August Wilhelm Eitz, Generalbevollmächtiger des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks und zugleich Geschäftsführer der Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft (SBK) in Essen ist Techniker und ein eher vorsichtiger Mann. Doch obwohl allenthalben große Skepsis herrscht, daß die Kerntechnologie der Zukunft noch in diesem Jahrhundert eine Chance hat, ist Eitz nachgerade grenzenloser Optimist: „1989, vielleicht erst 1990, könnte mit dem SNR 2 begonnen werden.“

SNR 2 bedeutet Schneller-Natriumgekühlter-Brutreaktor Nr. 2. Er wäre der Nachfolger des Prototyps dieser neuen, fortschrittlichen Reaktorlinie, der derzeit im niederrheinischen Kalkar gebaut wird und Ende des Jahres fertig sein soll.

Gemessen an den Erfahrungen mit dem Prototypen ist der Optimismus des RWE-Managers, mit dem SNR 2 könne schon Ende des Jahrzehnts begonnen werden, allerdings ausgesprochen kühn. Bislang nämlich steht der fortschrittliche Brutreaktor von Kalkar eher für eine Technologie, an der wenig Fortschrittliches zu zeigen ist: Aus der ursprünglich vorgesehenen Bauzeit von maximal sechs Jahren sind inzwischen 14 Jahre geworden; die ursprünglich auf 1,5 Milliarden Mark festgesetzten Baukosten haben jetzt schon 6,5 Milliarden Mark erreicht.

Das deutsche Brüter-Programm ist in den frühen sechziger Jahren entstanden, vornehmlich im Kernforschungszentrum Karlsruhe unter Leitung des Kernphysikers Wolf Häfele, der heute Leiter der Kernforschungsanlage Jülich und so etwas wie ein deutscher Brüterpapst ist. Der Faszination dieser Technologie sind viele erlegen, was nicht verwundert: In einer Zeit, in der die Energieressourcen knapp wurden, versprach der Brüter die Lösung aller Energieprobleme. Funktioniert der Reaktor, so erbrütet er im Betrieb neuen Kernbrennstoff. Mit Hilfe der Brüter kann aus dem Uran sechzigmal so viel Energie gewonnen werden wie mit herkömmlichen Reaktoren.

So wie die Wissenschaftler von den Aussichten der Technologie fasziniert waren, so angetan war auch die Bonner Forschungsbürokratie. Zur Historie des Projekts Kalkar gehört, daß es der Stromwirtschaft dank des engen Zusammenwirkens zwischen Forschern und dem Finanzier, nämlich der öffentlichen Hand in Bonn, nahezu aufgezwungen wurde. Die Elektrizitätswirtschaft als künftiger Betreiber dieses Reaktortyps war zurückhaltend. Daß sie dennoch Zugriff, hat damit zu tun, daß sie den Reaktor beinah zum Nulltarif bekommen sollte. Der ursprüngliche Kostenschlüssel: 92 Prozent sollte die öffentliche Hand zahlen, acht Prozent die private Wirtschaft.

Die Verteuerung des Projekts auf 6,5 Milliarden Mark – bei der Endabrechnung werden es wohl eher sieben Milliarden sein – führte Anfang der 80er Jahre zu einer Modifizierung des Kostenschlüssels. Die öffentliche Hand trägt jetzt 71,5, die private Wirtschaft 28,5 Prozent der Kosten. Der Anteil des Branchenführers RWE liegt bei rund 750 Millionen Mark. Sollte der Reaktor gut funktionieren, könnte das RWE diesen Betrag verschmerzen. Gemessen an den Kosten eines herkömmlichen Reaktors mit etwa 1200 Megawatt (MW) Leistung hält sich der RWE-Anteil am Brüter in Kalkar, der rund 300 MW leistet, durchaus im Rahmen. Ein 1200-MW-Kernkraftwerk kostet gegenwärtig gut fünf Milliarden Mark.

Die Ursachenforschung über Bauverzögerung und Kostensteigerungen des Schnellbrüters Kalkar füllt mittlerweile umfangreiche Aktenbände. Zu den wesentlichen Gründen zählen: schlechtes Management auf allen Ebenen der Projektleitung, mangelnde Kontrolle durch den Bonner Geldgeber und ein Genehmigungsverfahren, das durch immer neue, kostspielige Sicherheitsauflagen gekennzeichnet war.

