Von Hanno Kühnert

Als Alfred Kerr auf einer Italienreise zwei Engländerinnen kennenlernte, sagte er nach dem Gespräch zu seinem Sohn Michael: "Gott strafe England!" Man hatte sich über Amalfi unterhalten. Die beiden Damen hatten andauernd "Ämelfai" gesagt, was den Sprachästheten Kerr gewaltig ärgerte. Der Sohn, seit 50 Jahren in England lebend und längst im britischen Establishment zu Hause, erinnert sich mit Schmunzeln. Auch Alfred Kerr selber verbrachte die letzten dreizehn Jahre seines Lebens (von 1935 bis 1948) in London – als Flüchtling. Kerr schätzte England als freies Land und wegen des zähen Widerstandes gegen Hitler, aber er hätte Frankreich bevorzugt, und die deutsche Heimat liebte und vermißte er schmerzlich.

Wer heute etwas über Alfred Kerr wissen will, der kann das informative, aber unvollständige Alfred-Kerr-Archiv in der Berliner Akademie der Künste besuchen. Er kann auch die verstreut und vereinzelt erschienenen Nachdrucke der von Hitler verbrannten Bücher Kerrs lesen. Aber er findet in Deutschland keine Biographie Alfred Kerrs außer der J. Chapiros aus dem Jahr 1928 (Ein Buch der Freundschaft") ‚ wenn eine Bibliothek sie noch hat.

Sehr lebendig wird der Mensch Alfred Kerr aber durch Erzählungen seiner Tochter Judith Kerr-Kneale und seines Sohnes Michael Kerr, die heute beide in England leben. In ihren Wohnungen hängen Bilder Alfred Kerrs, und die beiden bewahren seine Erstdrucke, seine Manuskripte, die Reste seiner persönlichsten Habe und seine Erinnerung.

Michael Kerr bestätigt, daß Alfred Kerr im Jahr 1911 seinen Familiennamen von Kempner in Kerr ändern ließ, weil er nicht mit "der schlesischen Nachtigall" Friederike Kempner in Zusammenhang gebracht werden wollte. Kerr, der es mit der Sprache ungemein ernst nahm, muß sich über die unsäglich komische Lyrik der Pseudo-Dichterin, über die das damalige Deutschland lachte und die seinen Namen trug – er war schon sehr bekannt –, sehr geärgert haben. So taufte er sich um – der Sohn hat noch die Urkunde mit der Unterschrift des Kaisers Wilhelm II. Michael Kerr erzählt, sein Vater habe heftig bestritten, mit der dichtenden Dame, die ebenfalls aus Breslau stammt, verwandt zu sein. Aber als Bertolt Brecht Kerr noch in Weimarer Zeiten einmal vorhielt, Kerrs gekonnte Komik sei das Erbteil der echten, unfreiwilligen Komik seiner Tante Friederike Kempner, antwortete Kerr bissig im Berliner Tagblatt: "Nächtlich über dem Gebeinfeld / Hört man manchmal I-a schrein: / Wenn dem Esel sonst nichts einfällt, / fällt ihm meine Tante ein!" Doch ein Beleg für nahe Verwandtschaft?

Es wäre für Kerr heute nicht mehr ehrenrührig. Von den Kempners, Kerrs Familie, ist in Deutschland "nichts geblieben". So drückt der Sohn die Tatsache aus, daß die meisten ermordet wurden. Eine Schwester Alfred Kerrs ist mit ihrer Tochter 1937 nach Palästina ausgewandert. Trotz damals schon drückender Armut fuhr Kerr mit dem Zug zum Abschied nach Marseille: "Er wußte, daß er sie nie wiedersieht."

Das Leben der Kerrs in England in einer Pension, die nach einem Bombentreffer in einen Vorort umsiedelte, war äußerst karg. Alfred Kerr, der sich schon in der Schweiz und in Frankreich nicht hatte halten können, versuchte nach einem Anfangserfolg bei dem Filmproduzenten Alexander Korda verzweifelt, Manuskripte bei der BBC loszuwerden. Aber er hatte aus Berliner Zeiten noch Feinde und Gegner, und so konnte er in den deutschen Sendungen nichts unterbringen. Seine Arbeiten wurden ins Spanische übersetzt und nach Südamerika gesendet!

