Ob er sich träumen ließe, daß auch junge Leute noch nach hundert Jahren seine Reise-Skizzen im Gepäck haben? Ferdinand Gregorovius gehörte nicht zu den Großen der römischen Geschichtsschreiber-Zunft, war kein Ranke, kein Mommsen. Sich selbst schrieb er zu, „die Kunst des Erzählens zu besitzen, die in Deutschland nicht häufig ist“. Das war keine Anmaßung. Seine „Wanderjahre in Italien“ erlebten in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts drei Auflagen (C. H. Beck, München 1978; 886 Seiten, 32 Mark); seine siebenbändige „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ hat – auch in italienischer Übersetzung – bis ins Zeitalter der Taschenbücher überlebt (dtv, München 1978; 98 Mark).

Wer war dieser Gregorovius, der selbst so wenig von Zeitungsschreibern hielt, doch eben als solcher nach Rom gekommen war und blieb? In Neidenburg in Ostpreußen wurde er 1821 geboren, in einer Familie, die schon Jahrhunderte in Masuren lebte, wo sich Deutsches und Polnisches, Schwer- und Leichtblütiges verwob. Als dort der Wechsel vom Katholischen zum Protestantischen auch die Nationalität veränderte, wurden manche Namen nicht germanisiert, sondern latinisiert, aus Grzegorzewski wurde Gregorovius.

Ferdinand, der als Student Polen- und Magyarenlieder dichtete, bekannte sich als Leitartikler in der freisinnigen (und deshalb kurzlebigen) Neuen Königsberger Zeitung zu den Idealen der Revolution von 1848; er schrieb eine „Polnische Leidensgeschichte“ und verurteilte Polens Teilungen als „Verbrechen“.

„Politische Freiheit beiseite – wäre man doch erst von sich selber, frei!“, schrieb der Dreißigjährige, ehe er 1852 nach Italien aufbrach. Vieles läßt darauf schließen, daß er einer doppelten Neigung folgte. Sie zog ihn zu einer schönen Frau, einer zwanzig Jahre älteren Witwe, und ihrem Sohn, einem 24jährigen Maler, der auf der Reise mit seiner Mutter in Italien starb – kurz bevor Gregorovius beide dort treffen konnte. Der Schock ließ Gregorovius nie mehr eine Bindung eingehen und scheint ihn darin bestärkt zu haben, sich Rom ganz zuzuwenden.

„Man lebt hier in der allergrößten Republik und wahrhaften Weltdemokratie ... Die kleinen Miseren von Deutschland und das große Zopf- und Zunftwesen entbehre ich herzlich gerne“, so schwärmt er 1854. Auf dem Pincio, in der Via Sistina 107, die damals Via Felice hieß, bezieht Gregorovius zuerst eine Dachwohnung; später nicht weit davon, in der Villa della Purificazione 63, zwei Zimmer „mit Marmorkamin und einem Arbeitstisch, dessen sich Cicero nicht würde geschämt haben“. Das schmale Haus in der engen Gasse steht noch heute unverändert. „Getto deutscher Künstler nennt man diese schmutzige Straße, Gesindel haust hier .. .“, so mokiert sich Gregorovius – und gehört doch selbst zu diesen Musenjüngern aus dem Norden, wartet wie sie alle mittags im „Caffè Greco“ auf Post – und Geld. 109 Reichstaler kostete seine Wohnung im Jahr, einen halben das tägliche Mittagessen, meist in der Trattoria „Tre Ladroni“ (Drei Räuber).

„Ich habe nichts, aber lebe doch gut, und immer von meiner Feder.“ Es sind vor allem die Augsburger Allgemeine Zeitung, die seine Korrespondenten-Beiträge druckt, und die Stuttgarter „Cotta’sche Buchhandlung“ (Goethes und Schillers Verlag), die Gregorovius für Sammelbände seiner Aufsätze gewinnen kann. Und dann auch für den kühnen Plan, aus der er „entweder als Narr oder als Weiser“ hervorgehen will: die Geschichte Roms im Mittelalter.

Er vergräbt sich in den Archiven von Klöstern, Schlössern und Adelspalästen, reist in holprigen Wagen und zu Pferd durch Kampanien, Umbnen und Latium. Kardinalstaatssekretär Antonelli öffnet ihm die Vatikanbibliothek, doch nicht das Geheimarchiv. Die Notizen stapeln sich in der dritten Behausung, die er 1861 in der Via Gregoriana 13 bezieht, wieder im Künstlerviertel bei der Spanischen Treppe. „Ich las Bibliotheken und schleppe mich so hin, mein Nervensystem ist zerrüttet notiert er.