Von Ulrich Stock

Wölfersheim

Fremder, kommst du nach Wölfersheim, dann vergiß nie die schreckliche Vergangenheit Deutschlands. Sei mißtrauisch! In dieser 8300-Seelen-Gemeinde, vierzig Kilometer nordöstlich von Frankfurt, kennt jeder noch jeden, und du kennst niemanden, alle aber wissen nach ein paar Stunden, daß du da bist.

11,4 Prozent der Wölfersheimer haben bei der hessischen Kommunalwahl am vorletzten Sonntag die NPD gewählt. Die Partei belegt jetzt drei von 31 Sitzen im Rat. Die 28 anderen verteilen sich auf SPD (16), CDU (10) und Grüne (2). Vor vier Jahren gelang der NPD der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp. Nun hat sich ihr Stimmenanteil mehr als verdoppelt, 11,4 Prozent NPD – das ist einzigartig in Deutschland.

Dieses Wölfersheim sieht so – wenn man vom Bahnhof die paar Meter zum Rathaus geht – gar nicht übel aus. Zwar ist es tiefe Provinz, und du findest neben dem Schuhhaus Graulich, der Metzgerei Ulrich und dem Haarsalon Funk statt einer Buchhandlung nur einen Videoverleih. Aber baulich ist der Ort noch intakt: keine Blocks, keine Wachstumsschneisen. Ein hessisches Haufendorf, enge Gassen, viele Mauern, hinter denen sich die Bauernhäuser verbergen, als sei der Dreißigjährige Krieg noch nicht beendet.

Den Bauern geht es sehr schlecht hier. Realteilung hat ihre Höfe im Lauf der Generationen schrumpfen lassen. Die größten umfassen noch 40 Hektar, nur 20 bis 30 die meisten. Die Milchquotenregelung der EG hat neue Härten geschaffen.

Größter Arbeitgeber am Ort ist die Preußen Elektra, die 650 Menschen beschäftigt. Das Kraftwerk verfeuert die Braunkohle, die hier aus dem Berg gekratzt wird. Doch die Vorräte gehen zur Neige, und was in fünf Jahren sein wird, weiß niemand genau. Vielleicht wird ein modernes Steinkohlekraftwerk gebaut, vielleicht auch nicht. Das alte Werk fährt nur noch einen Bruchteil seiner Leistung. Die Gewerbesteuerzahlungen an die Gemeinde, die bis Mitte der siebziger Jahre noch fünf Millionen Mark jährlich betrugen, haben sich halbiert und verringern sich weiter.

Keine leichte Zeit für einen Bürgermeister. Doch Hugo Fröhlich, 57 Jahre alt, regiert mit einer sicheren SPD-Mehrheit von 52 Prozent. Er macht seine Sache nicht schlecht, und er weiß das, und er zeigt das auch. Viele sind ihm deshalb irgendwie böse – und wählen NPD. (Das sagen die Leute. Sollst du ihnen das glauben?)

Die NPD in Wölfersheim hat 36 Mitglieder. Aktiv ist vor allem einer: Volker Sachs, der bei der Preußen Elektra als Elektriker im Schichtdienst arbeitet. Seit fünf Jahren ist er nach Feierabend permanent im Wahlkampf. Monat für Monat stopft er die Deutsche Stimme, das NPD-Parteiblatt, in jeden erreichbaren Briefkasten, 2500 Stück.

Zeitweise hat an jeder Kreuzung, jeder Kurve, alle 20, 30 Meter ein NPD-Schild gestanden. Einmal spannte sich ein "Ausländer-Stopp"-Transparent über einer Straße, und noch am Tag vor der Wahl kurvte ein Lautsprecherwagen durch den Ort und spulte – Deutschland, Deutschland über alles – die drei Strophen der Nationalhymne ab. Wiking-Jugendliche in Knobelbechern und braunen Hemden versammelten sich in der Wetterauhalle, angeblich um Volkstanz zu üben, und legten am Volkstrauertag als erste Kränze für "deutsche Helden" nieder.

Drei Aktenordner dick sind inzwischen die "Vorgänge" über gerichtliche Auseinandersetzungen der Gemeinde mit der NPD.

