ARD, Sonntag, 3. März: „Gesucht wird... Franz Stuschka, KZ-Kommandant. Film von Paul Karalus.

Wenn ein Dokumentarfilmer wie Paul Karalus ein solches Thema anfaßt, dann hat er ein Konzept, denkt man. Immerhin hat er die „Endlösung“ gedreht und ist, zu Recht, dafür 1980 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Hatte er diesmal ein Konzept?

Bei einem Treffen von Überlebenden des Arbeitslagers Wulkow, einer Außenstelle des KZs Theresienstadt, taucht immer wieder die Frage nach dem Verbleib des Kommandanten auf. Seine Spur aufzunehmen, ihn zu finden, ist für einen Dokumentaristen fast zwingend. Nur: Was will man dann von ihm? Aus Erfahrung weiß man: er wird leugnen, die Leier vom „kleinen Rädchen“ abspulen, die Opfer Lügen strafen. Fechner hat das gerade in seinem Majdanek-Film quälend vorgeführt. Also: Was dann? Ihn überführen? Wiesenthal sagt im Film, nur drei von 1100 hätten sich zu einer Schuld bekannt. Selbst wenn das gelänge: bringt das neue Einsichten?

Als Stuschka in Wien aufgespürt, er nach dem üblichen Türzuknallen zum Reden gebracht wird, spult er erwartungsgemäß ab: Er, ein Mörder? I wo. Er sei „viel zu gut, zu weich, noch heute“.

Diese schüttere Erscheinung, in erbärmlicher Umgebung, erregt sie Mitleid? Das wenigstens nicht. Simon Wiesenthal besorgt Dokumente, die seine Lügen widerlegen. Eichmann hatte ihm Willigkeit, Eigeninitiative bestätigt. Die richtigen Eigenschaften dieser Mordgehilfen, die es immer wieder tun würden.

Aber das wissen wir doch. Weshalb führt Karalus diesen Stuschka vor? Auf die ihm vorgehaltenen Schilderungen sagt der: „Wenn das alles wahr wäre, wieso könnte ich dann überhaupt noch leben“? Eben. Aber die Antwort bleibt der Film schuldig. Stuschka stand in Österreich vor Gericht. Bekam sieben Jahre. Hat er sie abgesessen? Oder ist er, wie die meisten NS-Verbrecher bei uns, vorzeitig entlassen worden, wegen „guter Führung“, oder der „nicht wahrscheinlichen Rückfëlligkeit“? Das würde man gern erfahren angesichts der Zeugenaussagen. Aber man erfahrt es nicht. Und weshalb nur sieben Jahre? Dabei hatten die Österreicher, anders als wir, seit 1945 ein sogenanntes „Kriegsverbrechergesetz“, das die Todesstrafe vorsah. Die Österreicher hatten’s also einfacher mit ihren Mördern. Dennoch wurden die möglichen Strafen zurückhaltend angewandt. Von 23 477 Tätern wurden 13 607 verurteilt. Über 8000 erhielten nur ein bis fünf Jahre, 29 wurden zu lebenslänglicher Haft, 43 zum Tode verurteilt (30 Vollstreckungen). Weshalb diese Milde, die sonst keinem anderen Verbrecher zuteil wurde? Die gleichen Kontinuitäten in Justiz und Politik wie bei uns? Der Film hätte, mit einigen Zusatzinformationen, nicht unbedingt ein anderer Film werden müssen. Aber ein Schritt weiter, und er hätte mehr Verstehen vermittelt. So bleibt er in der Beschreibung stecken.

Schade. Denn er war sauber gearbeitet. Ohne Mätzchen von Kamera und Schnitt erzählt er seine Geschichte. Lange, ruhige Einstellungen, die nicht ablenken, Rune zum Zuhören lassen. Beispiel: Die Kamera geht vom Rathaus über Innenhöfe, unter eine Arkade entlang, Schwenk ins Grau: Interview. Kein einziger Schnitt in dieser langen Sequenz, gottlob, war auch nicht nötig, so gut gedreht war das. Kamera: Alfred Segeth.