„... nicht ohne eine starke Dosis Egoismus, Stolz, Härte und List“

Von Ernst Weisenfeld

De Gaulle ist ein Gebirge, das man nicht ohne Mühe besteigt und nicht ohne ein gewisses Schwindelgefühl betrachtet.“ Das ist die Erfahrung, mit der sein bisher letzter Biograph, Jean Lacouture, auf die Arbeit am umfangreichen ersten Band zurückblickt, der den Lebensweg de Gaulles bis 1944 schildert, bis zur Befreiung von Paris und zur ersten Übernahme der Regierungsgewalt. Dafür hat er über 800 Bücher verarbeiten müssen, die seinem Helden schon gewidmet sind und über hundert Personen befragt.

Die späteren 25 Jahre, die zur Hälfte Regierungsjahre waren, werden einen zweiten Band unter dem Titel „Der Souverän“ füllen, der kaum viel schmaler sein wird, „aber dafür kritischer“, wie Freunde des Verfassers meinen, dessen erster Band mit einer Startauflage von 50 000 Exemplaren eines der Herbstereignisse des französischen Büchermarkts war:

Jean Lacouture: „Die Gaulle, 1. Le rebelle 1890-1944“; Editions du Seuil, Paris 1984; 870 S., 99 FF.

Es geht also um die Jahre, in denen aus dem Berufsoffizier, dessen Gedanken um Karriere und Berufsstand und um die Auswirkungen der Technik auf das Kriegsbild kreisen, ein politischer Rebell wird, der sich im Juni 1940 nicht mit der Niederlage Frankreichs abfindet und nun dem Mann, dem er seine Karriere verdankt, dem Marschall Petain, unerbittlich entgegentritt. Er beschwört den weltweiten Charakter des Konflikts und zeigt schon damit, daß die politische Dimension seines Denkens die stärkste ist. Er versteht sich so sehr als Sachwalter der Interessen Frankreichs, daß er der bei weitem unbequemste Mann unter den Exilpolitikern in London wird. Für Churchill wird sein Lothringer (Doppelbalken-) Kreuz zu „einem der schwersten Kreuze, die ich in meinem Leben zu tragen hatte“.

Noch mehr Schwierigkeiten hat er mit Roosevelt, der ihn geradezu haßt und ihm immer wieder diktatorische Absichten unterstellt. Auch seine eigenen Exilgenossen tun sich schwer mit ihm, weil er mehr und mehr seine Person mit der Vorstellung gleichsetzt, die er von Frankreich hat, als einem Wesen, dem ein hoher Rang und eine weltweite Mission zuerkannt werden müssen. Als er 1943 sein Hauptquartier nach Algier verlegen kann und dort einem anderen, ranghöheren General, Henri Giraud, begegnet, zu dem die Amerikaner mehr Vertrauen haben, schlägt er ihn aus dem Feld mit allen Waffen, die er schon 1932 in einem Buch über das Wesen soldatischen Führertums („Le Fil de l’Epee“; deutsch: „Des Schwertes Schneide“) jeder Führungselite zuschreibt: „Der zum Handeln berufene Mann begreift sich nicht ohne eine starke Dosis Egoismus, Stolz, Härte und List.“

Was Lacouture, der schon Leon Blum, André Malraux, Pierre Mendès-France und Ho Chi Minh porträtiert hat, diesmal über einen Mann aus großbürgerlichem Offiziersmilieu zusammenträgt, ist für Eingeweihte nicht neu. Aber in dem Maße, in dem er mit seiner an bedeutenden Linksfiguren geschulten Feder diesen Mann als den „konservativen Revolutionär“ porträtiert, als der de Gaulle sich selbst begriff, wird auch deutlich, wie sehr der junge de Gaulle von einer Zeitströmung geprägt war, deren Vertreter sich ja auch in Deutschland gern mit diesem paradoxen Begriffspaar des Revolutionären und Konservativen schmückten. Es wird deutlich, in welchem Maße die für seine Generation so faszinierende wie revoltierende Begegnung mit Deutschland eine wichtige Rolle in seinem Werdegang gespielt hat.

