Von Siegfried Schober

Zu Beginn des Films schaut eine ländliche Familie, die irgendwo am Rande des Großreichs Österreich-Ungarn am Essenstisch sitzt, in die Filmkamera. Jedes Familienmitglied für sich schenkt von der Leinwand herab dem Zuschauer ein Lächeln, das zu verstehen gibt, daß hier Kino gemacht wird, etwas entworfen wird mit Darstellern, Licht und szenischem Arrangement: ein Spiel mit Historischem und Fiktion, eine Geschichte, ein Leben – später stellt es sich allmählich als das Leben jenes Oberst Redl (Klaus Maria Brandauer) heraus, nach dem der Film benannt ist.

Am Schluß des Films ist ein halbes Mannesleben, das des unglückseligen k. u. k. Offiziers Redl, vergangen. In einem ironischen Epilog trennt sich der Regisseur, der Ungar István Szabo, von seinen ästhetischen und psychologischen Finessen, er löst seine Kinogeschichte auf, indem er das Sarajewo-Attentat auf den österreichischen Thronfolger in gestelltem, grauem Wochenschaustil zeigt, um dann überzuleiten zu realdokumentarischen Kriegsbildern vom Ersten Weltkrieg, zu denen der Radetzkymarsch gemütvoll und böse erklingt.

Zwischen der beschaulichen Idylle des Anfangs und dem pyromanischen Wahnwitz des Endes entwickelt der Film seine Erzählung, die von einer Militärperson handelt, deren fatale Karriere kein privates Schicksal war, sondern den Untergang einer politischen Macht widerspiegelt.

Der Menschenfreundlichkeit suggerierende Anfang, zu dem der übrige Film in schroffem Kontrast steht, huldigt denen, die unter der auf Krieg angelegten Militärmaschinerie der Habsburger Doppelmonarchie zuallererst zu leiden hatten, dem einfachen Volk der vom österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat vereinnahmten Außenseiter-Nationalitäten und ethnischen Minderheiten. Aus dieser niedergehaltenen Randwelt, die zu den großen Explosionsrisiken der zerbröckelnden Monarchie gehörte, stammt Redl, Sohn eines armen ruthenischen Eisenbahners in Galizien.

Diesen Redl hat es wirklich gegeben. Er erschoß sich 1913, als er k. u. k. Generalstabschef war. Seinen Fall enthüllte als erster der berühmte Reporter Egon Erwin Kisch, der hinter dem Selbstmord eine gigantische Spionageaffäre vermutete; Redl soll wegen seiner homosexuellen Veranlagung erpreßbar gewesen sein und als Leiter der Spionageabteilung jahrelang wichtige militärische Geheimnisse an das Zarenreich geliefert und zugleich die eigene Armee gezielt über die Russen desinformiert haben.

Istvan Szabo folgt in seinem Film aber bewußt nicht strikt den authentischen Ereignissen, um einen Redl nachzuerfinden, der kein bloßer Sensationsfall ist. Ihn interessiert ein Charakter, dessen fiktive Biographie sehr viel mehr Gebrochenheit, Hintergründiges, Opferhaftes und subtilere Färbungen besitzt. Geschildert wird die Geschichte eines Aufsteigers, der sich tragisch in sein besessenes Karrierestreben verstrickt und schließlich in Fallen sich verheddert, die er als Chefspitzel seines Herrn, des korrupten Thronfolgers Prinz Ferdinand, selber für andere ausgelegt hatte.