Von Dieter E. Zimmer

Bücher über Psychotherapie gibt es jede Menge: gelehrte Abhandlungen, die irgendeine der zugrundeliegenden Theorien anreichern oder umformulieren, Werbeschriften für bestimmte Methoden, Erfahrungsberichte. Ein Buch aber wie dieses – mutig, unumnebelt, in bestem Sinn aufklärend – hat es bisher nicht gegeben, und es war dringend nötig: Hansjörg Hemminger/Vera Becker: „Wenn Therapien schaden – Kritische Analyse einer psychotherapeutischen Fallgeschichte“; (Rowohlt Verlag, Reinbek 1985; 440 S., 29,80 DM).

Daß tatsächlich Mut dazu gehört, beweist die mitabgedruckte Klagedrohung eines im Buche vorkommenden Therapeuten; beweist aber auch ein Blick ins letzte konkret- Heft, wo einer der Chefideologen der heutigen Psychoanalyse, der Zürcher Paul Parin, vermeint, alle Kritiker seiner Ordensdogmen als Hexenjäger, Gegenaufklärer, Kalte Krieger, „Wende“-Propagandisten und – warum dann nicht gleich auch noch? – Antisemiten verleumden zu dürfen.

Erzählte irgendein Patient die Geschichte seiner erfolglosen Psychotherapierung, so entgegnete man ihm mit Sicherheit, daß sein Fall, so bedauerlich und so weiter er auch sei, jedenfalls keinerlei Verallgemeinerung zulasse: Entweder sei er bei den falschen Therapeuten gewesen (und das Psycho-Gewerbe ist groß darin, seine zahlreichen Mißerfolge auf bloße Kunstfehler der Kollegen zurückzuführen), oder bei ihm selber stimme es ja wohl nicht ganz. Durchleuchtete dagegen ein Wissenschaftler die psychotherapeutische Praxis kritisch, so hielte man ihm entgegen, im psychotherapeutischen Alltag sei aber alles ganz anders. Das Buch von Hemminger/Becker nimmt seinen Leser in die Zange, denn es ist. sowohl Fallgeschichte wie theoretisch-kritische Durchleuchtung. Mit den beliebten Argumenten „unglückliche Ausnahme“ oder „abgehobenes Theoretisieren“ läßt sich ihm nicht ausweichen.

„Vera Becker“ ist das Pseudonym einer jungen Frau, die eine Gruselgeschichte zu berichten hat: ihre mehr als zehnjährige Odyssee durch neun verschiedene Psychotherapien, eine trostlose Geschichte der Hoffnungen, Versprechungen, Demütigungen, Schikanen und Enttäuschungen. Fast hebt sich der Abend bei dem Therapeuten, der sie – zu ihrem eigenen Besten selbstverständlich – auf der Stelle zu vergewaltigen suchte, in seiner schlichten Normalität darin noch positiv ab.

In der großen Schar derjenigen, die heute einen Psychotherapeuten in Anspruch nehmen, sind viele, die nur eine diffuse Unzufriedenheit mit ihrem Leben und ihren „Bezügen“ in diese eigentümlichen seelischen Exerzitien treibt. Mit gesunden Anpassungsreaktionen ausgestattet, überstehen sie die meisten Therapien nicht nur wohlbehalten, sondern gehen tatsächlich seelisch bereichert aus ihnen hervor – immerhin haben sie ja auf jeden Fall „etwas erfahren und erlebt“. Vera Becker aber wollte nichts Bereicherndes erleben. Sie „hatte etwas“ (und hat es immer noch), etwas unter psychiatrischen Gesichtspunkten Ernstes: eine Angstneurose. Die Angstneurose überschwemmt den Menschen mit Anfällen panischer Angst, über deren Grundlosigkeit er sich völlig im klaren bleibt, ohne sich doch gegen sie wehren zu können. Sie beeinträchtigt weder den Verstand noch (wie die Depression) die Aktivität. Ein Patient mit einer Angstneurose weiß genau, warum er sich in Psychotherapie begibt: Er will die irrationale Angst loswerden, die sein Leben zur Hölle macht, nicht mehr, nicht weniger. Er hat einen Maßstab.

