25 Pfund Zucker Ende März 1945! Wie die nach Marienfeld bringen, spät abends? Nun, ich war verrückt, das junge Mädchen lieh mir ihr Fahrrad, ich klemmte den Zuckersack auf den Gepäckträger und fuhr los. Es war verrückt, und möglicherweise war dieser Zuckertransport per „Entfernung von der Truppe“ – wie eine spätere Radtour unter ähnlichen Umständen, auf die ich noch kommen muß – meine einzige „Heldentat“: Zucker für Marienfeld! Ich fuhr auf Nebenwegen, umging gefährliche Straßenkreuzungen, wo Feldgendarmen und Heldenklau lauerten, indem ich Rad und Zucker Böschungen hinaufschob, kam tatsächlich naßgeschwitzt mit dem Zucker in Marienfeld an – das war ein Wiedersehen! Überraschend und doch schmerzlich, und wieder wurde das Problem erörtert: bleiben oder zurückfahren. Schließlich siegte mein „Ehrgefühl“: Ich hatte dem Mädchen versprochen, das Rad zurückzubringen, und in diesen Zeiten war ein Fahrrad wertvoller als eine ganze Autokolonne. Fahrräder bestimmten überhaupt mein Schicksal, letzten Endes zum Guten. Ich fuhr also mitten in der Nacht los, brachte das Rad zurück und schlich mich ins Quartier. Wieder einmal legalisiert.

Nun begann die letzte Phase, die ich nicht detailliert schildern will, da dieser Kram in jedem Kriegsbuch nachzulesen ist. Ich traf in Kaldauen den Unteroffizier Schmitz, den sie später als Deserteur ein paar hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt erschossen. Wurde weiterverlegt nach Niederauel, der Stadt Blankenberg gegenüber. Dort lagen wir, nur durch die Sieg getrennt, den Amerikanern gegenüber, konnten es mit eigenen Augen sehen: das weiße, weiße Brot – es leuchtete wie der Mond. Geschossen wurde nicht, schießen war sozusagen verboten, weil, wenn auch nur ein deutscher Schuß fiel, ganze Ladungen amerikanischer Artillerie retourkutschiert wurden. Auflösung, Chaos, kaum noch normale Verpflegung, klauen, Kühe melken, irgendwie in Ställen beim wärmenden Vieh die Nächte verbringen – und noch einmal bestimmte ein Fahrrad mein Schicksal. Ihr werdet Euch fragen, warum ich nicht sofort übergelaufen bin, dem weißen, so weißen Brot entgegen? Die Antwort ist einfach: Ich wollte nicht nur überleben, ich wollte möglichst ohne Gefangenschaft überleben, ein frivoler Wunsch. Alois und ich hatten uns überlegt, daß wir uns auf dem kleinen Speicher des Behelfsheims, zwischen den überlebenden „Seelenhirten“, eine Weile verstecken und die „Entwicklung der Dinge“ abwarten wollten. Ich wollte zu Annemarie, wollte nach Hause, und außerdem hätte ich durch die kalte Sieg schwimmen oder waten müssen. Ich wartete ab. In der Horde wurde offen vom Überlaufen gesprochen; einige hatten’s versucht – ihre Familien lebten in dem schon von Amerikanern besetzten Gebiet – krochen und kletterten über eine zerstörte Brücke – und wurden beschossen, weil man sie für einen Spähtrupp hielt. Nein, ich wartete, und noch oder wieder einmal brachte mich ein Fahrrad in Versuchung.

Mit einigen anderen wurde ich beauftragt, unsere Ablösung, eine Kompanie einer Radfahr-Einheit Kölner Polizisten, nach Niederauel zu begleiten – nachts über Bödingen nach Allner, wo wir die radbewehrten Kölner Polizisten trafen. Von Alber nach Marienfeld. war nicht weit: 12, vielleicht 15 Kilometer. Es gelang mir, einen Polizeibeamten zum Herleihen eines Fahrrads zu überreden. Er muß ein Heiliger gewesen sein, denn, wie gesagt, ein Fahrrad war wertvoller als eine ganze Autokolonne, und wer konnte schon Anfang April 1945 auf dem Höhepunkt des deutschen Chaos irgend jemandem trauen? Nun, er gab’s mir (ich weiß seinen Namen nicht, sonst würde ich auch ihm wie dem Bauern Peters ein Denkmal setzen), und ich fuhr in der Nacht, spontan und konfus, wie ich es Alois immer vorgeworfen hatte, nach Marienfeld, sah Annemarie, brachte meinem Vater ein paar Zigarren – und wieder Problemdiskussionen: bleiben oder nicht bleiben, hinauf in den Speicher zu den „Seelenhirten“ oder zurück nach Allner, was soviel bedeutete wie zurück an die Front. Inzwischen hatten die Armen in ihrem Behelfsheim auch noch „Einquartierung“ – der Einquartierte war vernünftig und riet mir zum Speicher, ich aber hatte das biedere, ehrliche Gesicht des Polizeibeamten vor mir, dem ich „in die Hand“ versprochen hatte, das Rad zurückzubringen, und so fuhr ich. in dunkler Nacht auf Nebenwegen nach Allner zurück. Später hörte ich – wo, weiß ich nicht –, daß die gesamte Polizistenkompanie samt Fahrrädern vernichtet worden sei.

