Von Henning Klüver

Ich habe noch immer Angst vor jedem Satz, vor seiner Eigenständigkeit, seiner scheinbaren Wichtigkeit, seiner Endgültigkeit, und dem vielleicht daraus entstehenden falschen Bild, der verpaßten Wahrheit."

Am Fuße der Eidechse, unter dem 2 800 Meter hohen Hausberg Peins, einer Fraktion des Ortes Terenten, wohnt Joseph Zoderer. Innerhalb von zwei Jahren sind bei Hanser drei Romane von ihm erschienen, die seinen Ruf als "Erzähler" begründen: "Das Glück beim Händewaschen" (1982; zuerst in einem Kleinverlag in München 1976 herausgekommen), "Die Walsche" (1982) und "Lontano" (Herbst 1984). Der Erfolg bei Kritik und Leserschaft geht mit öffentlicher Anerkennung einher: Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb (1981), Staatsstipendium für Literatur vom österreichischen Unterrichtsministerium (1982), Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie (1983), Marburger Förderpreis der neuen literarischen Gesellschaft (1984).

"Das Glück beim Händewaschen", das inzwischen in einer Taschenbuchausgabe (Fischer) vorliegt, ist von Werner Mastens in einer Coproduktion von ZDF, ORF und SRG verfilmt worden. Mastens bekam dafür den Adolf-Grimme-Preis. Eine Verfilmung von "Die Walsche" ist in Vorbereitung.

Für Joseph Zoderer sind es gute Jahre gewesen, aber wer ihn oben im Pustertal in seinem Haus besucht, der darf sich kein Treffen mit einem Erfolgsautor erwarten. Der Südtiroler wurde 1935 in Meran geboren, wuchs in einer Arbeiterfamilie auf (von neun Kindern überlebten nur fünf). Nach der für Südtirol leidvollen "Option für das Reich" zog die Familie nach Graz, vom 12. bis zum 16. Lebensjahr lebte Zoderer in einem katholischen Internat in der Schweiz. Diese Erfahrung verarbeitete er in seinem ersten Roman "Das Glück beim Händewaschen".

Es geht um einen Jungen aus Südtirol, den die Weltgeschichte in die Schweiz verschlagen hat, der dort als "Öschtriecher" gilt, aber einen italienischen Paß hat. Im "Haus der Regel" ist er zwar gnädig aufgenommen worden, doch er hat sich anzupassen, denn er hat den Krieg verloren und er hat auch keinen Wilhelm Teil aufzuweisen. Ohne Heimat, ohne Identität hat er der fremden Regel nichts entgegenzusetzen. Was ihn hält, ist die Hausordnung, das Glück stellt sich beim Gehorchen und Schweigen ein: "Draußen war alles undurchdringlich und fremd, gleichförmig das Unbekannte und Bekannte. Aber das Fremde innerhalb des Neonlichts verlor seine Kälte, wurde vertrauter. Auch die fremden Federn wärmten. Das Fadenscheinige fühlte sich wie eine Burgmauer an, und darin saß ich, umgeben von Burgfrieden." Am Ende aber steht Auflehnung und Befreiung, Entlassung in eine ungewisse Heimat.

Was den Roman von vielen Zöglings- und Internatsgeschichten unterscheidet, ist neben dem Entfremdungs-Thema der Ton, den Zoderer anschlägt. Da wird nicht interpretiert oder belehrt, da wird von innen geschrieben, Erlebtes aneinandergereiht, und doch steht ein Ganzes, zusammengehalten von einem unprätentiösen Generalbaß: der Kunst des Erzählens. Das ist überhaupt das Überraschende an den drei Romanen: Realität wird widergespiegelt und stellt sich so ganz unmodern in Ganzheitsentwürfen ein, während doch die gängige Literaturtheorie behauptet, nur das Fragment sei die adäquate Form der Wirklichkeitsfindung.

Das Gewöhnliche als Ungewöhnliche zu sehen, versucht auch der Roman "Die Walsche". Olga, die Südtirolerin aus dem Dorf, lebt in der Stadt mit einem, der aus Kalabrien heraufgezogen ist. Sie wohnen in Bozen in jenem "italienischen" Viertel jenseits des Flusses, das (von den "Deutschen") "Schanghai" genannt wird. In dieser Grundkonstellation des konfliktreichen Südtiroler Alltags zwischen Nationalisten, die wahlweise Deutschtum oder italianità durchsetzen wollen, kehrt Olga zur Beerdigung ihres Vaters in das Heimatdorf zurück. Dort im Dorf gilt sie als "Walsche". Sie kommt zurück in die Fremde: "Dem Ignaz oder Naz, wie sie hier sagten, gehörte der Gasthof, in dem sich der Vater, weil der kürzeste Weg zum Lehrerhaus eben dorthin führte, zu Tode gesoffen hatte, dem Naz hätte sie am liebsten ‚grazie! mille grazie!‘ ins Gesicht gezischelt, aber sie fragte nur: Schnaps oder Wein? Er hatte sie als einer der ersten die Walsche geheißen, damals vor der Schulhaustür, weil sie die einzige war, die die Italienischaufgaben gemacht hatte und von der Italienischlehrerin dafür gelobt wurde."