Das Haus des Bürgermeisters wurde von Unbekannten beschädigt: Asphaltbrocken schlugen Löcher in den Putz, Luftgewehrgeschosse durchdrangen die Plastikrolläden.

Und nun 11,4 Prozent.

Bürgermeister Fröhlich, sagen die Leute, sagen auch die gebeutelten Christdemokraten (sie sackten von 43 auf 32 Prozent ab!) und die überraschten Grünen (sie rückten zu zweit in den Rat – drei Monate nach der Gründung ihres Ortsvereins!), Bürgermeister Fröhlich habe den Fehler gemacht, die NPD zu bekämpfen. Besser wäre es gewesen, die NPD gar nicht zu beachten.

Aber die Plakate?

Als es soweit kam, daß – behördlich formuliert – "die Sicherheit und Leichtigkeit des Fußgängerverkehrs" nicht mehr gewährleistet war, weil überall NPD-Werbung wucherte, wollte die Gemeinde keine Erlaubnis mehr geben, Schilder aufzustellen. Gerichtsverfahren waren die Folge, heraus kamen die drei dicken Ordner. Von einem Fall abgesehen hat die Gemeinde, das heißt der Bürgermeister, immer verloren.

Das hat die Leute beeindruckt.

Daß da ein starker Mann ist, der es mit dem Bürgermeister aufnimmt und gewinnt.

Ganz brav und bieder sieht das Haus von Volker Sachs aus. Blankgeputzt steht das Auto in der geöffneten Garage, und nur wenn du genau hinsiehst, bemerkst du das "Herz für Deutschland", das auf dem Kofferraumdeckel klebt. Volker Sachs sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa und erklärt seinen Erfolg. Er lächelt. Dieses Lächeln verschiebt die Bedeutung seiner Worte. Er wirkt wie ein Querulant, ein Rechthaber, wie es sie überall gibt. Als Mieter verklagen sie ihre Vermieter, als Hausbesitzer ihre Nachbarn. Sie prozessieren – rechtsschutzversichert – jahrelang, und das Kleinliche ihres Wesens wächst mit jedem Erfolg.

Wo wird so einer zum Volksvertreter gewählt?

"Der Volker", sagen die Leute – und das sagen fast alle: der Volker – "ist ein Wölfersheimer Bub. Er ist einer der unseren und kann nicht schlecht sein. Er ist ein Idealist, und er ist unermüdlich."

"Das ist ein Mensch wie wir auch", findet die CDU, "warum sollen wir ihn vors Schienbein treten?" Und "so einen Mann", wünscht sich der evangelische Pfarrer, "könnte ich in der Kirche gebrauchen".

"Ja", sagt Volker Sachs selbst, "ich bin hier aufgewachsen. Ich hab hier früher meine Ohrfeigen gekriegt und heute krieg ich die Stimmen." Er sei – Jahrgang 35 – "nicht NS-belastbar", und das ist bei seiner Parteimitgliedschaft wohl wichtig, wie auch die Versicherung: "Ich bin kein Nazi."

Nazis nennt er die anderen, CDUCSUSPDFDP, diese Volksverräter, die die Ausländer ins Land holen und die fremden Truppen dulden, "besatzungshörig bis zur Unterwürfigkeit".

Vor zwölf Jahren trat Sachs der NPD bei, bis dahin hatte er SPD gewählt, bis zu den Ostverträgen, dem "Verzicht auf wichtige Rechtspositionen". An Japan, das der Sowjetunion gegenüber nach wie vor Anspruch auf die Kurilen erhebe, könne sich das deutsche Volk ein Beispiel nehmen, an anderen Völkern auch, "ich bin neidisch auf Juden und Polen", so wie die sich behaupten!

Und Konzentrationslager? "Ich verdamme alle KZs, auf der ganzen Welt", und er spricht über russische Gulags.

Was hat das alles mit Wölfersheim zu tun? Gar nichts. Das werfen ihm seine Gegner vor: daß er aus einer Kommunalwahl gewissermaßen als Sieger hervorgeht, ohne in vier Jahren irgendwelche Lokalpolitik betrieben zu haben. Er ist – was Wölfersheim betrifft – ein Mann ohne Programm.

