Von Heinz Heinemann

Schwarzenstein ist ein kleiner Weiler in Niederbayern. Ziegelbrenner gaben dem Ort in der Nähe von Pfarrkirchen einst den Namen. Heute leben noch 22 Menschen in Schwarzenstein. Bauern, deren Familien schon seit Generationen hier ansässig sind. Fremde verirren sich nicht nach Schwarzenstein – und wenn, dann werden hinter den Fenstern die Vorhänge zur Seite geschoben, um genau zu sehen, wer denn da kommt.

Der Winter ist noch nicht gewichen. Schnee bedeckt das Land. An die Fremden haben sich die Schwarzensteiner inzwischen gewöhnt. Ihr Ziel ist immer dasselbe: der Steinerhof, ein 400 Jahre altes Gehöft. Den ganzen Sommer ist es von einem Blumenmeer eingeschlossen. Anna Wimschneider, die Steiner-Bäuerin, freut sich schon wieder darauf. Im angebauten Stall überwintert sie die Pflanzen und zieht neue fürs Frühjahr. „Kaufen“, sagt sie, „könnt’ i die net.“ Könnt’ sie wohl. Aus Anna Wimschneiders Leben ist die Armut verbannt, seit sie über Nacht eine erfolgreiche Buchautorin geworden ist.

„Herbstmilch“ ist die Geschichte ihres Lebens. Herbstmilch ist eine saure Milch, zu der man jeden Tag wieder eine gestöckelte Milch dazuschüttet. Etwas, das sich selbst die ärmsten Bauern leisten können. Anna Wimschneider kann die Zeit bis heute nicht abschütteln. Sie hat jetzt nicht nur eine Tiefkühltruhe, sondern gleich drei, jede vollgefüllt bis zum Rand. „Wenn da etwas fehlt, wird gleich nachgekauft“, sagt Albert, ihr Mann. In den Speisekammern des Hofes sieht es nicht anders aus: Die Regale laufen über vor Einweckgläsern, Saftflaschen und getrocknetem Obst.

Sie weiß selbst, daß sie das nicht verbrauchen kann. „Das ist für die Kinder, wenn sie zu Besuch sind.“ Anna Wimschneider geht zurück in die Küche, nimmt das Kopftuch ab und legt noch ein paar Holzscheite im Herd auf. Sie ist zufrieden, wie es ihr heute geht: „Der Herrgott hat es gut mit mir gemeint.“

Aber dafür hat der Herrgott sich viel Zeit gelassen. Sechsundsechzig Jahre alt mußte Anna Wimschneider werden, um das sagen zu können. Im Buch klingt es nämlich noch anders. Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Mutter im Kindbett. „Weil sie nicht in die Hölle kommen wollte“ – so wie alle, die Verhütungsmittel gegen den Willen der Kirche und des Pfarrers nahmen. Anna mußte acht Geschwister aufziehen. „Es dauerte nicht lange, da sagten die Buben, im Haus ist alles deine Arbeit, das ist Dirndlarbeit.“ Eine Nachbarin brachte ihr Kochen und Putzen, Waschen und Bügeln bei. „Und wenn sich’s Dirndl nicht merkt, dann haust du ihr eine runter, da merkt sie es sich am schnellsten“, zitiert sie in dem Buch den Vater.

Die „Watschen“ bekam sie aber nur vom Vater. „Die Nachbarin hat mich manchmal geschimpft, aber geschlagen hat sie mich nie.“ Um am Hera in die Topfe und an der Waschbank in die Zuber sehen zu können, brauchte sie einen Schemel. Beim Brotbacken war es umgekehrt. Der Trog kam auf den Boden, „weil ich da mehr Kraft hatte zum Teigkneten“: Drei Laib Brot hat die Familie jeden Tag gegessen. Wenn der Vater mit den Geschwistern ins Bett ging, mußte sie noch bis spät in die Nacht nähen. „Oft schlief ich vor Müdigkeit ein, da klopfte der Vater oben auf den Boden und rief, was ist mit dir, ich höre die Nähmaschine nicht mehr.“ Ertragen hat sie das alles geduldig, nur manchmal hielt sie es nicht mehr aus. „Dann ging ich in die Speisekammer. Da konnte ich mich verstecken und weinte mich aus.“