Fast vergessene Dokumente: Der Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935

BERTOLT BRECHT

Es ist fast genau 50 Jahre her: Am Abend des 21. Juni 1935 strömten Tausende von Menschen zur Pariser nie Sainte Victor 24 – um 21.00 Uhr begann der Internationale Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur. Trotz ungewöhnlich hoher Eintrittsgebühren war der große Saal imGebäude der Mutualité, der 3000 Plätze faßte, ausverkauft. Es war das große Ereignis der internationalen antifaschistischen Intellektuellen – von Paul Nizan bis Bertolt Brecht, von Aragon bis Pasternak, von André Malraux bis Tretjakow fand sich die Elite des Geistes zusammen, um, wie Brecht ausrief, „heute die Kultur zu retten“. Organisiert (und für diese perfekte Organisation sogar vom distanzierten Figaro gelobt) wurde der Kongreß von französischen Schriftstellern – Jean-Richard Bloch, Aragon, Malraux. Getragen aber wurde er von einer großen Gemeinsamkeit. Regler übersetzte die Rede von Malraux ins Deutsche, Malraux wiederum übersetzte stehend die Rede Heinrich Manns ins Französische. Es war ein Aufgebot des Protestes, aber auch der Hoffnung – heute schon Legende, damals geisteshistorisches Ereignis.

Auf Initiative von Anna Seghers und rasch aufgegriffen von allen Antifaschisten, die damals (zu spät, wie wir heute wissen) eine Volksfrontbewegung initiieren wollten – Heinrich Mann an der Spitze – war es Demonstration der Macht und Ohnmacht zugleich. Selbst die Anekdoten, die sich um den Kongreß ranken (wie kann es bei Schriftstellern anders sein) – Robert Musil weigerte sich, am selben Tag wie der verhaßte Heinrich Mann zu sprechen; geheime Sitzungen fanden in den Wohnungen von Jean-Richard Bloch oder Ilja Ehrenburg statt; konkurrierende Besprechungen auf der Terrasse des Deux Magots – zeigen, daß sogar unter äußerster Bedrohung die „Einigkeit“ der Einzelgänger ein schwieriges Geschäft ist. Auch über diesem Kongreß drohte nicht nur der Schatten Hitlers, sondern bereits der Stalins.

Wenn es in Deutschland um dieses Thema geht, fehlt nie eine Pointe: Die einzige umfassende Sammlung aller Texte des Kongresses hat die Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften (Akademie Verlag) 1982 vorgelegt.

Fritz J. Raddatz

Kameraden, ich möchte, ohne besonders Neues sagen zu wollen, etwas über die Bekämpfung jener Mächte sagen, welche heute sich anschicken, die westliche Kultur in Blut und Schmutz zu ersticken, oder die Reste der Kultur, welche ein Jahrhundert der Ausbeutung uns übriggelassen hat. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nur auf einen einzigen Punkt lenken, über den meiner Meinung nach Klarheit herrschen muß, wenn man diese Mächte bis zu ihrem Ende bekämpfen will.