Häuptlingswechsel im Land der Skipetaren – Seite 1

Von Paul Lendvai

Einundvierzig Jahre lang hat er über den rückständigsten und verschlossensten Winkel Europas geherrscht: der gebildetste aller kommunistischen Parteiführer seit Lenin. Enver Hodscha war ein Intellektueller, der aus einer muselmanischen Familie stammte. Zeit seines Lebens betrachtete er sich als den einzigen treuen Schüler Stalins. In einem der 44 Bände seiner gesammelten Werke rühmt Hodscha "den unvergeßlichen Stalin..., seine große menschliche Seele, sein rücksichtsvolles, herzliches Benehmen, sein hervorragendes marxistisch-leninistisches Denken". Ein rührend besorgter Mensch überdies, dieser Stalin: "Er achtete sehr darauf, daß ich den Hut aufsetzte, damit ich mir keinen Schnupfen holte, und zeigte mir sogar die Toiletten, sollte ich sie brauchen."

Da konnte es nicht überraschen, daß Hodschas Nachfolger, der 59jährige Ramiz Alia, in seiner Grabrede unerschütterliche Treue zu den Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin gelobte und zugleich den Revisionisten jugoslawischer, sowjetischer und chinesischer Provenienz eine Absage erteilte. Es nahm auch niemanden wunder, daß er mit seiner ersten Amtshandlung das Beileidstelegramm des Zentralkomitees der KPdSU als "unannehmbar" nach Moskau zurückschickte. "Albanien bleibt immer stark, immer rot, fest auf dem Kurs unseres geliebten Führers und Lehren, des Genossen Enver", verkündete der neue starke Mann.

Vier Jahrzehnte lang – seit 1944 – hat Enver Hodscha Albanien mit harter Hand regiert. Das Ende seiner Herrschaft läutet für das Land an der Adria eine Ära gefährlicher Unsicherheit und Unberechenbarkeit ein.

Albanien war immer ein balkanisches Pulverfaß und oft ein Störelement im Weltkommunismus. Stets hat es eine Rolle gespielt, die in keinem Verhältnis zu seiner Winzigkeit und zu seinen knapp drei Millionen Menschen stand. Was dort geschah, berührte die Sicherheit der beiden Landnachbarn Jugoslawien und Griechenland, aber auch die Italiens, das jenseits der Straße von Otranto nur knapp 70 Kilometer entfernt ist. Bis 1961 hatten die Sowjets dort einen Flottenstützpunkt. Nur mit der Androhung von Gewalt konnten sie damals zum Rückzug ihrer U-Boote von der Insel Sazan in der Bucht von Vlora (Valona) gezwungen werden. Die Unabhängigkeit Albaniens ist seither ein wichtiges Element des Ost-West-Gleichgewichts in Europa.

Zu den strategischen Sorgen kommt das ethnische Problem. Fast zwei Millionen nationalbewußter Albaner leben heute im angrenzenden Jugoslawien. Die Unruhen in der überwiegend von Albanern bewohnten südserbischen Kosovo-Provinz (aber auch in Montenegro und Mazedonien) haben seit 1981 die Sprengkraft des albanischen Nationalismus demonstriert.

Wohin treibt Albanien jetzt? Kommt es zu einer Öffnung nach Westen oder eher zu einem Wiederanschluß an den Osten? Kommt es gar zur Rückkehr in den Warschauer Pakt, den das Gründungsmitglied Albanien am 13. September 1968 aus Protest gegen die Besetzung der Tschechoslowakei formell verließ – nachdem Hodscha 1948 mit Jugoslawien gebrochen hatte, 1961 mit der Sowjetunion, 1978 mit China?