Daß er Deutsch als „die Sprache des Feindes“ lernte, hatte er mit der Mehrheit seiner Saint-Cyr-Kameraden gemeinsam. Aber er sah sich das Feindbild viel sorgfältiger an und hatte dazu auch Gelegenheit, als er von 1915-1918 in zahlreichen deutschen Kriegsgefangenenlagern, meist Festungen, Sprache und Kenntnisse vervollkommnete: um besser für seine vier Ausbruchsversuche gerüstet zu sein und um den Mitgefangenen Lageberichte durch die Analyse von Zeitungen und Heeresberichten zu liefern.

Führungs-Elite

Hier entwirft er auch die ersten Kapital seines Buches „über die Zwietracht beim Feinde“, das als frühe Grundlage seines Gedankengebäudes gilt. Worum geht es? In erster Linie um den Beweis, daß zur Kriegführung unabhängig denkende Männer gehören, aber auch ein politisches Konzept, das nur Sache der Regierenden sein kann. Bismarck setzte sich damit gegenüber Moltke und Roon durch, die vorbildliche Soldaten waren. Aber zwischen 1914 und 1918 pfuschten ehrgeizige Militärs, vor allem Ludendorff, einer, schwachen oder unfähigen politischen Spitze immer wieder ins Handwerk. – Dem Hauptmann de Gaulle ging es dabei um die eigene Führungsschicht.

Das Buch, das ihn auch im Ausland bekannt machte und das 1934 erschien (Titel: „Für eine Berufsarmee“) ist ein Plädoyer für eine Panzertruppe, aber vor allem auch dafür, daß man das System der allgemeinen Wehrpflicht durch eine Elite von Berufssoldaten ergänzt, eine Prätorianergarde des technischen Zeitalters, die auch „die geistige und moralische Aufgabe der Armee in der Gesellschaft wahrnehmen soll. Er widmet lange Passagen den mönchischen und sportlichen Idealtypen, die hier herangebildet werden sollen, geführt von „Herren“ oder „Gebietern“ („Maîtres“) – „Herrenmenschen“ sagten andere. Die Armee soll sie vor allem als „Persönlichkeiten“ ausbilden, also Eliten schaffen.

Hier ist die politische Lehrzeit, die er 1924/25 als Stabsoffizier in Mainz, vor allem aber 1927-29 als Major und Bataillonskommandeur in Trier genoß, unverkennbar. In Trier hielt er historische Vorträge, darunter einen über „La deroute du peuple allemand“, ein Thema, das sich offensichtlich nicht nur auf den militärischen Zusammenbruch von 1918 bezog, sondern auf seine Auswirkung „im deutschen Volk“. In Trier las er neben der Action Française, dem intellektuellen Rechtsblatt, auf das er abonniert war, auch Moeller van den Brucks Plädoyer für ein „Drittes Reich“, für einen Führerstaat mit der Verherrlichung des „Soldatischen“.

Er fraternisiserte keineswegs mit den Deutschen, schon gar nicht mit militanten Nationalisten, von denen eine Gruppe einmal mit Soldaten seines Jägerbataillons zusammengestoßen war und zwar auf so unangenehme Weise, daß man in der Familie die tragische Geburt des dritten Kindes, einer behinderten, mongoloiden Tochter, auf den Schock zurückführte, den Madame Yvonne de Gaulle beim Anblick dieses Rowdytums davongetragen haben sollte. Er verfolgte solche Auseinandersetzungen wohl mit wachem Gespür für die Saat, die da aufging, aber auch mit einer heimlichen Zustimmung zu manchen Vorstellungen, die ihn schon immer zu Nietzsche hingezogen hatten – den er sehr viel später, 1947, als er in der selbstgewählten inneren Verbannung von Colombeyles-deux-eglises saß, noch einmal las. Wie sollte man ohne solche geistigen Affinitäten Sätze wie die folgenden verstehen, die auch Lacouture höchst erstaunlich findet:

Für ein großes Werk

Damit morgen die Berufsarmee entstehen kann (100 000 Mann, „Wie die Reichswehr“, so lautet der Vergleich de Gaulles), muß ein „Herr“ erscheinen, „der unabhängig in seinem Urteil, unwiderleglich in seinen Befehlen, glaubwürdig für die öffentliche Meinung ist. Nur dem Staat verpflichtet, frei von Vorurteilen, voller Verachtung gegenüber jeder Kumpanei, nur seiner Aufgabe verpflichtet .. ., stark genug, um sich durchzusetzen, geschickt genug, um zu betören, groß für ein großes Werk, das wird der Minister, Politiker oder Soldat, sein .. ., der diese Truppe entstehen läßt.“ – Man darf hier anfügen, daß er selbst nach einer viel späteren Aussage „immer überzeugt war, eines Tages an der Spitze Frankreichs zu stehn – nur auf andere Weise, nach einer Berufung als Kriegsminister schon am ehesten“.

Warum, so fragt Lacouture, hat de Gaulle damals nicht den Weg zu den Soldatenverbänden gefunden, die ja gerade im Februar 1934 und fest putschartig für eine „neue Ordnung“ demonstrierten – einen Begriff, den er auch im Munde führte, und gegen das parlamentarische System, das er immer verachtete. – Nun, vielleicht hat ihn auch der Trierer Anschauungs-Unterricht daran gehindert, mit den plebejischen Ausführungen seiner Elite-Vorstellungen gemeinsame Sache zu machen.

Aber es gibt bessere Antworten. Sie finden sich in einem schmalen Buch eines Mannes, der eine lange Reihe literarhistorischer und historischer Arbeiten, manche polemischer Natur, aufzuweisen hat: Henri Guillemin: „Le General clair obscur“; Edition de Seuil, Paris 1984; 282 S., 79 FF.

Diese Arbeit will das Hell-Dunkel, anders gesagt das Zwielichtige, im Erscheinungsbild de Gaulles herausarbeiten und nimmt sich dafür nicht das ganze Leben, sondern nur einzelne markante Perioden vor. Guillemin sucht und findet die Widersprüche überall: in dem de Gaulle, der zunächst dem Marschall Petain schmeichelt, dann früh mit ihm bricht, der sich an führende Parlamentarier heranmacht, obwohl er die Institution verachtet, der auf englischer und amerikanischer Seite den Krieg gewinnt und sich bei den Alliierten darum durchsetzt, weil er die Widerstandsbewegung in Frankreich hinter sich weiß, und der dennoch nach Kriegsende seinen engen Mitarbeiter und Außenminister Bidault zu der Äußerung veranlaßt: „Von zwei Dingen will de Gaulle nichts wissen – von England und der Résistance.“

Später rettete er die Republik – nachdem sie in seinem Namen von revoltierenden Fallschirmtruppen bedroht war – gab Algerien auf – zu dessen Verteidigung man ihn berufen hatte – und verbündete sich mit den Deutschen – die er 1945 beherrschen wollte.

Das Buch Guillemins, das dem „hell und dunkel“ in der Biographie de Gaulles nachspürt, sucht letzten Endes nicht zwischen Licht- und Schattenseiten zu unterscheiden, sondern das „Helldunkel“ als Hauptwesenszug festzuhalten, durch das ihn ein sicherer Instinkt leitete, so daß er immer, „wie groß auch die Versuchungen seines Wesens waren, loyal und mutig, und oft mit Selbstüberwindung für das Wohl der Allgemeinheit handelte. François Mauriac hat recht: de Gaulle ist ein Spieler und er weiß, daß er spielt, und zwar spielt er eine Shakespeare-Figur, keine, die Nietzsche erfunden haben könnte. Er gefällt sich, das ist sicher, in dem Bild, das er der Nachwelt hinterläßt, ein erhabenes Bild, das Respekt verlangt.“