Alle ihre Therapien haben Vera Becker in dieser Hinsicht nichts genützt, die meisten haben ihr wahrscheinlich aber auch nicht direkt geschadet, sieht man von der verlorenen Zeit und den erheblichen Kosten ab (sie schätzt sie auf etwa 100 000 Mark). Mit einer Ausnahme: Die sogenannte Primärtherapie machte sie für mehr als drei Jahre arbeitsunfähig. Diese Therapie, von dem abtrünnigen Freudianer Arthur Janov erfunden und auch als „Urschrei-Therapie“ bekannt, besteht im wesentlichen darin, ihre „Klienten“ in allerheftigste Gefühlsausbrüche hineinzusteigern, unter dem Vorwand, sie könnten sich auf diese und nur auf diese Weise von irgendeinem – rein hypothetischen – „Urschmerz“ befreien. An unkontrollierbarem Gefühl hatte es Vera Becker nicht gefehlt; nach einigen „Primärerlebnissen“ nahm es vollends überhand. Sie wie auch Hemminger, der sich schon in seinem Buch „Flucht in die Innenwelt“ (Ullstein 1980; 29,80 DM) kritisch des Urgeschreis angenommen hatte, warnen denn auch geradezu vor der Primärtherapie. Nach Hemmingers Beobachtungen überstehen selbst seelisch stabile Patienten sie selten ohne Schaden. Schlimmstenfalls werden sie süchtig nach „Primärerlebnissen“ wie andere nach Heroin. Bestenfalls verfallen sie nur dem Wahn, einzig sie selber seien „real“, alle untherapierten anderen aber kranke Gespenster.

Hemmingers theoretische Kommentierung der Geschichte Vera Beckers befaßt sich vor allem mit der Beziehung, die Patient und Therapeut eingehen, einer sonderbaren Beziehung, wie sie sonst im Leben nicht vorkommt und die vielen Patienten das Gefühl gibt, in eine schwindelerregende Denkfalle geraten zu sein. Zwar spricht der Therapeut mit ihnen über Persönlichstes; er selber aber bleibt als Person völlig unzugänglich. Hemminger analysiert die Paradoxien, die diesen Eindruck hervorbringen, und er analysiert sie in der neutralen Sprache der Kommunikationstheorie, um den Vorentscheidungen zu entgehen, die er wohl oder übel übernehmen müßte, bediente er sich der Sprache der betroffenen Theorien (etwa der psychoanalytischen „Übertragungs“-Mystique).

In normaler Sprache gesagt, ist die Hauptparadoxie diese. Der Patient Kommt – oft unter erheblichem Leidensdruck, der seine Kritikbereitschaft herabsetzt und ihn von vornherein gefügig stimmt – zu jemandem, bei dem er Hilfe sucht und von dem er weiß: Das ist ein Fachmann für solche Hilfe. Der Fachmann nimmt diese Rolle an. Er setzt den Rahmen (den Ort, die Zeit, die Couch, die Gruppe), er lenkt das Geschehen, er interpretiert – direkt oder indirekt – den Patienten. Er spiegelt zum Beispiel im Fall der orthodoxen Psychoanalyse die Erzählungen des Patienten diskret zurück in dessen Vergangenheit: „Kommt Ihnen dies Gefühl bekannt vor? Erinnert Sie das an etwas?“ (Beim Patienten kommt die Botschaft an: Untersuche deine Kindheit im Sinne der Psychoanalyse!) Oder, im Fall der meisten Gesprächstherapien, spiegelt er sie in die aktuelle Gegenwart: „Was fühlen Sie dabei?“ (Die Botschaft: Bring deine „kaputten“ Gefühle in Ordnung!) Selbst wo er sich jeder Interpretation enthält, ist diese sehr wohl präsent; der Patient nämlich versucht, seine Deutungen zu erraten und auf diese Weise – er verspricht sich ja Hilfe davon – das Rechte zu tun. De facto handelt es sich also immer um eine Beziehung, in der der Therapeut die Oberhand hat, und genau so will sie der Patient.