Aber solche Kränkungen trafen Alfred Kerr nicht besonders. Er war sehr selbstsicher und unbeirrbar und schrieb jeden Tag in seinem Zimmer in der Pension. Der Sohn sinniert heute, ob diese langdauernde Armut eigentlich sein mußte. Er weiß nicht und versteht auch nicht, warum die Eltern nicht nach Amerika gingen, als sie in Frankreich nicht existieren konnten. Sie hätten größere Chancen in Amerika gehabt, viele Bekannte in Hollywood. Julia Kerr, die 32 Jahre jüngere Frau Alfred Kerrs, mußte in London mit kümmerlicher Sekretariatsarbeit das Geld zum Unterhalt der Familie verdienen. Sohn und Tochter Kerr brachten sich ganz früh selber durch, denn Alfred Kerr, der nur schlecht englisch sprach, verdiente fast nichts. Gelegentlich schickten die Verwandten von Julia Kerr, die Familie des ehemals preußischen Staatssekretärs Robert Weismann, die jetzt in Nizza lebte, etwas Geld. Aber Alfred Kerrs Verhältnis zu seinem (fast gleichaltrigen) Schwiegervater war schon immer gespannt gewesen, seit dieser einmal in Berlin eine junge Schauspielerin verehrte, von der sein Schwiegersohn in der Zeitung schrieb, sie könne ja wahrscheinlich vieles, aber nichts auf der Bühne. In London lebte eben ein wenig auch die alte Zwietracht unter den Emigranten weiter, sonst hätten die Kerrs nicht Not gelitten.

Dazu kam, daß Alfred Kerr sich wenig für die praktischen Dinge des Lebens interessierte, schon gar nicht für Geld. Er wußte, was er wert war, und die Geldsorgen überließ er seiner Frau, die deshalb viel unglücklicher war als er. Als sie um 1920 heirateten, so hat es der Sohn von der Mutter gehört, hatte Alfred Kerr, der berühmte Kritiker, noch nicht einmal ein Bankkonto: Er bewahrte die Banknoten im Sessel und im Diwan auf, wo sie die verblüffte junge Frau fand.

Der Sohn, Jurist und nach eigenem Bekunden mit einem anderen Naturell als der Vater versehen, drückt es so aus: "Mein Vater war alles andere als ein Jurist." Alfred Kerr war einfach unpraktisch, er erfüllte das Klischee eines Literaten. Mit einer Ausnahme: auch der Erfolg schien ihm weniger wichtig. So hatte Julia Kerr die Hauptlast der Armut zu tragen, und der Sohn meint heute, seine Eltern hätten es, wenn sie lebenstüchtiger gewesen wären, leichter haben können: "Denn mit der Bedeutung meines Vaters und der Energie meiner Mutter hätten sie diese Geldsorgen überwinden müssen." Aber in Wirklichkeit wußten sie oft nicht, wie sie ihre beiden ärmlichen Zimmer bezahlen sollten. Alfred Kerr war nicht bereit, Kontakte zu suchen, um sich durchzuschlängeln – "das war nicht seine Natur". Seine Frau suchte ihn verzweifelt zu bewegen, sich besser zu "verkaufen". Das wollte er aber nicht. "Er hat immer gekritzelt."

Noch heute kommen Menschen zu Michael Kerr, die dem Vater damals geholfen hätten, die ihn kannten. Wenn er sich nur gemeldet hätte. Sie wußten nicht, wie ärmlich es bei Alfred Kerr zuging. Die Familie hatte alles in Deutschland lassen müssen, Möbel, Bücher, Vermögen, Bankguthaben; sogar Honorare ist sein Verlag Alfred Ken schuldig geblieben. Doch er fand auch dieses Leben interessant, und wer die bewegende Englandskizze "Abnutzung des Gefühls" liest, die 1940 im New Yorker Aufbau erschien, findet bestätigt, was sein Sohn heute sagt: Alter – er war 1933 schon 66 –, Verbannung und Armut haben ihn nicht beeinträchtigt, er war sehr rüstig und "seine Persönlichkeit hat sich bis zum Ende überhaupt nicht verändert. Nur Deutschland hat er immer furchtbar vermißt".

