Von Hansjakob Stehle

Gruselgeschichten aus dem Vatikan konnten sich schon deshalb immer mit einem Schimmer von Wahrscheinlichkeit umgeben, weil die Geschichte der Papstkirche – auch ohne Zutun ihrer antiklerikalen Schwarzfärber – in fast zweitausend Jahren mehr Skandalöses hervorgebracht hat, als klerikale Schönfärber wahrhaben wollen. Dazu kommt, daß im Vatikan selbst bis zum heutigen Tag Hofklatsch und manche Intrige wie Unkraut aus uralten Mauerritzen sprießen und auch in der italienischen Neigung zum "Hintergründigen" fruchtbaren Boden finden.

So gab es schon 1978, kurz nach dem plötzlichen Tode des 33-Tage-Papstes Johannes Pauls I. Gerüchte, es sei dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen. Mord im Vatikan? Die These verkauft sich – ohne Fragezeichen – allemal, geschäftlich und politisch. Herren, auch geistliche, die kein Wässerchen zu trüben scheinen, aber selbst gerne im angeblich Trüben fischen lassen, holten sich aus England einen schriftstellernden Detektiv nach Rom – natürlich einen, der sich nie mit Vatikanischem beschäftigt hatte – und setzten ihn auf wohlpräparierte Spuren:

David A. Yallop: "Im Namen Gottes?" Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur, München 1984; 448 S., 38,– DM.

Seit Monaten schon steht er auf der Bestsellerliste, aber großer Druck und dickes Papier besagen noch nichts über das Gewicht von Fakten, noch weniger über die Richtigkeit von Schlüssen; auch nicht die paar Dutzend Namen, die der Autor nennt und als "Spitze des Eisbergs" seiner diskreten Gewährsleute bezeichnet. Die Prominentesten, die beiden Kardinäle Benelli und Felici sind gestorben, andere – einer sogar selbst Vatikankritiker – haben nie von Mr. Yallop gehört.

Immerhin, der unsichtbare Eisberg hat gekreist und – Ratten geboren, die der Autor als sechs Hauptdarsteller einer nicht etwa nur vatikaninternen, sondern auch italienischen, ja internationalen Verschwörung auftreten läßt. Drei der "Angeklagten" können sich ohnehin nicht mehr wehren, weil sie inzwischen tot sind: Der Kardinalstaatssekretär Villot, der amerikanische Kardinal Cody und der italienische Bankier Calvi. Zwei sitzen im Gefängnis, in italienische Mafia-Skandale verwickelt: Der Bankrotteur Sindona und der Freimaurer-Logen-Chef Gelli. Nur Erzbischof Marcinkus, der Präsident der Vatikanbank, des ominösen "Instituts für die Werke der Religion", amtiert bis heute. Doch gerade an dem, was Yallops kriminalistischer Eifer bei Marcinkus zutage fördert, zeigt sich, wie vorgefaßte Meinung den Autor immer wieder zu absurden Schlüssen auch aus richtigen Prämissen verführt:

Nachweislich seien im Juli 1971 in New York "gefälschte amerikanische Wertpapiere im Wert von 14,5 Millionen Dollar" an die Vatikanbank geliefert worden; eine größere "Bestellung" – fast eine Milliarde Dollar – fand der amerikanische FBI jedoch unter einem falschen vatikanischen Briefkopf getätigt. Im April 1973, also erst eindreiviertel Jahre später, als – aufgrund einer von Marcinkus selbst verlangten Überprüfung der Papiere! – die Fälschung ans Licht kam, reisten zwei FBI-Beamte nach Rom und informierten den Vatikan (auch Marcinkus), daß er betrogen worden war. Yallops Schluß: Marcinkus habe da selbst "eine der größten Betrügereien aller Zeiten eingefädelt", also für sein Bankinstitut ganz bewußt gefälschte Wertpapiere gekauft, um sich zu bereichern. Zugleich zitiert Yallop jedoch, daß die Ermittlungsergebnisse des FBI – außer vagen Behauptungen der verhafteten Betrüger – dafür keinerlei Beweise erbrachten.