Nur – und dies ist die Paradoxie, in der sich der Patient fängt – wird diese Unsymmetrie meist nicht offen erklärt. Der Therapeut lenkt, tut aber so, als lenke allein der Patient: „Das ist Ihre Therapie! Hier kommt nur aufs Tapet, was Sie selber vorbringen! Hier passiert nur, was Sie selber veranlassen!“ Die paradoxe Botschaft: Der mich gesund machen soll, weil ich es selber nicht kann, will mich gesund machen, indem er mich auffordert, mich selber gesund zu machen!

Was auch immer für diese Strategie sprechen mag – dem Therapeuten verschafft sie jedenfalls einen massiven Vorteil: Er braucht für etwaige Mißerfolge seiner Arbeit nie die Verantwortung zu übernehmen. Schuld hat immer der Patient. Nach normalen menschlichen Maßstäben ist es hanebüchen, wie Vera Becker immer dann abgefertigt wurde, wenn sie sich zaghaft nach dem Erfolg der jeweiligen Therapie zu erkundigen wagte. Ihre Enttäuschung, bedeutete ihr der Analytiker nach zweieinhalb Jahren auf seiner Couch, komme wohl daher, daß sie einst von ihrem Vater enttäuscht war. Die Botschaft: Die Enttäuschung über die Analyse ist ein Teil deiner Krankheit! Als sie in einer anderen Therapie begründete Zweifel vorbrachte, sich also nach normalen Maßstäben besonders erwachsen verhielt, bekam sie zu hören, derlei Ansprüche seien nur ein weiteres Indiz für die Babyhaftigkeit, die ihr Problem ausmache. Die Botschaft: Wer hier kritische Fragen stellt, ist krank – und du willst doch gesund werden?!

Die Aufnahme in eine Psycho-Klinik wurde zu einer regelrechten Machtprobe. Gerade hatte sie sich auf ein ihr zusagendes Körpergewicht heruntergehungert. Jetzt mußte sie nur, um dem Therapeuten zu beweisen, daß sie kirre war, sich übers Wochenende vier Pfund anfressen. In derselben Klinik wurde sie später – bei Tageskosten von 250 Mark – zu Putzarbeiten verurteilt. Die Devise: „Kapituliere doch endlich!“

In relativ guter Erinnerung hat sie nur einen Arzt behalten, der nach der altmodischen Methode „Medikamente, gute Ratschläge und viel Ablenkung“ verfuhr; und auch die Sanyassins, die zwar nicht halfen, aber sehr freundlich waren.

Bei der großen theoretischen Aufsplitterung der Psycho-Szene wäre es bare Sisyphus-Arbeit, jede der mannigfachen und widersprüchlichen Verzweigungen, die der ursprünglichen Freudschen Tiefenpsychologie im Laufe der Zeit zugewachsen sind, auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Wann immer das Ergebnis negativ ausfiele, wären Mitbewerber da, die sagten: Mag alles sein, aber meine persönliche Variante der Lehre betrifft es nicht. Doch vielleicht ist diese Sisyphus-Arbeit gar nicht nötig. Wenn nämlich schon in den Wurzeln der Wurm sitzen sollte, wird die Intaktheit einzelner Verästelungen der Theorie vergleichsweise uninteressant. Hansjörg Hemminger – biologischer Anthropologe an der Universität Freiburg und selber jahrelang als Psychotherapeut tätig – liefert eine solche mustergültig radikale, nämlich an die Wurzeln gehende Kritik.

Als die Wurzel aller tiefenpsychologischen Praxis hat er schon in seinem hervorragend rationalen Buch „Kindheit als Schicksal?“ (Rowohlt 1982; 29,80 DM) zu Recht die Traumatheorie identifiziert. Den Schaden, den der Tiefenpsychologe zu behandeln unternimmt, die aktuelle seelische Störung, das sogenannte „Symptom“ führt die Traumatheorie auf eine frühere seelische Verletzung zurück, eben ein Trauma. Die tiefenpsychologische Traumatheorie behauptet nicht einfach, daß seelische Verletzungen aktuellen Schmerz hervorrufen (was sie selbstverständlich tun). Sie behauptet auch nicht nur, daß solche Verletzungen langanhaltende Wirkungen haben können (kein Psychologe bezweifelt, daß sie die bisweilen haben).

