Als Chruschtschow Stalins Verbrechen enthüllte, wollte er auch vor Katyn nicht haltmachen, der Ermordung von mehr als 4000 polnischen Offizieren im Frühjahr 1940. Doch der polnische Parteichef Gomulka fiel ihm in den Arm, er befürchtete, die sowjetischen Untaten würden von den Deutschen als Entlastung für ihre Untaten benutzt werden. Eine falsche Entscheidung (die Gomulkas Nachfolgern viele Probleme schuf), aber vor 25 Jahren nicht unverständlich.

Doch 1985 noch einmal das gleiche? Auf dem Warschauer Gedenkstein für die Toten von Katyn, der jetzt in aller Stille errichtet wurde, erscheint der "Hitler-Faschismus" als Mörder. Niemand erwartet, daß der Stalinismus dort eingemeißelt wird. Aber war es nicht möglich, nur der "Opfer von Katyn" zu gedenken, ohne Urheber und Jahreszahl? Die Polen wissen ohnehin, wer die Täter waren. Und ob die Russen Feigheit vor dem Freunde honorieren?

In Polen jedenfalls hat die Regierung alle Vorurteile gegen sich bestärkt, aber das ist ihre Sache. In der Bundesrepublik wird nun die Lüge das befördern, was Gomulka einst von der Wahrheit befürchtete. Sie wird denen den Rücken stärken, die Hitlers Verbrechen vergessen und mit Warschau nur noch "Realpolitik" machen wollen.

Peter Bender