Ein Psychiater verteidigt noch heute sein Tun

West-Berlin

Im Moabiter Kriminalgericht trafen sich zwei Ärzte vor dem Richter. Helmut Becker aus Berlin, 43 Jahre alt, angeklagt wegen Beleidigung; Professor Gerhard Kloos aus Göttingen, 78 Jahre alt, als Zeuge und als Nebenkläger. Es sind nicht nur die 35 Jahre Altersunterschied, die die beiden zu Vertretern verschiedener Generationen machen. Auch fachlich und politisch trennen sie Welten. „Helmut Becker gehört jener Generation junger Ärzte an, die die eigene gesellschaftliche Rolle in Frage stellen. In der Medizin bricht er damit ein Tabu. Das erfuhr er auf dem 86. Deutschen Ärztetag vor zwei Jahren in Kassel.

Dort beteiligte sich Helmut Becker – damals Vizepräsident der Berliner Ärztekammer – an einer Diskussion über die „Perspektiven der Medizin in den 80er Jahren“. In dieser Diskussion erwähnte er den Namen von Professor Kloos in Zusammenhang mit den Greueltaten der Nazis. Er warf ihm vor, daß er „während des Dritten Reichs an der Kindereuthanasie maßgeblichen Anteil hatte“.

Kaum hatte Helmut Becker den Satz zu Ende gesprochen, gab es laute Mißfallensrufe auf dem Arztetag. Der Unmut richtete sich gegen den jungen Kollegen, der es gewagt hatte, die Ehre eines Medizinerkollegen anzukratzen. Zudem ist Gerhard Kloos für Helmut Becker nur einer von vielen. Seine Rede auf dem Ärztetag: „Viele, die damals im Dritten Reich Unheil stifteten, haben nach 1945 großen Einfluß in der Ausbildung von Studenten gehabt und auch öffentliche Ämter bekleidet.“ Nach dem von Kloos verfaßten Lehrbuch „Kompendium der Psychiatrie und Neurologie“ zum Beispiel, habe er, Helmut Becker, selbst noch gelernt.

Der Professor erfuhr erst nach dem Ärztetag von der Rede. Als Becker in einem Briefwechsel an seinen Vorwürfen festhielt, erstattete Kloos Strafanzeige wegen Beleidigung. Helmut Becker sagt dem Berliner Gericht: Der Professor sei von der Kanzlei des Führers und dem „Reichsausschuß zur Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ zur Kindereuthanasie ermächtigt worden. Als Leiter einer der etwa 30 „Kinderfachabteiluneen“ sei Kloos auch schuldig am Tod der Kinder, die in diesen sogenannten „Fachabteilungen“ umgebracht wurden. Dabei sei es gleichgültig, ob der Professor selbst Hand angelegt, ihnen die tödlichen Medikamente selbst injiziert habe. Ausschlaggebend sei allein, daß Kloos als Chefarzt der Klinik in Stadtroda die Verantwortung dafür getragen habe, was dort geschah.

Kloos, Doktor der Medizin und Doktor der Philosophie, sieht das anders. „Das stimmt doch alles nicht“, empört sich der grauhaarige alte Herr mit dem Schmiß in der linken Gesichtshälfte. Aber er war doch in der Kanzlei des Führers? Ja, er wurde über die geheime Reichssache unterrichtet, aber schon damals habe er seinen Gesprächspartnern klar gemacht, daß eine solche Tötungsabteilung in Stadtroda nicht in Frage komme. Die Leute in Thüringen seien nämlich viel zu geschwätzig, da lasse sich so etwas schlecht geheimhalten. Außerdem sähe man es auf dem Friedhof, der neben dem Krankenhaus lag, sofort, wenn dort massenhaft Kinder begraben würden. Wie steht denn der Professor zur Kindereutha-