Die tiefenpsychoanalytische Traumatheorie behauptet vielmehr, daß ein Trauma, besonders dann, wenn es in frühester Kindheit eingetreten ist, „im Unbewußten“ weiterwirke und von dort aus später seelische oder körperliche („psychosomatische“) Störungen vieler Art hervorrufe. „Im Unbewußten“: Der Betroffene weiß selber nicht das mindeste davon, und zwischen dem „Symptom“ und dem auslösenden „Trauma“ braucht keinerlei erkennbare Beziehung zu bestehen. Mit zwei Jahren beißt dich ein Hund, mit dreißig bekommst du Asthma – die Tiefenpsychologie ist jene Psychologie, die zwischen zwei solchen Ereignissen einen Zusammenhang sucht und gegebenenfalls nachweisen möchte, daß die Ursache des Asthmas jener seinerzeit „unverarbeitete“ Hundebiß war.

Manchen Patienten wundert es, daß seine Krankheit in den Augen eines tiefenpsychologisch orientierten Therapeuten sofort zu einem bloßen und selber nicht weiter interessierenden „Symptom“ wird. Im Sinne der Traumatheorie ist das nur folgerichtig. Die Kur soll ja eben darin bestehen, daß nicht die jeweilige Krankheit behandelt wird, sondern das unsichtbare Trauma, das sie vermeintlich verursacht hat. Darum ist die orthodoxe Psychoanalyse eine einzige, langwierige Erörterung der Kindheit; darum befassen sich auch einige der ketzerischen neuen Schulen ausgiebig mit mutmaßlichen kindlichen Erfahrungen. Zum Beispiel eben die Primärtherapie, die den angeblich seit der Kindheit aufgestauten „Urschmerz“ austreiben will.

Aber gibt es eine solche gesetzmäßige – oder bescheidener: regelhafte – Verknüpfung zwischen kindlichem Trauma und diversen späteren Leiden überhaupt? Aus den rekonstruierten Einzelfallgeschichten, die die Domäne der Tiefenpsychologie sind, lassen sich Regelhaftigkeiten grundsätzlich schwer ableiten. Dazu ist eine Empirie anderer Art nötig: sogenannte kontrollierte Studien, die Daten vieler Menschen möglichst objektiv erheben und vergleichen (und das fährt zwangsläufig zum Messen, zum Zählen, zur Statistik).

Die Traumatheorie ist empirisch überprüft worden. Es steht nicht gut um sie. Eine ganze Reihe von Studien ging der Frage nach, ob Menschen, die in früher Kindheit erkennbar schweren seelischen Belastungen ausgesetzt waren, später häufiger als andere zu neurotischen oder psychosomatischen Problemfällen werden. Fast durchweg war das Ergebnis: Sie werden es nicht. Die tiefenpsychologische Traumatheorie kann also nicht richtig sein. In ihrem Sinn ist die Kindheit kein Schicksal. Daß sie irrig ist, begann sich schon vor zwanzig Jahren herauszustellen und wurde seitdem immer nur noch deutlicher. Die Psychoanalyse und die verwandten Therapieschulen aber haben weitergemacht, als wäre nichts.

Die unbezweifelbaren Langzeitwirkungen der sogenannten frühkindlichen Deprivation sind kein Gegenbeweis. Es ist richtig, daß ein Kind, das die geliebte Bezugsperson verliert oder ihrer nie sicher sein kann oder das überhaupt nie dazu kommt, eine Bindung zu entwickeln, nicht nur im Augenblick leidet, sondern häufig eine starke, dauerhafte und nur sehr schwer rückgängig zu machende seelische Störung davonträgt. Aber eben nicht, weil sich da eine Verwundung irgendwie untergründig weiterfräße; es ist ein offen zutage liegender Vorgang: Der momentane Schmerz, die momentane Verlustangst ist so groß, daß das Kind keine normalen Beziehungen zur Außenwelt unterhalten kann und darum in seinem natürlichen Reifungsprozeß in Rückstand gerät. Mysteriöse „unbewußte Mechanismen“ brauchen nicht bemüht zu werden. So jedenfalls stellt es sich der modernen, biologisch-organischen Entwicklungspsychologie dar, der auch Hemminger anhängt.

