Die Züricher Bircher-Benner-Klinik zwischen Müsli und Moderne

Von Friedhelm Mühleib

Bircher-Benner? War das nicht der mit dem Müsli? Richtig. Aber Doktor Max Otto Bircher-Benner (1867 bis 1939) war sehr viel mehr als nur der erste Müsli-Mann. Er war Vorreiter einer ganzheitlichen, psychosomatischen Medizin. „Ich verstand: es gibt keine Krankheit, die nur den Körper, nur die Seele erfaßte, und wenn der Schein noch so trügt. Stets sind Körper und Seele gemeinsam erkrankt, stets bedarf es der Wiederherstellung sowohl des Körpers als der Seele“, sagt Bircher in seinem Buch „Vom Werden des neuen Arztes“.

Bircher fühlte sich in der Tradition jener Ärzte von Hippokrates bis Hufeland, für die „Arzt-Sein“ mehr war als die Verschreibung von Pillen nach dem Diagnose-Rezept-Modell. Eine gesunde, vegetarische Ernährung war für ihn dabei nicht mehr und nicht weniger als der Nährboden jeder Therapie. „Eine Heilkunde, die den ganzen Menschen umfaßt, kann nur betreiben, wer bereit ist, jederzeit als Mensch ganz zur Verfügung zu stehen. Das tat Bircher, und in dieser Hinsicht sehe ich mich in seiner direkten Nachfolge“, sinniert Silvio Jenny. Er lebt selbst vegetarisch – aus Überzeugung, ohne Dogma.

Jenny leitet heute die von Bircher gegründete Klinik mit ihren 70 Betten. Sie liegt keine fünf Autominuten von der Stadtmitte Zürichs entfernt und liegt trotzdem schon in einer Naturidylle mit Blick über den See. Wir sitzen vor einem tadellos gedeckten Tisch in einem Gründerzeit-Schlößchen am Hang des Zürichbergs. Die Menükarte verspricht: Früchte/Nüßli und Blumenkohl, grüner Salat/Pilzomeletten, mit Rübli garniert. Das frugale Mahl, die Blumen auf den Tischen, ein erstklassiger Service und die plaudernden Leute um uns herum lassen mich fast vergessen: Ich bin hier nicht in einem Nobelrestaurant, sondern in einem Hospital, und die anderen Gäste sind Patienten, schwerkrank zum Teil.

„Viele von den Patienten kommen erst zu uns, wenn alle anderen Therapieversuche gescheitert sind“, meint Schwester Mary beim Essen. Die Amerikanerin kam für „einige Monate“ als Aushilfe in die Klinik. Inzwischen sind neun Jahre daraus geworden. Und sie denkt nicht ans Weggehen. Normalerweise sitzt sie – wie die anderen Schwestern – mit den Patienten beim Essen. „Wer nicht gerade am Tropf hängt oder nicht mehr laufen kann, den bitten wir in den Speisesaal. Unsere Gäste sollen nicht immer an ihre Krankheit denken oder davon reden. Wir versuchen da schon mal, die Gespräche etwas zu lenken. Außerdem sollen sie sehen, daß ihr Essen auch unsere alltägliche Kost ist. Da geht vielen von denen ein Licht auf.“

Der Körper sei ein Blumenbeet, in dem die Organe wie Blumen wachsen. Bei falscher Ernährung verlören die Zellen und Organe ihre lebendige Kraft. Sie verkümmerten, welkten, erkrankten. Der Mensch verlöre seine Gesundheit – so beschrieb es Bircher-Benner. Dem jungen Arzt im Arbeiterviertel von Zürich schien die Ernährungsfrage zunächst gelöst. Die Wissenschaft kannte Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette und glaubte, je mehr Eiweiß, desto besser sei das für den Körper.