Von Dietrich Strothmann

Hilfe wird groß geschrieben. Nach der Fernsehaktion "Ein Tag für Afrika" gingen über 120 Millionen Mark an Spenden ein. Der Löwenanteil fiel den vier großen kirchlichen und öffentlichen Hilfsorganisationen zu. Nur jeweils 500 000 Mark blieben für die 14 kleinen Institutionen übrig, die auch Hilfe leisten, dafür aber weniger spektakulär. Sie helfen auch nicht nur für den nächsten Tag gegen den akuten Hungertod. Sie helfen auf lange Sicht.

Amref ist eine dieser 14 "Kleinen", die sich mit einer halben Million Mark aus dem großen Spendentopf begnügen mußte. Amref, die "African Medical and Research Foundation", 1958 vom britischen Arzt Michael Wood gegründet, ist die einzige private "westliche" Hilfsgesellschaft, die in Afrika ihr Hauptquartier hat, in Kenias Hauptstadt Nairobi, sie hat, auf ihre unauffällige, bescheidene Weise, bereits Geschichte gemacht, Geschichte der Hilfe und Rettung, ohne daß es je an die große Glocke gehängt worden wäre.

Die Cessna kann nach dem ersten, mißglückten Startversuch abheben. Ein heller, azurblauer Himmel steht an diesem frühen Märzmorgen über Wilson Airport, wo Amref sein Stammquartier hat, mit seinen Büros, Ärztezimmern, seiner Druckerei und Bibliothek, vor allem mit seinem Funkraum, dem Herzstück, in dem die eingeteilten Operationsschwestern rund um die Uhr mit rund 90 Außenstationen, Buschhospitälern und Stadtkrankenhäusern in Kenia, Tansania, Äthiopien, Somalia und im Südsudan Radiokontakt haben. Monatlich treffen hier über 2000 Hilferufe ein: Wie kann dem kleinen Mädchen geholfen werden, dessen Gesicht von einem Löwen zerbissen worden ist? Wie soll der junge Mann behandelt werden, dessen Niere bei einer Messerstecherei verletzt wurde? Die Schwester gibt den in solchen Fällen unerfahrenen Hilfsärzten erste Anweisungen über Funk, bis der Chirurg mit dem Flugzeug kommt. Vor 27 Jahren flog Michael Wood noch allein, wenn Not am Arzt war. Heute arbeitet ein Team von Spezialmedizinern bei Amref, genau nach Dienstplan, Tag und Nacht stets abrufbereit. Es ist noch immer der einzige "Flying Doctor Service" in Afrika: Hilfe, die vom Himmel fällt.

Dieter Jacobi war wohlbestallter, angesehener Chefarzt im schleswig-holsteinischen Mölln, der Stadt Till Eulenspiegels. Eines Tages hatte er genug von der verwalteten, bürokratisierten Medizin. Er ging mit seiner Familie nach Togo und blieb dort vier Jahre. Seit zwei Monaten steht er in den Diensten von Amref, der erste deutsche Chirurg unter den "fliegenden Ärzten". Er ist mit der Hälfte seines Möllner Chefarzt-Einkommens zufrieden. Er weiß, daß er hier gebraucht wird, daß er helfen, lindern und heilen kann.

Rose, die kenianische Operationsschwester, ist mit an Bord. Auf dem freien Platz der viersitzigen Cessna stehen zwei Metallkoffer mit Skalpellen, Klammern, Klemmen und Zangen. Loliondo, die kleine, propere Missionsstation gleich hinter der tansanischen Grenze südwestlich von Nairobi, am Ostrand der Serengeti, steht an diesem Tag auf Jacobis Programm. Routinemäßig alle sechs Wochen hat er "Schneidetermin" in Loliondo, wo der Linzer Geistliche und Arzt Herbert Watschinger 1964 die Mission und ein Buschhospital mit einem Tuberkulose-Revier aufgebaut hat. Für normale Eingriffe, Kaiserschnitt oder Blinddarm, braucht der fromme Mediziner Watschinger keinen Beistand aus Nairobi. Alle sechs Wochen aber sammelt er jene Fälle, die komplizierter sind. Dann kommen die Patienten, Massais aus der weiteren Umgebung, oft in tagelangen Fußmärschen in das Krankenhaus von Loliondo.

