben werden.

Kunst nun wollen wir ja gar nicht erwarten von der Kommerz-Verfilmung eines trivialen Bestsellers; ich erwarte keine Adorno-Debatte auf einem U-Boot. Ich hätte, allerdings, erwartet, daß die in den Köpfen der Filmemacher, vorher, stattgefunden hätte, statt sich aufs Handwerkliche von Technikfexen zu kaprizieren; das mag angebracht sein bei Bernhard Kellermanns "Der Tunnel"; das ist unangebracht eingedenk der Holzkreuze von Minsk bis El Alamein. Der Film ist eine unverhohlene Apologie für "unsere Männer" – deren Spruch "Treue ist das Mark der Ehre" doch ein Hexenspruch war. Er mogelt mit Sentimentalität bis ins Detail des Bildschnitts: wenn einer, der durchdreht in dieser Höllenröhre, Verzeihung erbittet, zwingt die Kamera ihn gleichsam in die Knie – und der "KaLeu" ("toller Hecht" hieß das wohl in deren Sprache) sitzt "oben" und vergibt; wenn ein Mal, ein einziges sekundenkurzes Mal, die Opfer dieser mörderischen Jagdlust gezeigt werden, die im Flammenmeer ersticken und ertrinken, dann wird die Frage "Warum?" technisch beantwortet (daß ein U-Boot kein Rettungsschiff ist); moralisch, politisch nicht. Mosern dürfen sie schon mal über die dumme Führung und deren taktisch falschen Befehle; Schüler meckern auch über den Mathe-Lehrer – aber Abitur wollen sie doch alle bei ihm machen. Das Abitur hieß hier Ritterkreuz.

Bestimmte Dinge nicht sagen (andeuten, zeigen) – auch das kann heißen: lügen. Insofern ist dies ein verlogener Film. Was wäre denn, zum Beispiel, wenn Menschen aus dem christlichen, kommunistischen, pazifistischen Widerstand in genau jenen Fabriken Sabotage geübt hätten, in denen diese "tollen Pötte" und ihre Torpedos gebaut wurden? Auf wessen Seite wäre da unsere Sympathie, unser Mitleid? Eine – von vielen möglichen – verzwackte Fragestellung. Dieses Wasser-Heroen-Epos stellt keine.

Es mag ja sein, daß die Briten in ihrem eigenartig sportiven Rommel-Montgomery-Verständnis von Kampf dem Film bei der Ausstrahlung in England applaudierten. Doch haben nicht sie den Krieg angefangen (sind vielmehr für ein anderes Land in ihn eingetreten); aber wir. Doch nicht einmal der Vorspann gedenkt der Opfer, lediglich der – sinn- und verantwortungslos vom Todeseinpeitscher Dönitz ins Grab gejagten – Täter. Das ist unredlich.

Wurde sie dennoch oder deswegen, diese Saga der leidenden Helden, das, was jenes noch immer ganz "unschuldig" benutzte Wort der deutschen Umgangssprache benennt? Ein Bombenerfolg.