Von Benedikt Erenz

Die politische Polizei, 3. Abteilung, hatte schon lange ein Auge darauf. Was in den Hinterzimmern des "Universalen Buchhandels Moritz Wolff" am Newskij Prospekt vorging, war bedenklich. Man hatte Dostojewskij) die Räumlichkeiten betreten sehen, er blieb mehrere Stunden. Ostrowski kam zweimal die Woche, Gontscharow noch spät am Abend, wenn er aufgestanden war, Turgenjew, bei seinen Besuchen in Petersburg, ebenfalls. Auch Leskow und Saltykow. Ein konspirativer Treff, kein Zweifel. Künstler, Literaten: mit Sicherheit politische Gespräche.

Die Polizei vermutete richtig. Ein Treff, ein Klub, ein kleiner Salon war es, was da allabendlich im hinteren Kabinett des deutschen, 1825 in Warschau geborenen Buchhändlers und Verlegers Moritz Wolff zusammentraf. Die hier diskutierten, lachten, eiferten, schwiegen, rauchten, sich die Nase putzten und in ihr Teeglas schauten – das war die ganze literarische Gesellschaft im Petersburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Hier, bei Wolff, lagen die neuen Bücher aus, hier bei Wolff war ein offenes Wort erlaubt, hier lernte man sich kennen, schätzen, hassen, hier trafen die Neuen ein, aus der (literarischen) Provinz, hier verabschiedeten sich die Alten, wenn’s ans Sterben ging. Ein Treff, ein literarischer Klub: Auftritte, Debatten, Triumphe, Niederlagen, Debüts, letzte Vorstellungen.

Ein literarischer Klub, ein Salon, Carmerstraße 10 in Berlin: die Adresse der Friedenauer Presse Katharina Wagenbach. Eine hohe Altbauwohnung. Am Fenster lehnt Charms. Er spielt mit seiner mageren Krawatte und hat ein todbleiches Gesicht. Der rustikale Majakowski wendet sich gelangweilt ab. Neben dem Bücherschrank schwätzt John Aubrey vor sich hin, wie von van Dyck gestochen, ein Ingwerplätzchen nach dem anderen schluckend, und Lorca nickt zerstreut und höflich, ein schüchterner Junge, der gern Gedichte macht. Marieluise Fleißer ist auch da und Ingeborg Bachmann, zerwühlt, Günter Grass und Francis Ponge. Jean-Henri Fabre mit einem leeren Glas in der Hand spricht sehr erregt. Doch nein.

Doch nein, der Salon ist leer. Nur im blauen löwentatzigen Fauteuil lächelt eine Dame. Diese Stimmen, diese Gesichter, sie kommen von woanders her. Sie kommen aus den dünnen, sanftfarbenen Bändchen vor mir auf dem Tisch. Daniii Charms: "Geschichten von Himmelkumov", Marieluise Fleißer: "In die Enge geht alles", Federico Garcia Lorca: "Theorie und Spiel des Dämons" – Friedenauer Presse, Katharina Wagenbach, Carmerstraße 10, Berlin.

Aber warum denn Friedenau? Die Carmerstraße liegt am Savignyplatz, im Herzen der Stadt. Ach, Friedenau, sagt Katia Wagenbach, das war eigentlich nichts. Eine Kleinbürgersiedlung, Schrebergärten, deutsch-national, ein Legat des Kaisers für seine treuen Veteranen aus der Schlacht von 70/71, sehr ruhig und wahrlich weitab vom Schuß. Der Vater, Andreas Wolff, hatte ausgerechnet hier eine Buchhandlung eröffnet, das heißt jene alte Petersburger Buchhandlung des Großvaters – nachdem die Familie während der Revolution Rußland verlassen hatte – wiedereröffnet. Andreas Wolff verspürte, obwohl er zeitweilig bei Fischer und später, direkt nach dem Krieg, im neuen Suhrkamp Verlag gearbeitet hatte, keinen großen verlegerischen Ehrgeiz mehr.

Doch dann geschah, in den fünfziger Jahren, etwas Seltsames. Pötzlich kamen die Dichter nach Friedenau. In der alten halben Hauptstadt wurde immer noch mehr und spannendere Politik gemacht als in der neuen ganzen, und Friedenau war ein hübsches, leidlich unzerstörtes Viertel, wo es sich grün und ruhig wohnen ließ. Uwe Johnson war der erste, dann folgten Günter Grass, Christoph Meckel, Günter Bruno Fuchs, Volker von Törne. Max Frisch schaute vorbei, aus dem anderen Teil der Stadt kamen Sarah Kirsch, Christa Wolf, Stephan Hermlin zu Besuch. Und wieder gab es ihn, den konspirativen Treff, den literarischen Klub, den Wölfischen Salon. Neue Adresse: Bundesstraße 133.