Sie warten tagelang geduldig auf den "weißen Doktor": Die Mutter mit dem Jungen, der einen angeschwollenen Unterleib hat. Die junge Frau, ein Mädchen noch, dessen Gebärmutter nach dem zweiten Kind entfernt werden muß und die vor der Operation erst ihren Mann fragen soll, ob er mit den Folgen des Eingriffs einverstanden ist, ohne daß er sich von ihr trennt. Der gerade achtzehnjährige Hirte, den ein wilder Büffel angefallen und das rechte Bein verletzt hatte. Michael Wood hatte ihm vor Wochen in einer ersten Operation Haut von der Brust auf den verwundeten Oberschenkel transplantiert. Jetzt hat sich über der rechten Brust eine dicke Geschwulst gebildet. Der junge Massai ist so schwach, daß er sich nur mühsam, auf seinen langen Hirtenstock gestützt, fortbewegen konnte. Wie ein gebrechlicher alter Mann schleppt er sich in den Untersuchungsraum und kann nur mit Hilfe der beiden Pfleger, die auch als Dolmetscher fungieren, auf den Tisch gehoben werden.

Eine Stunde hat der Flug in der Cessna gedauert, hinweg über das breite, fruchtbare, fast menschenleere Rift Valley, über grüne Berge und grasende Elefantenherden, vorbei an dem in der glühenden Sonne weiß glitzernden Natronsee. Nach der weichen Landung auf einem der hundert provisorisch in Ostafrika speziell für Amref angelegten Pisten wird Doktor Jacobi von seinem österreichischen Kollegen noch auf der kurzen Landrover-Fahrt in das Operationsprogramm des Tages eingeweiht: zweimal Unterleib, dreimal Gebärmutter, zweimal Brust und Bein. Nach der Voruntersuchung geht es dann, unterbrochen nur von kurzen Pausen für die Vorbereitung der nächsten Operation mit Waschen und Betäuben, Schnitt auf Schnitt, fünf Stunden lang.

Es ist ein normaler, üblicher Operationstag für den Chirurgen Jacobi, ohne Komplikationen, ohne große Anstrengung. Nur der junge Massai mit seiner Brustgeschwulst ist ein hoffnungsloser Fall. Jacobi hat den Beutel aufgeschnitten, die Wunde sorgfältig ausgekratzt, mit den Fingern den Brustkorb in der Tiefe abgetastet: Krebs, unheilbar. Die Metastasen haben sich bereits in die Knochen eingefressen. Der Massaihirte wird bald sterben. Er soll im Anschluß an den Eingriff zu seinen Eltern nach Hause gebracht werden, für die letzten Tage, die er noch leben wird. Der Pfarrer Watschinger wird es ihnen noch schonend beibringen müssen. Die anderen Patienten aber, die Dieter Jacobi an diesem Tag operierte, werden noch eine Woche im Krankenhaus bleiben, gepflegt von den ausgebildeten, einheimischen Schwestern der Missionsstation, und dann in ihre Dörfer zurückkehren – als geheilt entlassen.

Am nächsten Vormittag fliegt Dieter Jacobi zurück nach Nairobi. Über Funk hatte Herbert Watschinger, der nach mehr als zwanzig Jahren demnächst seinen Dienst in Loliondo quittieren wird und schon für seinen Nachfolger ein Wohnhaus bauen läßt, die Cessna angefordert. Am Nachmittag hat Jacobi schon wieder Operationstermine im Nazareth-Krankenhaus im Norden Nairobis. Am nächsten Tag wird er erneut in das Flugzeug steigen: Eine andere Missionsstation, diesmal tiefer im Süden Tansanias, wartet auf ihn, neue Patienten, dieselbe Hoffnung auf Heilung und Hilfe.

Von Michael Wood stammt der Satz: "Wer in Afrika ein guter Arzt sein will, der muß zu dem Patienten gehen. Wenn darauf gewartet wird, daß der Kranke zum Arzt kommt, dann wird er eben sterben."

Als die Cessna nach ihrem Flug von Loliondo in Wilson Airport zur Landung ansetzt, war bereits ein anderes Amref-Flugzeug angekommen, mit zwei Verletzten an Bord. Stunden vorher war es auf dem Highway zwischen Nairobi und Mombasa, einer gefährlichen Rennstrecke, zu einem schweren Unfall gekommen. Der Wagen eines Schweizer Ehepaares war in voller Fahrt mit einem anderen Auto kollidiert. Der kenianische Hausangestellte der Schweizer war dabei getötet worden. Sofort hatte die Polizei Amref über Funk zur Hilfe gerufen und für das Flugzeug die dichtbefahrene Straße für das heikle Landemanöver zum Landen abgesperrt. Sicher hatte Chefpilot Tim Heather-Hayes seine Cessna auf der Autobahn aufgesetzt, die Verletzten eingeladen und nach Wilson Airport transportiert, von wo aus sie sofort in einer bereitstehenden Ambulanz ins nächste Krankenhaus gebracht wurden. Am nächsten Morgen kam die Parteizeitung Nation auf der Titelseite mit einem ausführlichen Bericht über die Rettungsaktion heraus. "Das ist die beste Reklame für uns", hieß es dazu unter dem Amref-Personal.