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Albanien war stets ein Grenzland zwischen den Sprachen, Religionen und Mächten. Griechen und Römer, Goten und Byzantiner, Serben und Bulgaren, Sizilianer und Venezianer hielten es für kurze oder längere Zeit besetzt. Die Türken herrschten dort fast 500 Jahre lang. Der kurzen Unabhängigkeit unter König Zog nach dem Ersten Weltkrieg folgte die italienische und deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Unter Hodschas Führung ergriffen die kommunistischen Partisanen die Macht im Namen eines Proletariats, das es im Lande der Skipetaren überhaupt nicht gab. Die Geburtshelfer des kommunistischen Regimes im Armenhaus Europas waren Titos Partisanen und britische Offiziere. Immerhin war Albanien neben Jugoslawien das einzige Land in Europa, in dem eine kommunistisch gelenkte Widerstandsbewegung die Macht aus eigener Kraft erlangen konnte – ja, das einzige osteuropäische Land, das weder im Krieg noch danach von Sowjetsoldaten besetzt wurde.

Nach 1945 wurde das kleine Land ein Anhängsel seines größeren kommunistischen Nachbarn Jugoslawien und war auf dem besten Wege, eine Teilrepublik der jugoslawischen Föderation zu werden. Daß es nicht dazu kam, verdankt Albanien in erster Linie dem Konflikt zwischen Tito und Stalin – vor allem aber der Entschlossenheit Hodschas, seine persönliche Machtstellung und die nationalen Interessen Albaniens zu verteidigen.

Der Stalin-Kult und die leninistische Ideologie waren für Hodscha stets bloß ein Herrschaftsinstrument. Von 1948 bis 1961 war Albanien der einzige östliche Satellit, der geographisch vom Ostblock getrennt blieb; das entpuppte sich als Vorteil. Mit untrüglichem Sinn für Macht und Taktik – und begünstigt durch den Glücksfall des chinesisch-sowjetischen Bruchs – konnte Hodscha den Stalinismus und die Entstalinisierung ebenso meistern wie das Auf und Ab während der fünfzehn Jahre seiner Zweckallianz mit Rotchina. Trotz aller erstaunlichen Wendungen ist aber das wichtigste Merkmal der albanischen Politik der Wille zur nationalen Selbstbehauptung und zur Verteidigung der eigenen Identität geblieben. Hodscha hinterläßt ungeachtet der ideologischen Verkleidung ein Albanien, das zum ersten Mal in seiner Geschichte volle und uneingeschränkte Souveränität und Entscheidungsfreiheit genießt.

Wie aber sieht dieser "Leuchtturm des wahren Sozialismus" in Wirklichkeit aus – diese "kleine Granitinsel im feindlichen Meer", jenes von Hodscha geprägte System, um das Albanien laut Alia von der ganzen Welt beneidet wird?

Zwei Reisen quer durch das Land 1983 und 1984 haben mich überzeugt, daß Albanien zumindest in Europa das Land mit dem größten Propagandaaufwand pro Quadratkilometer ist – und wohl auch das Land mit der höchsten Zahl von Geheimpolizisten im Verhältnis zur Fläche und zur Bevölkerung. Spätabends in der Heimatstadt Ramiz Alias, der nordalbanischen Stadt Shkoder (Skutari), heften sich die Beschatter, zu Fuß oder auf dem Fahrrad, dem Fremden in den stockdunklen, verschlungenen Gassen der Altstadt rund um die einstige, in eine Sporthalle umgewandelte katholische Kathedrale an die Fersen. Niemals machen sie auch nur den geringsten Versuch, sich zu tarnen. Der Besucher muß an den Bericht Josef Roths aus Albanien im Jahre 1927 denken:

"Die Lust dieser Menschen am Spionieren ist ebenso groß wie ihre Furcht, eine Meinung zu äußern. Denn wozu eine Meinung, die man verschweigt? An die Stelle einer politischen Überzeugung tritt politisches Parteigängertum, an die Stelle eines Kampfes die Konspiration, an die Stelle des Wortes die Andeutung, an die Stelle der Vorsicht die Furcht. In diesem Land ist kein Regierender sicher und kein Regierter."