Je weniger die Erfahrungswissenschaften die Lieblingstheorien der Psychoanalyse bestätigten, desto entschiedener wandte diese sich von innen ab. Bis zu seinem Tod war Freuds ganzer Stolz die Zuversicht, „die Psychologie zu einer Naturwissenschaft wie jede andere auszugestalten“, einer, die nicht anders als Chemie oder Physik „Gesetze“ ermittelt. Im Bemühen, die Theorien ihres Gründungsvaters vor den zunehmend negativen Befunden der empirischen Wissenschaften in Sicherheit zu bringen, sagten sich seine Nachfahren von dieser seiner Grundposition los und vollzogen ihre „hermeneutische Wende“. Seitdem wollen viele Psychoanalytiker beileibe keine Naturwissenschaftler mehr sein, sondern eben „Hermeneutiker“, sozusagen Verstehenskünstler, die den „Sinn“ der „Symptome“ erraten und haushoch über die platten empirischen Wissenschaften erhaben sind. Die gelten als „Positivismus“ oder gar „Szientismus“ – vernichtende Schimpfwörter in ihrem Mund.

Psychoanalyse, so lautet die vielhundertfach erteilte Auskunft, ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Art Geschichtswissenschaft, die ja auch nicht mißt und zählt und rechnet, sondern Zusammenhängen in die Vergangenheit hinein nachspürt. Es ist mit Verlaub nur ein Vergleich, und zwar ein doppelt schiefer. Denn erstens müßte sich auch die Geschichtswissenschaft in dem Augenblick dem empirischen Test stellen, wo sie das täte, was die psychoanalytische Theorie ständig tut und worin Freud höchstselbst zufolge ihre große Stärke beruht, nämlich Regelhaftigkeiten erkunden. Hätte sie beispielsweise den Verdacht, Sittenverfall führe „gesetzmäßig“ zu Staatsverfall, so hülfe ihr alle Hermeneutik nichts – sie hätte die erreichbaren Fälle durchzumustern, die die Hypothese zu stützen und zu widerlegen geeignet sind. Sonst wäre sie keine Geschichtswissenschaft, sondern bloße historische Aphoristik. Und zweitens unterscheidet sich die Geschichtswissenschaft auch dort, wo sie Rekonstruktion der Vergangenheit betreibt, von der Psychoanalyse ganz fundamental. Sie versucht die Vergangenheit mit sämtlichen Mittels so objektiv wie irgend möglich aufzuklären. Die Psychoanalyse aber beschränkt sich programmatisch auf die ungeordneten Erinnerungen („freien Assoziationen“) und Träume ihrer Patienten. Eine Geschichtswissenschaft, die als einzige Erkenntnisquelle freie Assoziationen und einzige der Hauptbeteiligten zuließe, wäre ein Witz.

Hemminger konstatiert noch ein anderes Ausweichmanöver. Der Zeitpunkt des traumatisierenden Erlebnisses wurde immer weiter zurückverlegt. Bei Freud handelte es sich vor allem um die hypothetischen „ödipalen“ Konflikte zwischen dem vierten und sechsten Jahr. Nach ihm kam man bald beim angeblichen „Geburtstrauma“, bei dem Trauma im Mutterleib und schließlich während der Zeugung an. Bald, so prophezeit er, werde man die Seelenwanderung zu Hilfe rufen. Denn je weiter das entscheidende Trauma zurückliegt, desto unnachprüfbarer wird die Sache.