Amref, mit seiner deutschen Zweigstelle in München, ist erst durch den "Tag für Afrika" einer breiteren deutschen Öffentlichkeit bekannt geworden. Aber noch immer kann diese "Gesellschaft für Medizin und Forschung in Afrika", wie sie sich offiziell umständlich und mißverständlich nennt, mit den großen Organisationen des Staates und der Kirchen nicht mithalten. Noch immer rangiert sie, die zuerst an Ort und Stelle war, unter "ferner liefen". In Ostafrika aber hat ihr Name einen guten, überall bekannten Klang, dort ist sie eine von den Regierungen anerkannte, angeworbene Institution: wenn Hungernden geholfen werden soll, wenn Epedimien bekämpft werden müssen, wenn lokale Gesundheitsdienste auf die Beine gestellt, Impfaktionen durchgeführt, medizinsoziologische Untersuchungen angestellt, bestimmte Krankheitserreger aufgespürt und bekämpft werden sollen. Darum erklärte auch Kenias Staatspräsident Daniel Arap Moi über die Notwendigkeit der "fliegenden Ärzte": "Für sie darf es keine Grenzen geben." Und sein tansanischer Kollege Julius Nyerere bestimmte zu einer Zeit, als der Luftraum zwischen den beiden Nachbarstaaten noch strengen Beschränkungen unterworfen war: ,,Amrefs Ärzte dürfen jederzeit die Grenzen überfliegen."

Die inzwischen auf 232 Mitarbeiter aus 14 Nationen angewachsene Mannschaft von Michael Woods "Gesellschaft", die ein Gebiet betreut, das sechsmal so groß ist wie die Bundesrepublik, ist immer zur Hilfe bereit. Und sie ist dazu auch, nach jahrzehntelanger Erfahrung in der Organisation praktischer und systematischer Gesundheitspflege und Krankenbetreuung, in der Lage wie keine zweite Institution. Darum hat sie vor allen anderen einen Vorsprung, darum bedienen sich auch viele der großen Hilfsorganisationen, Ministerien, Verbände und karikativen Einrichtungen der überlegenen, in Jahren erprobter Arbeit gesammelten Erfahrungen von Amref.

Wenn Kenias Gesundheitsministerium den Aufbau einer zentralen Ausbildungsstätte für "Barfußärzte" plant – wie in dem riesigen Distrikt Kibwezi zwischen Nairobi und der Hafenstadt Mombasa am Indischen Ozean, wo 100 000 Menschen leben, die keine Ahnung von Hygiene, Wasserversorgung, Familienplanung haben, die bisher noch nie einen Mediziner gesehen haben dann wird Amref gerufen. Sobald eine westliche Organisation bereit ist, die in Afrika weitverbreitete Augen-, Lepra- oder Wurmkrankheit zu bekämpfen, ist Amref für sie auf dem Plan. Geht es darum, den Zusammenhang zwischen Unterernährung und Seuchen in Afrika zu erforschen, ist Amref die richtige Adresse.

Der überwiegende Teil des jährlichen Haushaltes stammt von westlichen Großorganisationen und staatlichen Stellen, nur der geringere Teil dagegen von vielen "kleinen" privaten Spendern. Und die 500 000 Mark aus dem prallen Säckel des "Afrikatages" sind auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Flying Doctor Service allein, der inzwischen nur noch knapp zehn Prozent des Amref-Programms ausmacht, verschlingt viel für Benzin, Ersatzteile, Service. Die Gehälter für die Ärzte selber sind dabei noch der niedrigste Ausgabenposten.

Doch sie leisten am meisten, zu jeder Stunde. Sie helfen als medizinische Entwicklungshelfer sofort und direkt. Und Kranke gibt es zu Hunderttausenden in Ostafrika, eine Zahl ohne Ende, die noch mit dem rapiden Bevölkerungswachstum jährlich zunimmt. "Manchmal fragen wir uns", bekannte Michael Wood, der noch Albert Schweitzer in Lambarene getroffen hatte und demnächst als Pensionär in seine britische Heimat zurückkehren wird, "ob wir die Sache jemals in den Griff bekommen werden. Aber was soll’s: Wir müssen weitermachen!"