Von Dieter Buhl

Düsseldorf, im April

Nun zieht er schon seit Wochen durch die Lande, und bis zum Wahltag am 12. Mai will er im Verbreitungsgebiet jeder nordrhein-westfälischen Lokalzeitung zweimal aufgetaucht sein. Dieses Programm könnte auch den konditionsstärksten Politiker um den Schlaf bringen. Aber den CDU-Spitzenkandidaten Bernhard Worms scheinen weder die hinter ihm liegende Wegstrecke noch die bevorstehenden Torturen zu belasten. Er gibt sich freundlich wie immer, und seine Begleiter haben bei allen Auftritten Mühe, ihn aus dem Gespräch mit den Wählern zu reißen. Nur seine Suada verrät den Druck, unter dem Worms steht. Sie gleicht dem hektischen Gang einer Uhr, die zu stramm aufgezogen ist.

Auch andere Politiker an Rhein und Ruhr leiden bereits unter zwanghaftem Redefluß. Ihre Stimmbänder sind rauh, obwohl die entscheidende Phase des Wahlkampfes gerade erst begonnen hat. Doch wer die Macht im bevölkerungsreichsten Bundesland erringen will, muß sich frühzeitig zu den Wählern aufmachen. Immerhin ist für die Kandidaten jetzt ein Ende des Rennens in Sicht. Bei Massenveranstaltungen im Ruhrgebiet haben Sozialdemokraten und Christdemokraten am vergangenen Wochenende die letzten Runden eingelautet. Was die einen bei einem Familienfest feierten und die anderen bei einem Feldgottesdienst zelebrierten, bündelte sich für Hermann Heinemann, den Vorsitzenden des SPD-Bezirks Westliches Westfalen, zu der befreienden Gewißheit: "Ab Montag wird geklebt."

Der Sieger im Wettbewerb auf den Plakatwänden zeichnet sich schon heute ab. Wo Schönheit nicht gefragt ist, zieht ein vertrauensheischender Bekanntheitsgrad. Und da führt Johannes Rau mit Längen. Seit knapp sieben Jahren regiert er Nordrhein-Westfalen. In dieser Zeit hat er erreicht, was dem umtriebigen Predigerssohn aus dem Bergischen anfangs so recht niemand zugetraut hatte: Er ist vom Bruder Johannes zum Landesvater geworden. Sein Konterfei, das den Wählern während der nächsten Wochen vielfach entgegenblicken wird, trägt für die Rheinländer und Westfalen nicht nur familiäre Züge, es verspricht auch Zuwendung, wie sie nur wenige Politiker vermitteln können.

Der Konkurrenz fällt es schwer, etwas dagegenzusetzen. Profilierte Persönlichkeiten sind rar in der nordrhein-westfälischen Politik. Bernhard Worms, der Herausforderer des Ministerpräsidenten, hat bisher trotz allen emsigen Werbens nur wenig Konturen gewonnen. Weil Kurt Biedenkopf nicht gemeinsam mit ihm auf Plakaten erscheint, muß er zudem auf den Aufmerksamkeitswert des bekannteren Parteifreundes verzichten. Der erst kürzlich gewählte Spitzenkandidat der FDP, Achim Rohde, ist noch weiter davon entfernt, ein politischer Haushaltsbegriff zu sein. Für die Grünen, schließlich, verbietet es sich von selbst, Personenkult auf Litfaßsäulen zu betreiben. Sie setzen lieber ganz auf das Problembewußtsein der Wähler.

Wie stark ist es ausgeprägt? Wichtiger noch: Wem werden die Bürger ihre Probleme anlasten – der Landesregierung oder Bonn?