Für die Altersversorgung müssen neue Finanzquellen gefunden werden / Von Wolfgang Gehrmann

Anke Fuchs wählte starke Worte. Als "Wahnsinn" bezeichnete die sozialdemokratische Sozialpolitikerin jüngst das Gedankenspiel von Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm, daß die Älteren künftig wohl wieder länger arbeiten müßten – womöglich gar über das 65. Lebensjahr hinaus.

Wahnsinnig ist die Idee der Altenarbeit jedoch keineswegs. Bar aller Vernunft ist eher die vorschnelle Kritik daran. Denn das Problem, die Renten über die nächsten fünfzig Jahre finanzierbar zu halten, ist so drückend, daß jeder halbwegs aussichtsreiche Vorschlag zur Lösung gründlich geprüft werden muß. Mit einem Patentrezept wird die Langfristreform der Alterssicherung ohnehin nicht zu bewältigen sein. Nötig sind viele, nicht eben kleine Korrekturen. Rüstige Sechziger länger arbeiten zu lassen, damit mehr Beiträge in die Altersversicherung kommen und weniger Ruhegelder bezahlt werden müssen, das wäre ein solcher Beitrag zur Rettung der Renten.

Neben der Belastung der Rentenkassen durch die Jahre schlechter Konjunktur und durch die von den Politikern leichtfertig spendierten Leistungsverbesserungen in den siebziger Jahren bewirkt den Aderlaß der Alterssicherung auch, daß die Rentner immer jünger werden. Daß der Ruhestand für Männer mit 65, für Frauen mit 62 Jahren beginnt, steht längst schon nur noch auf dem Papier. Die meisten Arbeitnehmer machen Gebrauch vom vorgezogenen Ruhestand mit 63 oder mit 60 Jahren. Weil zudem als Folge der schlechten Lage am Arbeitsmarkt viele ältere Erwerbstätige schon mit 59 in den vorgezogenen Ruhestand geschickt werden, ist faktisch das durchschnittliche Alter für den Rentenbeginn stetig gesunken: Seit 1970 von 61,5 auf 59,2 Jahre.

Je größer die Finanznot der Rentenversicherung wird und je mehr sich als sicher erweisen wird, daß in den neunziger Jahren wieder Arbeitskräftemangel herrschen wird, desto mehr wird die immer frühere Verrentung zum Luxus. Die Alten werden entweder darauf verzichten oder dafür zahlen müssen. Niemand in Norbert Blüms Arbeitsministerium denkt daran, ältere Arbeitnehmer zur längeren Lebensarbeit zu zwingen. Doch, wer sich früher als mit 65 Jahren zur Ruhe setzt, soll dafür mit einer spürbar niedrigeren Rente rechnen müssen. Derjenige, der über die Grenze von 65 Jahren hinaus schafft, soll mit Zuschlägen belohnt werden.

Wieder länger in den Seilen zu bleiben, das soll ein zumutbarer Beitrag der Alten zu jener fairen Verteilung der Finanzlast sein, die zwischen Aktiven und Ruheständlern gefunden werden. Doch weder kann eine neue Rentenformel (siehe ZEIT Nr. 14) die Alterskassen füllen, noch die Arbeit der Alten bis ins Greisenalter für eine leichte Lösung des Problems sorgen.

Als dritter Rentenretter neben den Senioren selbst und ihren die Beiträge zahlenden erwerbstätigen Kindern und Enkeln ist deshalb der Bundesfinanzminister gefragt. Daß der Bund für die Renten geradestehen soll, das läßt sich mit mehr oder weniger trefflichen Theorien begründen. Zum Beispiel damit, daß es schließlich auch Regierende und Parlamentarier in Bonn waren, die in der Vergangenheit durch immer neue soziale Wohltaten die einst beträchtlichen Finanzreserven der Rentenversicherung vergeudet haben. Eine sich durch beachtlichen Erfindungsreichtum auszeichnende Hypothese bot neulich der Direktor der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) Helmut Kaltenbach an. Er fand, die öffentlichen Hände könnten mit gutem Grund für die schlimmen Rentenfolgen des Geburtenmangels geradestehen, weil sie als Ergebnis der Baby-Baisse ja auch hohe Investitionen für Kindergärten, Schulen und Universitäten sparten.