Was nicht heißt, daß seine Agitation folgenlos geblieben wäre. Der jugoslawische Wirt der Wetterauhalle hat es zu spüren bekommen. Zu der großen Faschingsschlägerei letztes Jahr in der Wetterauhalle soll es gekommen sein, nachdem deutsche Gäste den Wirt "Kanake" genannt und mit "mach, daß du heim kommst" beschimpft haben. Der ebenfalls jugoslawische Kellner wurde bezichtigt, eine Weinbrand-Mischung mit "zu warmer Cola" serviert zu haben, und wurde angeschrien: "Cola ist scheiße, Ausländer sind auch scheiße, du dreckiger Ausländer."

Es gab mehrere Verletzte.

Bürgermeister Fröhlich zeigte die beiden beteiligten Deutschen wegen "Volksverhetzung" an. Die Gießener Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Ihre Begründung ist bemerkenswert:

"Zwar beinhaltet die (zitierte) Äußerung eine Diskriminierung der in der Bundesrepublik lebenden Ausländer, die darin liegende Beleidigung ... reicht jedoch nicht aus, um festzustellen, daß damit auch der fraglichen Personengruppe ihr Persönlichkeitswert und ihr ungeschmälertes Lebensrecht in der Gemeinschaft bestritten werden soll... Im übrigen ist der Nachweis dieser Äußerung nicht zu führen."

Sachs, der an der Schlägerei nicht beteiligt war, feierte die abgeschmetterte Anzeige in einem seiner Flugblätter als "Volltreffer der SPD" und mahnte Fröhlich: "Die Pflicht gegenüber dem eigenen Volk steht über jeder anderen, auch für den Herrn Bürgermeister. Sie zu erfüllen ist Ehre und höchstes Gesetz."

Nachdem einem NPD-Mitglied die gemeindeeigene Wohnung gekündigt worden war und anschließend ausgerechnet eine türkische Familie einzog, stellte Sachs eine Anfrage in der Ratsversammlung. Es wurde eine seiner wenigen Niederlagen: Der "deutsche Familienvater" war im fünfstelligen Mietrückstand. "Dann schon lieber ein Türke, der zahlt", mußte auch Sachs einsehen.

Sachs betont, er habe nichts gegen "den einzelnen Ausländer". Schuld sei ja die Regierung, die die Fremden ins Land lasse. Ob seine Anhänger auch so fein zu unterscheiden vermögen? "Ich kann nichts dafür", sagt Sachs und lächelt über das ganze Gesicht, "wenn ich mißverstanden werde."

Der Bürgermeister hat aus seinen Niederlagen gelernt. Wo er den NPD-Aktionismus bislang verbieten wollte, will er künftig die argumentative Auseinandersetzung suchen; auch wenn es scheint, daß sich für Argumente in Wölfersheim niemand interessiert. An aufklärende Filme und Ausstellungen denkt Fröhlich und er plant, den Aussagen von Sachs solche aus dem Stürmer gegenüberzustellen. Er hofft dabei auf Hilfe von außen, auf die der Wetterauer Zeitung, der Gewerkschaft und der Grünen.

Die Wölfersheimer Grünen jedoch machen einen genauso hilflosen Eindruck wie die 32-Prozent-CDU. Sachs dagegen steckt voller Elan. Das Ergebnis der NPD, meint er, sei bei den nächsten Wahlen "sicher noch ausbaufähig".

Fremder, wenn du Wölfersheim verläßt, mußt du am Bahnhof lange warten. Der Schienenbus ist laut und langsam, irgendwann wird die Strecke stillgelegt. Draußen fließt die Landschaft der Wetterau an dir vorbei. Auch in Wölfersheim gab es eine Reichskristallnacht. Der CDU-Vorsitzende erinnert sich noch, am Tag danach die Schulhefte der Judenkinder von der Straße gesammelt zu haben. Einem Mann, der SPD-Plakate klebte, haben die Nazis damals die Leiter, auf der er stand, über den Kopf gezogen. Tage später ist er gestorben. Keine besonderen Vorkommnisse, sagen die Wölfersheimer heute über die alte Zeit. Fremder, sieh nach draußen: da zieht die Wetterau vorbei.