Vor allem die Lieferanten der Schickeria sind vom weltweiten Raubrittertum betroffen

Von Roger de Weck

Leo Gros, der Chef des weltbekannten Modehauses Balmain, hätte beinahe die Contenance verloren. Am Ende eines üppigen Mahles mit einem der großen koreanischen Textilindustriellen zog dieser plötzlich zwei Strickpullover hervor: „Welcher von beiden ist ein echter ‚Baimain‘, und welcher eine Kopie?“, fragte der Koreaner. Der Balmain-Boß zögerte. Nicht nur die Pullover, sondern auch deren Verpackung waren kaum auseinanderzuhalten. Erst nach eingehender Prüfung erkannte er an einer kleinen Abweichung im Strickmuster den einen Pulli als Fälschung. „Wer hat diese Kopie hergestellt?“, wollte er nun wissen. „Ich“, antwortete stolz der Koreaner, „weit und breit finden Sie keinen anderen, der Sie so perfekt zu kopieren weiß.“

Die Markendiebe haben derzeit Hochkonjunktur. Die betrügerische Nachahmung ist zu einer weltweiten Industrie ausgeartet, deren Umsatz von Jahr zu Jahr steigt: Die Internationale Handelskammer in Paris schätzt ihn auf 70 bis 180 Milliarden Dollar jährlich. Betroffen sind vor allem die Lieferanten der Schickeria, die großen Couturiers, Parfum-Hersteller, Edel-Juweliere und Uhrenfabrikanten. Aber unter dem Raubrittertum leidet auch das Video- und Musikgeschäft: Auf schätzungsweise 1,5 Milliarden Dollar belief sich 1984 der Reibach mit den abgekupferten Kassetten.

Rund um den Erdkreis ticken zwei Millionen „falsche“ Cartier-Uhren. Das Pariser Modehaus Christian Dior mußte sich im vergangenen Jahr in 34 Ländern gegen 385 unlautere Wettbewerber zur Wehr setzen; die Dior-Fahnder deckten 115 neue „Fälle“ auf. Ähnliche Erfahrungen machte das französische Traditionsunternehmen Louis Vuitton, das sündhaft teure Taschen, Reisekoffer und Accessoires feilbietet:

  • 1980 konnte in Mailand eine Fabrik stillgelegt werden, in der täglich 3 500 Vuitton-, Dior- und auch Saint-Laurent-Fälschungen angefertigt wurden. Allein in Venedig boten siebzehn Läden Vuitton-Kopien an.
  • Ein Jahr später beschlagnahmte in Lecco die italienische Polizei runde 37 Kilometer Leinwand, auf die das berühmte Louis-Vuitton-Signet (LV) aufgedruckt worden war. Der Stoff hätte international in 250 Fälscherwerkstätten verarbeitet werden sollen.
  • Im Frühjahr 1984 wurde in Japan erstmals ein Vuitton-Fälscher zu einem Jahr Haft verurteilt.
  • Im Januar 1985 faßten Polizisten in Osaka einen Fälscher, der seit 1981 seinem Geschäft nachging. Vuitton-Chef Henry Racamier freute sich über den Fang: rund 2000 nachgemachte Fertigprodukte und 10 000 Einzelteile.
  • Gleichzeitig wurde in Hiroshima ein Vuitton-Fälscherring dingfest gemacht; elf Zwischenhändler kamen in Untersuchungshaft, 3000 Falsifikate wurden sichergestellt.
  • Im Februar gingen in Japan zwei weitere Schwindler ins Netz. Der eine hatte von März bis Dezember insgesamt 13 500 Portemonnaies und Brieftaschen abgesetzt, der andere 3900 Nachahmungen sieben verschiedener Vuitton-Modelle versilbert.
  • Ebenfalls im Februar verurteilte das Pariser Appellationsgericht einen Vuitton-Fälscher zu einem Jahr Gefängnis ohne Bewährung. Weitere Verfahren laufen in Spanien, in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten.

Hohe Preise locken Fälscher