ARD, Mittwoch, 13. März, 20.15 Uhr: „Morenga“ (1), Film von Egon Günther. (Weitere Folgen: 17. 3. und 20. 3., jeweils um 20.15 Uhr.)

Die schönste Kolonialgeschichte geht immer noch so: Als wir ankamen, war das Land wüst und leer, weit und breit keine Menschenseele, wir in die Hände gespuckt und unter unendlicher Mühsal aus dem Nichts ein Paradies gemacht. Einmal standen wildfremde Wilde am Zaun und behaupteten, Grund und Boden und alles gehöre eigentlich ihnen. Nachdem streng, aber gerecht die Lektion über Mein und Dein ausgeteilt worden war, lebten Weiße und Schwarze friedlich nebeneinander, und kämen nicht die Hetzer von auswärts, dann könnte es noch eine gute Weile so bleiben.

Uwe Timm stören solche Geschichten. Aber, und das macht ihn an postkolonialen Lagerfeuern nicht beliebter, er schöpft nicht aus den schrillen Anklagen der Antiimperialisten und Antikolonialisten. Er hat einfach im ehemaligen Deutsch Südwest, das der deutschen Seele bis heute nahegeht, nach jenen Menschen gefragt, die damals an den von weißen Neubürgern gespannten Zäunen protestierten. Er stieß fast zwangsläufig in den Akten des Berliner Reichskolonialamtes und in den in Windhoek aufbewahrten Militärkladden auf den Namen Morenga.

Ein Strauchdieb, so schien es, den ein Detachement Berittener schnell Mores lehren würde. Auch 80 Jahre nach dem Zwischenfall Morenga ist aus den Notizen kaiserlicher Kolonialbeamter das bis zur Fassungslosigkeit geblähte Erstaunen herauszuhören, daß ein schwarzer Heckenschütze mit ein paar Dutzend Männern das mächtige Kaiserreich herauszufordern wagte, immer größere Gebiete im Süden der Kolonie destabilisierte und immer neue Einheiten der Schutztruppe aufrieb. Morenga, heute auch aus dem gesäuberten Schulwissen der schwarzen Namibier getilgt, gehört in die erste Reihe genialer Guerillaführer in diesem Jahrhundert.

Egon Günther hat aus Uwe Timms historisch-dokumentarischen Roman („Morenga“, Kiepenhauer und Witsch) keinen action-Film gedreht – eine auf zwei Stunden eingedampfte Kinoversion dürfte dem näherkommen; er zielt vielmehr „auf eine Parabel von kolonialer Gewalt und Gegengewalt mit ihrer unvermeidlichen humanen Entstellung“. So agitproppig geht es dann im Film nicht zu. Allerdings, das Konzept der Parabel animiert Günther unseligerweise, die historischen Koordinaten des Dramas bis zur Unkenntlichkeit aufzulösen. Dem in Herero-, Owambo- und Nama-Geschichte weniger Bewanderten verflacht die Parabel dann doch flugs zur „action“ mit meditativen Durchhängern. Selbst der Freiheitskämpfer, menschlich-politischer Konkretion entkleidet, verliert durch Entzug der Persönlichkeit zum zweitenmal an Leben.

„Morenga“ also über weite Strecken ohne Morenga. Statt dessen die dramatische Geschichte, wie unter dem militärischen und psychologischen Druck des nicht faßbaren „Phänomens Morenga“ erst die Selbstgewißheit der freiwilligen Kolonialsoldaten, dann die Disziplin und schließlich die höhere abendländische Moral Schaden nehmen. Auf kuriose Weise gelingt die Darstellung durch den beherzten Einsatz aller gängigen Klischees, denen jeweils die letzte Pointe versagt bleibt. Die wirklichen Philanthropen in der Schutztruppeneinheit sind, natürlich, zwei Veterinäre, der Pferde halber im Dienst, der Eingeborenen wegen in Gewissenskonflikten. Mehr als private Larmoyanz bleibt von diesem Engagement indessen nicht übrig. Oder die preußischen Offiziere, von Von, erliegen dem Suff und dem Zynismus. Aber sie werden nicht zu Monstern. Den Soldaten versandet der Traum von der goldenen Kolonie, aber sie werden nicht zu Killern und Rassisten.

„Morenga“, bei diesem Thema nicht eben selbstverständlich, kennt letzlich keine Helden und keine Schurken, nur die Banalität des Guten und die – glücklicherweise – Unvollkommenheit des Bösen. Schon dies wird den Beifall für „Morenga“ in Grenzen halten. Die schmeichelnde Legende vom sauberen, besseren Kolonialismus der Deutschen ist vielen sehr ans Herz gewachsen, und diese Legende benötigt Helden ebenso dringend wie die Gegenseite nicht ohne Schurken auskommt, die im deutschen Kolonialismus die faschistoide Frühform des späteren Hitler-Rassismus erkennen wollen.