Viele Parteigänger Hodschas haben dies am eigenen Leibe erfahren müssen. Nach 27 Jahren Ministerpräsidentschaft wurde Mehmet Shehu samt Außenminister, Verteidigungsminister und Innenminister 1982 als Agent enttarnt, der angeblich gleichzeitig für den jugoslawischen, englischen, amerikanischen und sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte, und aus dem Amt gejagt. Der angebliche Selbstmord Shehus und die Erschießung seiner Anhänger ebnete Ramiz Alia, dem Berufsfunktionär aus der zweiten Generation, den Weg an die Spitze. Nichts in seiner Karriere deutet auf Reformfreudigkeit, gar "liberale" Schwächen hin. Während der letzten 25 Jahre amtierte er als Chefideologe und oberster Wächter des ebenso puritanischen wie unbarmherzigen ideologischen Kurses: Die Religion wurde abgeschafft, 2169 Moscheen, Kirchen und Klöster wurden geschlossen. Die Kollektivbauern mußten ihren privaten Viehbestand abgeben. Der Schwerindustrie wurde absolute Priorität eingeräumt.

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Noch heute darf außer wenigen Privilegierten kein Albaner ins Ausland reisen, einen Privatwagen besitzen oder sich öffentlich zur Religion bekennen. In keinem anderen kommunistischen Land Europas wurde die Gleichmacherei so rigoros durchgesetzt wie in Albanien. So verdient der Rektor der Universität von Tirana knapp zweimal soviel wie ein junger Hirte, der Chefingenieur des größten Industriebetriebes und der Vizeminister für Außenhandel desgleichen. Für ein einfaches Fahrrad muß ein Facharbeiter sechs Wochen arbeiten, für ein Paar Schuhe eine Woche, für Luxusgüter wie einen Schwarzweiß-Fernseher (montiert aus importierten Teilen und "intern" verteilt) rund sieben Monate.

Wird Alia diesen spartanischen Lebensstil ändern? Wird er die Abschottung des Landes von der Außenwelt aufheben wollen? Mit der wohlwollenden Unterstützung der Frau des verstorbenen Parteichefs hat er seit zwei Jahren praktisch die Geschäfte geführt.

Das Land, dessen Verfassung sogar die Annahme von Auslandskrediten verbietet, ist arm. Doch braucht Albanien wohl eine vorsichtige Öffnung nach Westen. Um seine Naturschätze – Chrom, Nickel, Wasserkraft, Öl, Kupfer – zu erschließen und zu verwerten, reicht die veraltete chinesische Technik nicht mehr aus. In den Fabriken steht jede zweite Maschine still.

Mit kleinen Öffnungen vor allem gegenüber Griechenland, Italien und der Türkei hatte das Land schon unter Hodscha begonnen. Es ist durchaus denkbar, daß Alia nach einer angemessenen Frist die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen auch zur Bundesrepublik Deutschland vorbereitet. Ob allerdings selbst eine begrenzte und pragmatische Öffnung möglich sein wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der neue Mann die Armee und den Sicherheitsdienst in der Gewalt hat.

Aber Albanien wird vor allem sich selbst treu bleiben. Die "Söhne des Adlers" haben oft in der Geschichte Freund und Feind überrascht. Als ich den berühmtesten Schriftsteller des Landes, Ismail Kadare, nach der rätselhaften Affäre Shehu fragte, gab er eine wohl auch für die Zukunft passende Antwort: "In diesem Teil der Welt war der Kampf um politische Macht immer sehr heftig. Und was die von Ihnen erwähnten verblüffenden Umstände betrifft, so können hier unerwartete Dinge, die man nicht für möglich hält, im wirklichen Leben geschehen..."

Paul Lendvai leitet die Osteuropa-Redaktion des ORF Wien. Soeben erschien sein Buch "Das einsame Albanien".