David Leans „Reise nach Indien“

Von Siegfried Schober

Was David Lean, der Regisseur publikumswirksamer Spektakel („Die Brücke am Kwai“, „Lawrence von Arabien“, „Doktor Schiwago“), mit E. M. Forsters 1924 erschienenem Romanklassiker „A Passage to India“ angestellt hat, wurde von ein paar professoralen Gralshütern am ehrwürdigen King’s College in Cambridge, wo Forsters literarisches Erbe verwaltet wird, mit Mißbilligung bedacht. Dort fühlt man sich von Lean, der seine „Reise nach Indien“ als Mitsiebziger inszenierte – anschließend wurde er in den Adelsstand erhoben –, schlicht übers Ohr gehauen. Die Eloquenz und Ausstrahlung des greisen Filmemachers, der für seinen Eigensinn und seine Listigkeit bekannt ist, muß die Herren am King’s College blind gemacht haben für die Tatsache, daß Lean natürlich Hollywood nähersteht als Cambridge.

Wodurch Jahr für Jahr englische Schüler, die sich beim Matura-Aufsatz statt für Charlotte Brontës „Jane Eyre“ für E. M. Forsters „A Passage to India“ entschieden haben, in schwitzige Interpretationsnöte kommen: dies alles, das Mystische, Spirituelle, Forsters philosophierende Indienpoeterei, kurz den ganzen Tiefsinn hat Lean bei seiner „Reise nach Indien“ über Bord geworfen. Unsublim könnte man Leans Verfahren schon ein wenig nennen, daß er das rein Erzählerische, die Außenwelt, eben das Kinowirksame nun so in den Vordergrund gestellt hat. Aber ohnehin wabert in dem Roman ein bißchen viel Seele, etwas mehr Körper tut da keinen Schaden. Zumal die politische Brisanz, die der Roman wegen seines ungnädigen Porträts der englischen Kolonialherren und seines leisen Engagements für die indische Befreiungsbewegung in den zwanziger Jahren unerwartet erlangte, durch die Zeitläufe überholt wurde und das Buch dann Klassikerstaub ansetzte.

Klassischer Storyteller

Erst jetzt zum Start des Films liegt auch die lanvergriffene deutsche Übersetzung unter dem Titel „Auf der Suche nach Indien“ wieder vor (aus dem Englischen von Wolfgang von Einsiedel; S. Fischer, Frankfurt; 391 Seiten, 34 Mark).

Lean hat auch, ohne den Handlungskern anzutasten, tüchtig geändert. E. M. Forster schrieb immerhin zur gleichen Zeit wie Joyce, Proust, Virgina Woolf, Thomas Mann, und die formale Revolutionierung des Romans hat in „A Passage to India“ Spuren hinterlassen. Lean aber ist ein Storyteller, er schildert gern hübsch der Reihe nach, er nimmt den Zuschauer bei der Hand und führt ihn gemächlich durch die Handlung, und das tut er allerdings meisterhaft. Für den Film hat er einen konventionellen Anfang erfunden: Miß Quested schifft sich in England nach Indien ein. In Begleitung von Mrs. Moore, einer alten Dame, kommt sie in Bombay an, von wo aus es mit dem Zug, im komfortablen Schlafwagenabteil, in die Provinzstadt Chandrapore geht. Diese Reiseetappe illustriert Lean mit gefälligen Prachtbildern vom kolonialen Indien; Armut und Elend sind nicht zu befürchten. Lean erzählt eine bizarre romantische Geschichte von den unerfüllten Träumen und stillen Begierden einer jungen Engländerin, und Indien bildet dafür den pittoresken Hintergrund.

In Chandrapore wird Adela Quested von ihrem zukünftigen Verlobten erwartet, der sich als bornierter Holzklotz entpuppt. Er ist der Sohn von Mrs. Moore, Adelas Mitreisender, die entsetzt ist über die Arroganz und den Rassismus in der britischen Beamtenenklave, wo man nichts davon hält, sich mit den Indern anders als verwaltungstechnisch abzugeben. Miß Quested mit ihrem ausdrucksvollen Mund und dem verhangenen Blick und Mrs. Moore, die mit ihren liberalen Ansichten ihren Sohn verschreckt, lassen sich nicht damit abspeisen, daß ihr Indienerlebnis auf den britischen Klub beschränkt bleiben soll.