Die Neuverteilung der Lasten ist wesentliches Verdienst von Forschungsminister Heinz Riesenhuber, der allerdings auf gute Vorarbeiten seines Vorgängers Andreas von Bülow aufbauen konnte. Als die Kostenexplosion Ende der siebziger Jahre nicht mehr länger zu leugnen war, in Bonn überdies die Gelder knapper wurden, stellte sich bald die Frage: Abbruch oder weitermachen – dies allerdings mit höherem Anteil der Wirtschaft. Daß der Brüter in Kalkar am Ende doch noch fertiggestellt wird, ist ein Produkt der Wende. Riesenhubers Vorgänger von Bülow erklärte nach seinem Ausscheiden aus dem Amt, er hätte das Brüter-Projekt in Kalkar ebenso abgebrochen wie das andere Reaktor-Projekt für die Zukunft, den Hochtemperaturreaktor in Schmehausen bei Hamm. Von Bülow: „Ich glaube an beide Reaktoren nicht mehr.“

Die RWE-Manager Spalthoff und Eitz hingegen haben ihren Glauben nie verloren. Allerdings wollen sie aus Kalkar gelernt haben. Spalthoff nennt als Kardinalfehler: „Der Prototyp hätte nicht nach dem gleichen Genehmigungsverfahren gebaut werden dürfen wie es für einen kommerziellen Leichtwasserreaktor erforderlich ist. Das war eine Komponente, die das Projekt enorm verteuert und die viel Zeit gekostet hat.“ Allein die Hälfte der Mehrkosten ist durch Verzögerungen entstanden.

Allerdings scheinen sich Bauherr und Betreiber des Brüters ebensowenig wie die Erbauer des Kraftwerkes gegen die ständig wachsende Auflagenflut der Genehmigungsbenörden gewehrt zu haben. Den Erbauern konnten die Auflagen nur recht sein. Das trieb die Baukosten in die Höhe, folglich auch die Gewinne. Bauherr und Betreiber schließlich mochten denken: Bonn zahlt. Solange der private Eigenanteil der Wirtschaft nur bei acht Prozent lag, ließ sich selbst Unsinn verkraften.

SBK-Geschäftsführer Eitz sieht es freilich anders: „Wir haben oft Auflagen schlucken müssen, weil das Gegenteil letztlich teurer gekommen wäre. Wenn das Umsetzen einer Auflage eine Million Mark kostet, die Abwehr einer unnötigen Auflage aber eine Woche und mehr, dann fragt man sich doch, was die pragmatischere Lösung ist, zumal wir ja auch wußten, daß die Abwehr einer Auflage bei unseren Genehmigungsbehörden und unter den heutigen politischen Aspekten gar nicht machbar ist. Deshalb haben wir viele Auflagen geschluckt.“

Zu beträchtlichen Verzögerungen führten schließlich die langwierigen Verhandlungen über eine Neuverteilung der Lasten. Die Elektrizitätswirtschaft hat sich lange geziert, ehe sie ihren Anteil aufstockte. Die Zurückhaltung hatte allerdings einen Grund – den 1978 vom Bundestag beschlossenen parlamentarischen Vorbehalt gegen die Inbetriebnahme des Kalkarer Kraftwerks.

Eitz: „Die Finanzierung war ja überhaupt nur machbar, nachdem das politische Fragezeichen beseitigt war. Es finanziert doch keiner ein Projekt, von dem er nicht weiß, ob es auch realisiert wird.“ Die Aufhebung des Bundestagsvorbehalts im Jahre 1982 hat den Bauherrn seither offensichtlich beflügelt. Wenn der Reaktor Ende des Jahres tatsächlich in die heiße Phase tritt, dann wäre das bereits sieben Monate vor dem 1982 vorläufig zum letzten Male – gesetzten – Plandatum.

Für das RWE ist damit die Zeit gekommen, konkret über das Nachfolgeprojekt SNR 2 – ein Reaktor mit der Leistung eines vergleichbaren konventionellen Kernkraftwerks – nachzudenken. Daran werden allerdings nicht nur – wie in Kalkar

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– Belgier, Engländer und Niederländer, sondern auch Franzosen und Italiener beteiligt sein. Spalthoff: „Unsere Zielvorstellung ist, daß es keine nationale Entwicklung mehr gibt, sondern eine internationale. Wenn die Entwicklung jetzt weitergehen soll, dann muß das ein europäischer Brüter sein.“

Hinter dieser Überlegung steht nicht zuletzt das Bemühen, die finanziellen Risiken auf möglichst viele zu verteilen. Die Bundesregierung will sich jedenfalls nicht an einem Nachfolgeprojekt von Kalkar beteiligen. Forschungsminister Heinz Riesenhuber hat mehrfach betont: „Der SNR 2 ist Sache der Industrie.“ Und auch SBK-Geschäftsführer Eitz meint: „Es wird wohl keine staatlichen Mittel für das Projekt geben.“