Hätte Yallop eine auch nur blasse Ahnung von der wirklichen Problematik vatikanischer Verhältnisse, dann wäre er zu dem sehr viel einfacheren, freilich nicht so sensationellen Fazit gekommen: Ein Priester, zumal ein Erzbischof, taugt nicht zum Bankdirektor. Wenn allerdings, wie es in Italien geschah, erfahrene Geschäftsleute zwielichtigen Figuren wie Sindona und Gelli auf den Leim gingen, wie viel leichter erst ließ sich ein Mann täuschen, dessen hemdsärmeliger Cowboy-Charme keine solide Banklehre ersetzt. Weswegen auch der Vatikan nicht, wie unser Autor unkt, im Gelde schwimmt, sondern – siehe jüngste Bilanz – mit Defiziten kämpft.

Zwar gab es zur Zeit, als Johannes Paul I. am 28. September 1978 starb, noch gar keinen "Fall Marcinkus", doch der Amateur-Detektiv Yallop braucht das Motiv für einen Papstmord. So soll der Pontifex am Tage vorher dem erschrockenen Kardinal Villot (den er gerade öffentlich in seinem Amt als Staatssekretär bestätigt hatte!) eröffnet haben, er werde ihn selbst und andere Würdenträger entfernen und die Vatikanbank überprüfen. In Wirklichkeit war Villot amtsmüde und krank (er starb sechs Monate später), aber der Papst wollte ihn behalten. Auch weil er selbst in Wahrheit ganz unentschlossen war, sich unsicher fühlte, überfordert. "Ich rühre niemanden und nichts an, mindestens für ein Jahr, ich weiß ja überhaupt nichts", sagte er zu Kardinal Casariego (Guatemala) und öffentlich in der Audienz am 17. September: "Wenn mir einer gesagt hätte, daß ich Papst werde, hätte ich mich besser vorbereitet." Redet so einer, der gerade zum eisernen Besen greift? Yallop zitiert dies nicht, sondern weist auf die einzige wichtige Personalentscheidung des neuen Papstes hin, die Ernennung des schwarzen Kardinals Gantin zum Präsidenten von "Cor Unum" – laut Yallop "eine der wichtigsten Geld-Adern" des Vatikans für Entwicklungshilfe, laut Statut hingegen "weder Empfänger noch Verwalter von Finanzen" ...

Schiefes und Falsches dieser Art häufen sich in diesem Buch – von der Behauptung, der theologisch eher konservative Luciani-Papst habe die "Pillen-Enzyklika" Pauls VI. revidieren wollen bis zu der irreführenden Mitteilung, er sei "völlig gesund" gewesen (bis 1958 – zwanzig Jahre vorher!). Der Augenarzt, der Luciani noch einen Monat vor dem Konklave wegen eines Blutgerinnsels operierte (was Yallop verschweigt) und wegen ständiger Beinschwellungen behandelte, wird von unserem Autor immerhin mit der Aussage zitiert, "daß dieses Gefäßproblem irgendwann den Tod Lucianis hätte herbeiführen können". Aber für Yallop war es ein Giftmord. Hauptindiz: Daß der Vatikan keine Autopsie vornehmen ließ, die aber bei toten Päpsten weder üblich noch untersagt ist. Anderes "Indiz": Villot habe es verdächtig eilig gehabt mit der Einbalsamierung. Mußte er aber überhaupt – wie Yallop schreibt – "Beweismittel beseitigen", wenn ohnehin keine Autopsie mit Organentnahme vorgesehen war? Was der Autor offensichtlich nicht weiß: es ist die Pflicht des "Camerlengo", – der beim Tode eines Papstes diesen vertritt – alle persönlichen Gegenstände des Verstorbenen sicherzustellen.

Überhaupt ging es im Vatikan nach dem Tode des Luciani-Papstes so zu wie stets in solchen Fällen – formell, fromm und konfus, einschließlich der pietätvollen Legenden über das Ende. Da an jenem Tag niemand an Mr. Yallop dachte, versäumte man sogar, alles zu tun, um seiner These gründlich vorzubeugen – ein Verdachtsmoment mehr, für unseren Detektiv! Triumphierend präsentiert er am Ende seines Werkes den letzten Beweis: Das neue Kirchenrecht bedroht seit 1983 die Freimaurer nicht mehr mit Exkommunizierung. Inzwischen hat zwar die vatikanische Glaubenskongregation daran erinnert, daß Katholiken nach wie vor keine Freimaurer sein dürfen. Aber das geschah zum Glück für unseren Autor erst nach Erscheinen seines Buches. Eben! – so wird er vielwissenden Blickes sagen ...