Wir, die Einheit, zu der ich gehörte, zogen weiter, durchs Bröltal, total verhordet, auf Waldbröl zu, schleppten uns dahin, vorwärts, wieder zurück. Einmal, erinnere ich mich, kamen wir an einen Dorfrand, sahen dort die weißen Fahnen flattern. Irgendwie – wie genau, weiß ich nicht – löste sich der ganze Laden auf, und ich machte mich auf den Heimweg, bis ein Leutnant mitten auf der Landstraße mir buchstäblich die Pistole auf die Brust setzte, mich zwang, mich seiner „Einheit“ anzuschließen, die den wahnwitzigen Namen „Kampfkommandantur Brüchermühle“ hatte (irgendwo zwischen Denklingen und Waldbröl muß dieser Weiler liegen, der der letzten Einheit der Deutschen Wehrmacht, der ich angehörte, den Namen gab). Mir schien es besser, diesem Irren keinen Widerstand zu leisten, und auf diese Weise kam ich endlich – nach ein paar unangenehmen Tagen – bei Brüchermühle in amerikanische Gefangenschaft. Endlich? Es war für mich eine Überraschung: Wir hatten doch die Amerikaner herbeigewünscht, -gebetet, -geflucht, und es war doch eine Befreiung, DIE DEUTSCHEN ENDLICH LOS ZU SEIN – und doch, das war die Überraschung: Es fiel mir schwer, die Hände hochzuheben, es fiel mir schwer, aber ich tat’s natürlich.

Der Rest ist nicht mehr so wichtig. Eine kühle Nacht in einem improvisierten Lager bei Rosbach an der Sieg – immer noch Endsieggeflüster; abenteuerliche Fahrt durch den Westerwald nach Linz, über den Rhein nach Sinzig (lest nach, lest die Gedichte, die Günter Eich darüber geschrieben hat), Namur, Attichy – ein Massenlager. Natürlich war das alles kein Sanatoriumsaufenthalt. Ich wiederhole: Ich hatte das Schlimmste erwartet, es kam aber nicht einmal schlimm, nur „halb so schlimm“, und immer noch waren die Gefährlicheren die Deutschen, die Femegerichte abhielten und manchen in der Massenlatrine verschwinden ließen, so manchen „Defaitisten“ – im April 45, als die sowjetische Armee an der Elbe sich schon mit den Amerikanern verbrüderte. Nein, nein, keine Klage.

Wichtig ist nur, daß es mir gelang – fragt mich nicht, wie, das wäre ein kleiner Krimi im Krimi –, der körperlichen Arbeit zu entgehen, zu der wir durch besseres Essen verlockt wurden. Ich dachte mir: Wenn du jetzt arbeitest, es war eine absurde „Arbeit“, dann arbeitest du jahre-, vielleicht jahrzehntelang; ich dachte mir: besser noch ein paar Monate hungern, als jahrelang irgendwo arbeiten. Vielleicht verhielt ich mich damals zum ersten Mal „historisch bewußt“. Noch später, als das Lager – angeblich 200 000 Mann – aufgelöst und an die Franzosen übergeben (verkauft) wurde, gelang es mir, bei einer akribischen Prüfung der Arbeitsfähigkeit in die Kategorie „Im eigenen Beruf arbeitsunfähig“ zu gelangen; da mein eigener Beruf „Student“ war, eine erstaunliche Bezeichnung. Und nun, da von den angeblich 200 000 etwa 60 als „im eigenen Beruf untauglich“ erklärt wurden, zeigten die Amerikaner ihre manchmal überraschende Vernunft: Wir wurden abgesondert, wurden gesondert verpflegt, besser, fast gut, bekamen sogar eigene Krankenpfleger, die uns Waschwasser brachten, bis wir noch einmal verlegt, an die Engländer in ein Lager in der Nähe von Waterloo übergeben wurden.

Die Engländer waren ganz anders, nicht so hygieneverrückt wie die Amerikaner, es gab korrektes Essen und viel Tee mit Zucker und Milch, der von den Deutschen verachtet wurde. Auch ich war kein Teetrinker, wurde zu einem, spürte die Köstlichkeit dieses unvergleichlichen englischen Tees und sammelte die Reste in einer Einliter-Bierflasche belgischer Herkunft, die mein kostbarster Besitz wurde. Eure Mutter, Annemarie, hatte während des Krieges gar keine Gelegenheit, mir zu zeigen, wie gut sie Tee zu bereiten verstand. Ach, Ihr wißt, Irland und auch England, wo wir zu Teetrinkern wurden. Aus dem englischen Lager wurden wir nach Regierungsbezirken entlassen. So erfuhr ich, daß es einen Regierungsbezirk Arnsberg gibt, zu dem Gelsenkirchen gehörte, woher Ada stammte, der einzige bleibende Freund aus Krieg und Gefangenschaft, den Ihr ja kennt. Köln kam später dran, und den Rest kennt Ihr.