In früheren Jahren hatte die Stromwirtschaft noch geglaubt, Bonn werde sich an dem geplanten Nachfolgebrüter beteiligen. Eitz: „Wir hatten uns vorgestellt, man könne sich die Mehrkosten, also das, was über die Größenordnung eines konventionellen Leichtwasserreaktors hinausgeht, teilen. Man hat damals gesagt, wenn der Brüter 40 Prozent teurer wird, dann trägt jeder die Hälfte. Das ist aber nicht mehr diskutabel, obwohl ich das immer noch für vernünftig halte. Nur: Wir erwarten beim Bau keinen direkten Zuschuß der öffentlichen Hand.“

Die leise Einschränkung – keine direkten Zuschüsse – macht stutzig. Der Berliner Politologe Otto Keck, einer der besten Kenner der Entscheidungsprozesse um den Schnellbrutreaktor in Kalkar und kein Mann, der leicht in eine linke Ecke gestellt’ werden könnte, befürchtet, die Industrie werde eine Beteiligung der Öffentlichen Hand auf Umwegen erreichen. Ein Weg wäre, verstärkt Bonner Forschungsmittel anzuzapfen. Brüter-Manager Eitz rechnet denn auch mit einer weiteren Förderung der Schnellbrüterforschung.

Der Rückgang der Fördermittel für den Brüter von 450 Millionen (1984) auf 410 Millionen Mark im Jahr 1985 spricht zunächst dafür, daß Forschungsminister Riesenhuber seine Ankündigung, die Subventionierung der Kernenergie zurückzuschrauben, tatsächlich ernst meint. Andererseits fällt auf, daß die für die kommenden Jahre vorgesehenen staatlichen Zuschüsse zur Schnellbrüterentwicklung um etwa zehn Prozent höher veranschlagt wurden als noch 1984 geplant war.

Ebenso fällt auf, daß die Entwicklungskapazitäten, die sich in den Großforschungsinstituten mit der Brütertechnologie beschäftigten, nicht so gesenkt werden wie geplant. Keck vermutet, daß hinter dem Rücken der Öffentlichkeit versucht wird, die Weichen für einen positiven Beschluß über den Bau des Nachfolgeprojektes und über entsprechende staatliche Beteiligungen zu stellen.

Keck: „Die Leistungen des bisher so erfolgreichen Forschungsministers Riesenhuber wird man in Zukunft auch daran messen müssen, ob er dieses Spiel durchschaut und ihm Einhalt gebietet. Meiner Auffassung nach sollte der Staat keine Mittel mehr für die Weiterentwicklung der Schnellbrütertechnologie bewilligen.“

Glaubt man den RWE-Managern Spalthoff und Eitz, dann ist das auch gar nicht nötig. Spekulationen über gigantische Baukosten für einen Brüter in der Höhe des Zwei- bis Dreifachen konventioneller Leichtwasserkraftwerke halten Spalthoff und Eitz für außerordentlich übertrieben. „Es bestehen gute Aussichten, die Eigenschaften des Brüters zu nutzen und die Investitionen dafür in die Nähe der Kosten eines Leichtwasserreaktors zu bringen. Das haben wir der Industrie auch als unser Ziel vorgegeben.“

Die Industrie – das ist vor allem die Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU), die schon den Prototyp in Kalkar baut. Und KWU-Chef Klaus Barthelt hat erst kürzlich erklärt, die KWU werde die Zielvorgabe des RWE erfüllen können. Zwar weiß Barthelt ebenso wie Eitz, daß sich das nicht ganz erreichen läßt. Für die Elektrizitätswirtschaft gibt es allerdings eine Schmerzschwelle, die nicht überschritten werden darf: weil das Nachfolge-Kraftwerk noch ein Einzelstück ist, darf es maximal zwanzig Prozent teurer sein als ein konventioneller Reaktor. Eitz betont: „Wenn die Anlagekosten für den Brüter auf lange Sicht deutlich teurer werden als beim Leichtwasserreaktor, dann kann er nicht kommen.“

Als die Stromwirtschaft Anfang der sechziger Jahre ihr Wachstum auf Basis der Kernenergie plante, war die Situation anders. Schon damals war die Erzeugung von Strom aus neuen Kernkraftwerken deutlich billiger als Elektrizität aus Steinkohlekraftwerken. Für die Wirtschaft war das ein Anreiz, auf Kernenergie zu setzen.