Von Chandrapore sieht man in der Ferne wie einen verheißungsvollen Zauber die Marabar-Berge. Im Haus des Collegeprofessors Fielding, der ein Grenzgänger zwischen der britischen und indischen Welt, ein munterer Nonkonformist ist, hören die beiden Frauen in Gesellschaft zweier indischer Gäste, des gutaussehenden jungen Arztes Dr. Aziz und eines kuriosen brahmanischen Weisen, einiges über die berühmten geheimnisvollen Höhlen in jenen Marabar-Bergen. Ein Ausflug dorthin, angeführt von dem Inder Aziz, wird beschlossen.

Der Ausflug, eine tragikomische Expedition von reichlich indischer Folklore umrahmt, endet fatal. Die unerwarteten schaurigen Echoeffekte in den Höhlen, die sonst nichts von den erhofften Wundern bieten, setzen die alte Mrs. Moore in Schrecken. Als laste auf einmal die undurchdringliche Düsternis Indiens, die sich hinter der vordergründigen opulenten Farbenpracht verbirgt, auf ihr, sinkt sie in ihren Picknickstuhl. Von einem Moment zum andern erlahmen ihre Lebensgeister, die Sonne verfinstert sich vor ihren Augen, Todesahnung befällt sie. Aber etwas Hinfälliges, Lebensmüdes überschattete sie schon, seit sie den Boden dieses merkwürdigen Kontinents betreten hatte, wo englische Machtherrlichkeit und Dekadenz mit einer exotischen Sinnenfülle und mit einem unfaßbaren Mystizismus konkurrieren, mit etwas absolut Fremden, das noch keinem Europäer wirkliches Heil hatte bieten können.

„Connect“, hatte das Motto eines früheren Romans von E. M. Forster gelautet; über „A Passage to India“ könnte stehen: „Es gibt keine Verbindung“ – und diese Erfahrung ist die resignative Alterserkenntnis der kultivierten Mrs. Moore, die glaubte, es bedürfte nur einer Geste, um die eingefleischten Feindseligkeiten zu überwinden und die vergifteten Gefühle zu läutern.

Was war in den Höhlen?

Die junge Adela Quested, die nachts in der Beamtenstadt auf ihrem Bett vergebens auf ihren zukünftigen Verlobten gewartet hatte und eines Morgens sich in einen Dschungel voller erotischer Skulpturen verirrte, flieht die Marabarhöhlen im aufgelösten Zustand und in höchster Verwirrung. Allein mit Dr. Aziz, ohne Mrs. Moore, hatte sie noch andere Höhlen aufgesucht. Wenig später trifft sie ohne ihren indischen Begleiter und völlig derangiert in Chandrapore ein und beschuldigt Aziz, er habe sie in einer Höhle zu vergewaltigen versucht. Dem Inder wird der Prozeß gemacht, die Briten schließen die Reihen, die politische Unruhe unter der Bevölkerung nimmt zu – und Miß Quested, sie widerruft, was für ihre Landsleute den Gipfel der Unmoral darstellt.

Das Höhlenrätsel gibt dem Film suspense. Man kann ein immerwährendes Spiel daraus machen, was das ganze bedeutet. Hat Miß Quested gewollt, daß der hübsche Inder zu ihr in die Höhle kommt und ihr das gibt, was ihr gehemmter englischer Verlobter ihr vorenthielt? Warum hat sie während der Gerichtsverhandlung in aller Öffentlichkeit bekannt, daß sie ihren Verlobten nicht liebt? Für das, was in der Höhle passiert oder nicht passiert ist, gibt es vier Möglichkeiten: Adela Quested wurde nicht attackiert und hat gelogen; sie wurde von Aziz vergewaltigt und wollte am Ende entweder ihn schützen oder sich durch ihren Widerruf von Makel befreien; es war ein anderer bei ihr in der Höhle; sie hatte psychoanalytisch zu erklärende Halluzinationen.

Selbst E. M. Forster wußte sich auf seinen fabelhaften Marabar-Einfall keinen Reim mehr zu machen, er nannte ihn einen „magischen Trick“ und schrieb: „Ich wollte Indien als nicht zu erklärenden Kuddelmuddel zeigen, indem ich dieses Kuddelmuddel, Miß Questeds Erlebnis in der Höhle, zu Hilfe nahm. Fragen sie mich nicht, was dort geschah, ich weiß es nicht.“