Zwischen den liebevollen Worten des Sohnes klingt auch Abstand gegenüber dem Vater durch. Die Vehemenz des Kritikers Alfred Kerr ist dem Sohn schwer verständlich: "Da war eine große Schärfe drin, und manchmal hat man das Gefühl, daß die Art und Weise des Ausdrucks manchmal wichtiger ist als der Sinn." "Krach machen", hat Alfred Kerr einmal zu seinem Sohn gesagt, "ist eines der größten Vergnügen des Lebens." Das ärmliche Leben der Kerrs war in dieser Unbekümmertheit überhaupt nur möglich, weil sich das Ehepaar trotz aller Differenzen des praktischen Lebens liebte und eine glückliche Ehe führte.

Als der Krieg zu Ende war, konnte Alfred Kerr an eine Rückkehr in das zerstörte Deutschland nicht denken. Julia Kerr ging als Dolmetscherin und Sekretärin zum Kriegsverbrecherprozeß nach Nürnberg. Robert M. W. Kempner erwähnt sie in seinen Memoiren. Die gröbste Armut war zu Ende. Aber Alfred Kerr lebte die letzten 18 Monate seines Lebens als 80jähriger allein in einer Pension in Putney, wo er unentwegt schrieb. 1948 lud ihn das British Council zu einem Besuch nach Hamburg ein. Er flog zum erstenmal in seinem Leben und sah erschüttert die zerstörte Stadt und Deutschland wieder. Abends besuchte er das Theater und wurde vom Hamburger Publikum gefeiert. Aber die Aufregung war zu groß, Alfred Kerr erlitt einen Schlaganfall. Er war halbseitig gelähmt. Einem Journalisten, der ihn besuchte, sagte er nur, so schlecht sei die Aufführung nun doch nicht gewesen. Als sich sein Zustand nach fünf Wochen nicht besserte, beendete Alfred Kerr mit einer Überdosis von Tabletten sein Leben. An seine Kinder schrieb er mit der linken Hand kleine Abschiedsbilletts. "Ich habe das Leben sehr geliebt, es aber beendet, als es zur Qual wurde."

Alfred Kerrs Werk ist zum Teil noch unveröffentlicht, zum Teil verstreut gedruckt, zum Teil vergriffen oder vernichtet. Die verlegerische Situation ist schandbar und traurig. Judith Kerr: "Ich werde ganz wild, wenn ich daran denke, daß meine Bücher in Deutschland so gut gehen, daß aber die Bücher von meinem Vater niemand lesen kann." Doch, einiges gibt es; leicht lassen sich acht bis neun Verlage aufzählen, die Kerr-Bücher druckten.

Kerrs Lebenswerk ist aber das einzige schriftstellerische Werk aus der Emigration, das noch nicht wieder als Œuvre verlegt ist. Günther Rühle, selber renommierter Theaterkritiker und seit kurzem Schauspieldirektor in Frankfurt, sucht seit fünf Jahren einen Verleger für eine Alfred-Kerr-Gesamtausgabe. Die Verlage wollen das aber nur mit einem Finanzier machen. Eine Million Mark scheint Rühle notwendig, denn es sind beträchtliche Vor- und Wühlarbeiten nötig. Man müsse einen großen Betrieb aufziehen. Aber es sei gar keine Frage, daß sich das für die "Jahrhundertfigur" Alfred Kerr auch lohne. In der Tat gab es in Deutschland seit Lessing und Schlegel keinen Theaterkritiker, der so einflußreich war und auch so viel anderes schrieb, was heute ebenso mit Vergnügen gelesen wird. Die Buchhändler spüren es und sagen es: Interesse für Alfred Kerr ist da und wächst sogar. Nicht Mäzenatentum – Geschäftssinn könnte hier gefragt sein.