Ähnlich sah die Situation aus, als die Brütertechnologie ins Gespräch kam. Ende der sechziger Jahre zeichnete sich ab, daß die Uranpreise auf absehbare Zeit steigen würden. Es wurde sogar befürchtet, ein Uran-Preiskartell könne die Industrieländer ähnlich wie das OPEC-Kartell zu erpressen suchen.

Der Brutreaktor wurde so zum Symbol für die Unabhängigkeit der Industrieländer vom Energieimport: Er könnte Ersatz für Erdöl sein und würde die Industrienationen zudem noch unabhängig vom Uranimport machen. Das relativ kurze Zeitalter der Leichtwasserreaktoren schien damit schon beendet.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Natururan ist im Überfluß vorhanden; die Preise haben sinkende Tendenz. Ein Uran-Kartell à la OPEC ist unwahrscheinlich geworden. Weil der Brüter teurer sein wird als ein Leichtwasserreaktor, die Kosten für den Brennstoff vorerst auch höher liegen, „wissen wir, daß er insofern nicht allein aus wirtschaftlichen Gründen kommt“ (Eitz).

Warum also dennoch? Spalthoff und Eitz argumentieren, daß die Stromerzeugung aus Brutreaktoren – wenn auch etwas teurer als die aus Leichtwasserreaktoren – immer noch wesentlich billiger sei als die aus deutscher Steinkohle. „Wenn wir ohnedies das Opfer bringen, indem wir teure Steinkohle verbrennen – und zu diesem Opfer steht die Elektrizitätswirtschaft dann ist das, was man mit dem Brüter plant, eine vergleichbare Maßnahme. Auch das bedeutet eine langfristige Absicherung unserer Energieversorgung, die politisch notwendig ist.“

Franz Josef Spalthoff hat ein weiteres Argument parat: Immerhin sei die Brütertechnologie mit erheblichen Steuermitteln gefördert worden. Seine Frage: „Sollen wir das Buch jetzt zuschlagen, nur weil wir die kommerzielle Nutzung heute nicht brauchen? Ob wir dann noch einmal zum Wagnis des Neuanfangs bereit sind, darüber muß man nachdenken.“ Er plädiert für einen Weg, mit geringstem Mitteleinsatz das Projekt weiterzubetreiben, „ohne daß es zum technologischen Fadenriß kommt“.

Das bislang gewonnene Know-how lasse sich kaum konservieren, um es irgendwann im nächsten Jahrhundert einsatzreif aus der Schublade zu ziehen. Spalthoff: „Die Leute, die Wissensträger, die wir in den Unternehmen haben, sind doch alle keine Dreißigjährigen mehr. Das ist die erste Generation, mit der die kommerzielle Nutzung der Kernenergie begonnen hat. Wenn wir hier abbrechen, dann sind die in ein paar Jahren weg. Will man die Technologie vorhalten, dann kann man das nicht vom Reißbrett und vom Labor aus.“

SBK-Geschäftsführer August Wilhelm Eitz beteuert jedoch, daß man die Technologie nicht um jeden Preis halten will. Eine zweite Kostenexplosion à la Kalkar „wollen wir nicht riskieren. Die Entscheidung wird durchdacht sein und nicht vor 1989/1990 fallen“.

Aus der bisherigen Abwicklung des Brüter-Prototyps in Kalkar will die Elektrizitätswirtschaft vor allem gelernt haben, wie sich die Kosten unter Kontrolle nahen lassen. Eitz: „Wir möchten die Entscheidung so vorbereiten, daß wir genau wissen, was der Bau kostet und wie lange er dauert. Deshalb wird die endgültige Entscheidung erst fallen, wenn wir die Genehmigung haben.“

Zwar kann dann immer noch passieren, daß die Genehmigungsbehörden während der Bauzeit oder später zusätzliche Auflagen nachschieben, etwa wenn sich der Stand der Sicherheitstechnik ändert. Das freilich sind Probleme, die auch bei konventionellen Anlagen auftreten. Ein Beispiel hierfür ist die Pflicht, Kohlekraftwerke nachträglich mit Anlagen zur Entschwefelung auszurüsten.

Eitz: „Das sind Dinge, die man bei der Bauentscheidung nicht voraussehen kann. Doch mit diesen Risiken leben wir immer. Aber es macht einen Unterschied, ob eine umfassende Genehmigung vorliegt, die vor Gericht abgesichert ist, oder ob man ständig mit Änderungen zu tun hat, die man selbst bezahlen muß.“

Und was wird der neue Brüter dann den Stromverbraucher kosten, was muß er dann pro Kilowattstunde mehr bezahlen? RWE-Vorstand Spalthoff ganz selbstsicher: „Das merken Sie gar nicht.“