Seit mehr als acht Jahre, genauer: seit dem 23. Januar 1977, rätseln Experten und Betroffene, Juristen und Zeitungsleser, was der panamesische Frachter "Lucona", unterwegs von Chioggia nach Hongkong, geladen hatte, der an diesem strahlend schönen Januartag urplötzlich und binnen wenigen Minuten im Indischen Ozean nicht weit von den Malediven versank.

Freund Udo – mit bürgerlichem Namen Udo Proksch, mit Künstlernamen Serge Kirchhofer – beteuert, bei der Fracht der "Lucona" habe es sich um eine Uranerzaufbereitungsanlage im Wert von 212 Millionen Schilling gehandelt. Die Bundesländerversicherung hingegen will nicht zahlen und behauptet, es seien ausrangierte Maschinenteile gewesen, also Schrott, die mitsamt der "Lucona" in die Kilometertiefe des Indischen Ozeans sanken, wobei sechs Matrosen ums Leben kamen.

Um diese Streitfrage läuft seit acht Jahren ein Versicherungsprozeß (einer der größten der österreichischen Versicherungsgeschichte), der bereits durch alle Instanzen hinauf- und ninuntergejagt wurde. Seit August 1983 ist außerdem ein Strafverfahren gegen Herrn Udo Rudolf Proksch, geboren 1934 in Rostock, wegen des Verdachts des schweren Betrugs anhängig.

Wer ist Udo Proksch?

Er selbst nennt sich gern kokett einen "gelernten Schweinezüchter". Hauptsächlich aber ist er Geschäftemacher, und zwar wohl einer der umtriebigsten und schillerndsten von Wien. Er hat sich als Brillendesigner betätigt, nennt sich Industrie-Ideologe, schreibt sich Aktivitäten gut, die eher nach Jux klingen (die Gründung eines "Clubs der Senkrecht-Begrabenen", den Entwurf eines "Leichentuchs erster Klasse für die Gemeinde Wien"), wurde 1972 Geschäftsführer und Anteilseigner der k. u. k. Hofzuckerbäckerei Demel am Kohlmarkt, zog einen weitverzeigten und undurchsichtigen Handel mit der Sowjetunion und mit Osteuropa auf, hat die Finger in allerhand Waffengeschäften – er gilt selber als Waffennarr – sowie in einem unübersichtlichen System ineinander verschachtelter Firmen.

Udo Proksch gehört zu den Leuten, die zwar andauernd im Gerede sind, denen man aber nichts nachweisen kann. Er ist Händler, mit einer Vorliebe für den Zwischenhandel zwischen Zwischenhändlern; Hersteller ist er vor allem auf einem Gebiet: Er produziert Freundschaften. Zwar war er schon vorher mit Bürgermeister Gratz und Verteidigungsminister Karl Lütgendorf befreundet, aber die Freundschaftsmanufaktur im großen Stil begann er erst als Demel-Hausherr aufzuziehen.

Da verfügte Freund Udo endlich über die Räumlichkeiten, die Infrastruktur und die vornehme Adresse, um dem Herzenswunsch des Freundes Leopold zu willfahren: nämlich für Leopolds Sozialisten-Freunde einen Klub nach englischem Vorbild einzurichten, einen informellen, aber exklusiven Ort der Begegnung, der vertraulichen Geschäftsanbahnungen und politischen und wirtschaftlichen Vorentscheidungen. Seit es ihn gibt, den "Club 45" im ersten Stock über der Hofkonditorei mit ihren Cremeschnitten und Milchrahmstrudel mampfenden Touristenkohorten, wird er mißgünstig umraunt. Von rechts und von links. Die Bürgerlichen verübeln den roten Parvenüs den Einbruch in ihre privilegierte Traditionssphäre sowie die Imitation konservativer Herrschaftsformen. Klassenbewußte Jungsozialisten wieder meinen, Viktor Adler und Otto Bauer würden sich im Grab umdrehen, wüßten sie, wie selbstvergessen rote Aufsteiger aus dem Arbeitermilieu den feudalen Stil des einstigen Klassengegners nachäffen. Für beide hat der "Club 45"-Hausherr Udo lakonische Antworten. "Die Zeit der Herren ist vorbei", bescheidet er die Rechten. "Sozialismus ist kein Privileg für schlechten Geschmack", schmettert er gegen linke Kritiker,