Ab Nachfolger von Jeane Kirkpatrick soll der diplomatische „Troubleshooter“ Vernon Walters neuer amerikanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen werden – für Außenminister Shultz eine willkommene Gelegenheit, Washingtons UN-Mission stärker an die Leine zu legen.

Warum hatte Präsident Eisenhower seinem Botschafter bei den Vereinten Nationen Kabinettsrang gegeben? Weil er seinen Vertrauten Henry Cabot Lodge nicht nur in New York, sondern auch im Weißen Haus haben wollte. Aus Eisenhowers persönlich motiviertem Ratgeberbedarf ist Gewohnheitsrecht geworden. Folglich war auch umstritten, daß General Vernon A. Walters, der nach Wunsch und Willen Präsident Reagans als neuer UN-Botschafter die Nachfolge der vorige Woche ins akademische Leben zurückgekehrten Jeane Kirkpatrick antreten soll, den Rang eines Kabinettmitglieds haben würde.

Walters drohte dennoch mit „Rücktritt“, noch ehe ihn der Senat überhaupt bestätigt hat. Der Grund: Der designierte UN-Botschafter soll zwar an den Sitzungen des Kabinetts teilnehmen dürfen, jedoch keinen Sitz im Nationalen Sicherheitsrat erhalten. Nun gelten Kabinettssitzungen in Washington als wenig aufregende Ereignisse: Präsident Reagan ist dabei gelegentlich schon eingedöst, der ehemalige Sicherheitsberater Brzezinski will heimlich unter dem Tisch gelesen haben. Die wichtigen Entscheidungen fallen im Nationalen Sicherheitsrat. Nur wer dazu Zutritt und damit Zugang zu allen Geheiminformationen hat, gehört zum inneren Führungskreis und genießt entsprechendes Prestige. Der hat auch Einfluß auf Entscheidungen.

Jeane Kirkpatrick hatte all dies, denn der Präsident schätzte ihre Analysen so sehr wie ihre Ratschläge. Nicht so oder jedenfalls nicht immer Außenminister George Shultz. Auch war es längst das Ziel des Außenministers, den UN-Posten auf den gleichen Rang innerhalb des diplomatischen Apparats zurückzuschrauben, der auch für andere Botschafter gilt. Der Platzwechsel in New York war hierfür der geeignete Moment: Vernon Walters soll von Fall zu Fall im Nationalen Sicherheitsrat hinzugezogen werden, nicht aber wie Jeane Kirkpatrick eine ständige Einladung in der Tasche haben.

Der 68jährige ehemalige Geheimdienstler und diplomatische Feuerwehrmann für delikate Probleme vor allem in Afrika und Südamerika scheint sich trotz einer Geste des Aufbegehrens mit seiner Zurückstufung abzufinden. An konservativer Überzeugungstreue steht Vernon Walters seiner Vorgängerin nicht nach. Wie er, der bisher in der Stille wirkende Einzelkämpfer, sich im Hochhaus am East River bewähren wird, sowohl in der mühseligen Abstimmungs-Lobby des Alltags der Vereinten Nationen als auch auf der Tribüne von Sicherheitsrat und Vollversammlung, darauf sind in Washington viele Leute gespannt.

Ulrich Schiller (Washington)