Von Alexander von Bormann

Hans-Jürgen Heinrichs, Publizist und Verleger, hat mit den (von ihm provozierten) „Abschiedsbriefen“ einen vielschichtigen, aufschlußreichen Band zustande gebracht. Er fügt sich gut in die derzeitige Diskussion über Deutschland ein, in die Überlegung, was Deutschland dem einzelnen heißen und was es ihm bedeuten kann. Heinrichs fragte: „Was ist es, das Ihre Gedanken und Empfindungen auf sich ziehen würde, wenn Sie Ihre ‚Heimat‘ wirklich verließen?“

Die Antworten sind nichts weniger als einhellig; doch war meine Lektüre stets von einem Unbehagen begleitet, das als Eindruck letztlich überwiegt. Fiktive Abschiede sind, glaube ich, keine gute Idee. Man geht, oder man läßt’s bleiben; Abschied ist eine Erfahrung, die sich nicht beliebig durchspielen läßt. Passiert das achtzehnmal, so stellt sich ein schales Gefühl ein, auch wenn sich einige Beiträge quer zum „Auftrag“ stellen. Doch noch viel zu oft gibt es die Geste, daß Deutschland nun in Zukunft ohne den sich gerade Verabschiedenden auskommen muß – und sie ist von zuviel Wehleidigkeit durchtränkt, als daß sie wirklich zu rühren vermöchte.

Es gibt eine Reihe fiktionaler Großtaten. So hat sich Ulrich Sonnemann auf eine Tauchstation „Spes contra spem“ am Westhang des Azorensockels geflüchtet und spielt den gesunden „Menschenverstand“ der Delphine etwa gegen die Kehrtwendungen von Willy Brandt aus. Hartmut Geerken schreibt im „siebten monat des rattenjahres“ als Hyakinth Bitschurin aus Ulan Bator. Gisela Steinwachs stellt ihren preziösen Brief als versuchte Rückübersetzung aus dem Katalonischen ins Deutsche vor. Syberberg feiert sich als einen Unverstandenen und spricht ungeniert im Nietzsche-Prophetenton: „Und wie er nachdachte, sah er die Königsdramen um sich stattfinden zu Preisen, mit denen man früher den Narren bezahlt. Und er sah die provokativen und stinkenden Haupt- und Staatsaktionen ihres Hasses und Untergangsinteresses in den teuersten Lieferungen technischer Mondänität.“ Lustig und sicher (wie stets) hat sich Ludwig Harig aus der Affäre „Abschiedsbrief“ gezogen; er geht von Heine aus, sein Gedicht schließt: „Im einundzwanzigsten Jahrhundert/ sitz ich noch hier, und schier verwundert,/ daß etliche, die dann noch blieben,/ ihm schnöde Abschiedsbriefe schrieben.“

Recht unerträglich ist vor allem der „große Ton“: „Du liebes Deutschland, weißt du noch, wie ich Dir das erste Mal kündigte?“ (Armin Kerker). Vermutlich weiß es das nicht, und vermutlich hat es sogar recht damit. Emigration ist eine sehr ernste Sache, wie dem in Holland lebenden Rezensenten täglich bewußter wird (auch als Nicht-Emigrant). Die Exilanten von 1933-1939, die es hier noch gibt, wissen davon zu erzählen. Sie ist kein Gegenstand für „schicke“ Texte, für verschmockte Bosheiten, auch wenn sie aus gefühlter „Identität mit der deutschen Misere“ kommen (Henning Eichberg, Käthe Trettin, Herbert Nagel).

Erfrischend ehrlich äußert sich Urs Widmer, der ja auch wirklich in die Schweiz zurückging: „All das, was ich den Deutschen vorwarf, war ich.“ Aber etwas verselbständigte Rhetorik meine ich auch bei ihm wahrzunehmen: „Alles in allem habe ich Angst, daß ich, wenn ich bleibe, selber das werde, was ich jetzt noch sehen zu können glaube.“ Daß man seinen Lehrstuhl wechselt, ist so ungewöhnlich nicht, auch nicht die Rückkehr ins (vermutlich mit ambivalenten Gefühlen besetzte) Heimatland. „Ich weiche der kalten Depression aus, die das Grundklima der Bundesrepublik geworden ist.“ Damit wird eine Verschiebung in der Zeiteinschätzung – von den hoffnungsfrohen 60er Jahren zu den zukunftsbedrohten 80er Jahren – räumlich „gelöst“, was gewiß ungerecht und illusionär ist.

Rolf Wintermeyer konstatiert das sehr entschieden: „In dem, was ich in Frankreich lebte, war ich genauso sehr (oder genauso wenig) zu Hause wie in Deutschland“; und: „Der Schmerz der Zugehörigkeiten und Anerkennungen geht einem nach. Irgendwann einmal steht er vor der Tür. Auch in Paris.“ Recht böse fragt auch Ulrich Horstmanns „Abschiedspoem an die Kopfflüchter“: „Seid Ihr wirklich/ entkommen/ um Haaresbreite/ Ihr Hirn-Emigranten/ und Selbstvertriebenen/ abgesetzt ins Blei/ ins Exil des ganz Anderen ...“