Aber die auf der Traumatheorie beruhenden Psychotherapien wirken doch? Ja, nicht nur viele Betroffene, auch objektive Studien bescheinigen ihnen maßvolle Erfolge. Doch da Therapien, die auf ganz anderen Theorien beruhen, ebenso erfolgreich sind (meist aber kürzer), liegt leider der Verdacht nahe, daß die Erfolge nicht den Theorien, sondern Momenten außerhalb der Theorien zugute geschrieben werden müssen. Es läßt sich auch ungefähr ausmachen, welche Momente das sind. Erstens vergeht während einer Therapie Zeit, viel Zeit, und manchmal heilt die. Zweitens geht in der Regel nur der zum Therapeuten, der fest entschlössen ist, sich zu ändern, und solch ein Vorsatz vermag manches. Drittens erlaubt eine Psychotherapie, zusammen mit einem oder mehreren anderen laut über die intimsten Probleme nachzudenken, stellt also ein Simulacrum vertrauensvoller Freundschaft bereit. Und viertens – es wäre der speziellste Effekt – mag die Unverbindlichkeit, die eigentümliche Scheinhaftigkeit dessen, was in der Therapie geschieht, im besten Fall bewirken, daß man neue Verhaltensweisen zu erproben wagt und so gewisse störende Einengungen des eigenen Verhaltens zu überwinden lernt.

Hemminger selber ist kein Feind der Psychotherapie schlechthin, im Gegenteil. Er weiß genau, wieviel Mitgefühl und gewissenhafte Hilfsbereitschaft in diesem Berufsstand aufgebracht werden. Er ist auch nicht der Ansicht, daß die empirische Psychologie das bestehende Therapiebedürfnis befriedigen könnte – der Therapeut wird noch auf lange Zeit mehr tun müssen, als wissenschaftlich gesichert ist. Aber da die Psychotherapien (bis auf die Verhaltenstherapie mit ihren klar umrissenen, aber relativ bescheidenen Lernzielen, die niemandem verheißt, einen neuen Menschen aus ihm zu machen) auf wissenschaftlich so unsicherem Grund gebaut sind, da sie viele ihrer Versprechungen notwendig nicht halten können und da manche von ihnen rundheraus gefährlich sind, rät er zur Vorsicht. Eine Therapie sei um so vertretbarer, klarer und nüchterner die Therapieziele formuliert werden und je klarer und offener die Beziehung zwischen Patient und Therapeut gestaltet wird“, je mehr sich der Therapeut also auch der Verantwortung für einen Mißerfolg stellt. Praktisch geschieht das heute wohl nur bei der Verhaltenstherapie und der einen oder anderen Schule klärender und stützender Gesprächstherapie.

Was das Thema Psychotherapie und Wissenschaftlichkeit angeht, so beweist Hemminger eine geradezu befreiend wirkende, überaus dankenswerte Standfestigkeit: „Die tiefenpsychologischen Sätze (gaben und gelten) als medizinische oder psychologische Aussagen innerhalb des herkömmlichen erkenntnistheoretischen Rahmens dieser Wissenschaften. Wenn man diese Aussagen dann unter ihren eigenen Voraussetzungen prüft und wenn die Prüfung schlecht ausfällt, so sollte man das Ergebnis den Aussagen anlasten und sich nicht mit erkenntnistheoretischen Winkelzügen zu retten versuchen ... Lediglich Sekten und absolutistische Ideologien versuchen, die Prämissen ihrer Aussagen in Dunkel zu hüllen und so der Kritik zu entziehen.“ Anders gesagt: Wenn die Tiefenpsychologie offen als irgendeine esoterische Weisheitslehre aufträte, eine Art Anthroposophie des Unwißbaren, ließe man sie ja gern in Frieden. Aber viele ihrer Aussagen geben sich als normale wissenschaftlich-psychologische Erkenntnisse. Sie haben nichts an sich, was sie als eine Wahrheit höherer Ordnung auswiese. Darum müssen sie sich empirische Nachprüfungen gefallen lassen.

Ich gehe in diesem Punkt noch weiter als Hemminger. Wenn eine Theorie den Menschen so hohe Versprechungen macht wie die Tiefenpsychologie, und wenn sie so tief wie diese in ihr Leben einzugreifen beansprucht, dann hat sie eine Bringschuld, dann muß sie selber die Wahrheitsbeweise antreten. Die Zeugnisse zufriedener Kunden reichen nicht, die hat auch jeder Kaffeesatzwahrsager vorzuweisen. Und wenn sie das nicht über sich bringt, dann ist von ihr zumindest zu verlangen, daß sie andernorts benutzte Methoden und andernorts gewonnene Erkenntnisse, die sie betreffen, nicht so mit Verachtung straft, wie sie das heute vielfach tut. Auch im eigenen Interesse.