Sie erlebt noch einmal die Geschichte ihres Dorfes im Vergleich, mit geschickt eingebauten Rückblenden, zum Alltag in der Stadt. Sie durchlebt noch einmal den aussichtslosen Kampf ihres schwachen Vaters, der immer geträumt hatte, hinaus in die Welt zu gehen, und doch nie aus dem Dorf herausgekommen war. Olga versucht, sich in Erinnerungen ihrer Kindheit zurückzureiten, aber ihre Entfremdung kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, obwohl sie in der Stadt ein neues Zuhause, aber eigentlich keine neue Heimat gefunden hatte.

Wer ein politisches Pamphlet erwartet – was vom Stoff leicht möglich wäre –, wird enttäuscht. Es ist ein Buch, das den Leser in die Trauer versetzt, die nötig ist, damit Wirklichkeit nicht zu Utopie und Hoffnung nicht zu Melancholie wird.

Joseph Zoderer war nach dem Schweizer Internatsaufenthalt wieder zurück nach Südtirol gekommen, um in Bozen das Abitur zu machen. Danach ging er schnell wieder in die Welt. Zunächst nach Wien an die Universität. Er arbeitete als Journalist, betätigte sich dem Zeitgeist entsprechend politisch (1968), reiste in die USA, nach Kanada und Mexiko. In einem Dorf an der Pazifikküste notierte er, in einer Hängematte liegend, Skizzen für einen Roman, der den Arbeitstitel trug: "What’s the matter with you, Gringo?" Zurück in Europa schien ihm das Thema Entfremdung, Reise, Bewegung, Selbstfindung fern aller Realität, vor allem fern seiner Realität zu liegen. Er arbeitete wieder als Journalist, diesmal beim deutschsprachigen Sender der RAI in Bozen, versuchte sich mit drei kleinen Gedichtbänden (erschienen im Münchner Relief-Verlag). 15 Janre später waren diese Notizen aus der Hängematte Material für "Lontano", seinem bisher letzten Roman.

Zoderer sagt, daß er in diesem Roman die geringste Distanz zur Thematik aufgebracht und sehr viel Zweifel und Mühe während des Schreibens gehabt habe. In "Lontano" wird das Thema Entfremdung, das alle drei Romane miteinander verbindet, so daß man fast von einer Trilogie sprechen könnte, auf den Punkt gebracht. Der Protagonist, von Mena, seiner Frau, verlassen, flüchtet sich in eine psychosomatische Krankheit. Nimmt dann "seinen Schmerzegoismus" mit auf eine Reise in die USA: "Aber von Tag zu Tag mehr wurde das, was er beschlossen hatte, und das, was er dazu unternahm, zum Selbstverständlichen, nichts war natürlicher als die Trennung, und es gab einen Grund zu hoffen in der Entfernung, ‚lontano‘, sagte er, hinter mir ist Ferne und vor mir ist Ferne, ich freue mich, weil ich mich freuen muß." Scheinbar ziellos durchfährt er die Staaten, obwohl seine Mutter zuhause im Sterben liegt. Er flieht gleichsam vor der Heimat der Mutter und der Freiheit Menas. Und er findet, schließlich Heimat unterwegs, indem er sich frei und befreit fühlt.

"Lontano" ist ein kleiner stimmiger Roman voll schöner Bilder. Daß hier der Autor Angst hat, die Wahrheit zu verpassen, kann man nur ahnen. Aber wahrscheinlich hat diese Angst zu dem Adagio-Rhythmus geführt, der den Sätzen in "Lontano" eigen ist.

Heute lebt Joseph Zoderer in seiner Heimat, in Südtirol. Nicht in Bozen, Meran oder Brixen. Nicht in der Stadt. Er hat sich hoch in den Bergen ein Refugium geschaffen. Aber das ist für ihn kein toter, abgeschiedener Ort. Hier fühlt er sich den großen Städten der Welt näher als in der provinziellen Enge seiner Landeshauptstadt. Das Haus unter der Eidechse ist für Zoderer Etappe und Vorposten zugleich. Um in der Spannung zu bleiben, fährt er ein paar Monate im Jahr in eine große Stadt, nach Rom zum Beispiel, um etwas Neues zu konzipieren. Heimat bedeutet für ihn nicht Geborgenheit, sondern vor allem Provokation. Die Art und Weise, wie er seine Heimat zumal in "Die Walsche" und in "Lontano" darstellt, "diese giftbesprühte zweisprachige Äpfel- und Weingegend", hat ihn für das offizielle, konservative Südtirol zu einer Provokation gemacht.

Wie er sich mit den Worten, mit Literatur auseinandersetzt, darüber, wie er schreibt, gibt eine Tagebuchnotiz Auskunft, die in dem kleinen Büchlein abgedruckt ist, das er zusammen mit seiner Frau Sandra Morello, einer Malerin, bei der Edition Galerie Elefant in Landeck herausgegeben hat: "Langsam stehe ich im dunklen Flur, dann öffne ich wieder die Tür und knipse das Licht an, in Abständen schalte ich das Licht an und wieder aus, und ich schaue jedesmal lange in den plötzlich erhellten Raum, um ihn wie zum ersten Mal zu erblicken, aber es gelingt nicht, es gelingt mir heute nicht, das Gewöhnliche als Ungewöhnliches zu sehen."

"Das Glück beim Händewaschen", Roman; 172 S.; 29,80 DM

"Die Walsche", Roman; 160 S.; 29,80 DM

"Lontano", Roman; 168 S.; 29,80 DM

Alle im Hanser Verlag, München.

"Das Glück beim Händewaschen", Roman; ft 5440, Fischer, Frankfurt, 1984; 172 S.; 7,80 DM