Heute, zehn Jahre danach, liegen etwa 200 unterernährte Säuglinge und Kleinstkinder in dem Saigoner Waisenhaus von "Terre des Hommes". In den für den Mittagsschlaf abgedunkelten Räumen zappeln kleine windelverpackte Bündel in den Betten. Einige haben nur wenige Haarbüschel auf dem Kopf, andere verbundene Hände, damit sie ihre juckenden Hautflächen nicht ständig aufkratzen. Sie haben schmale knochige Ärmchen und alte Gesichter mit riesigen Augen. Die Schilder über den Betten sagen, was ihnen vor allem fehlt: Gewicht.

Die Kinder werden in dem Heim hochgepäppelt und dann an vietnamesische Eltern vermittelt, die einen Säugling adoptieren möchten. In früheren Jahren hat "Terre des Hommes" auch europäische Eltern akzeptiert, doch inzwischen gibt es genügend inländische Paare.

Die 500 000 Mark im Jahr, die nötig sind, um das Waisenhaus zu unterhalten, bringen rund 2000 Deutsche auf. Sie zahlen monatlich 25 oder 30 Mark. Die meisten tun dies seit 1968, viele haben sich 1975 dazu entschlossen, bei Kriegsende, gedacht als gezielte Aufbauhilfe. In detaillierten Vierteljahresberichten legt die Leitung des Waisenhauses Rechenschaft ab über die Verwendung der Gelder, über Lebensmitteleinkäufe ebenso wie über neuangeschaffte Löffel oder Schnuller. Europäische Schwestern arbeiten nicht mehr im Heim, Vietnamesinnen haben die Betreuung der Kinder übernommen, auch die Leitung des Waisenhauses. Sie haben sich so weiterqualifiziert, daß sie inzwischen Kurse für das Personal anderer Waisenhäuser abhalten, in denen sie ihr Wissen über richtige Ernährung, Bekämpfung von Durchfall, Babyhygiene Weitergeben.

"Terre des Hommes" konnte sich deshalb anderen Projekten in Vietnam zuwenden. Das Rehabilitationszentrum für querschnittsgelähmte Kinder ist inzwischen fertiggestellt, die damals in Deutschland versorgten kriegsverletzten Kinder werden weiterhin mit Medikamenten, Rollstühlen und orthopädischen Hilfsmitteln versorgt, in den Grenzprovinzen zu China wird der Bau von vier Schulen unterstützt und im Mekong-Delta die Entwicklung einer Biogas-Anlage finanziert.

So imposant diese Hilfe ist, so verschwindend klein wirkt sie angesichts des erdrückenden Erbes des Krieges. "In die Steinzeit zurückbomben" wollten die amerikanischen Generäle das Land, und auf diesem Weg waren sie ein gutes Stück vorangekommen. Generalstabsmäßig wurde die Umwelt zerstört und verseucht: Vierzehn Millionen Tonnen Bomben und Granaten fielen auf Vietnam – dreimal soviel wie auf alle Länder im Zweiten Weltkrieg. 500 Kilo Dioxin regneten auf die Wälder nieder – in Seveso vergifteten 0,3 Kilo die Umwelt. Zerstört wurden: die Hälfte der nordvietnamesischen Städte völlig, 3000 Schulen, 350 Krankenhäuser, das gesamte Verkehrssystem, unzählige Deiche und damit die Grundlage des Reisanbaus. Zweidrittel der Südvietnamesen flüchteten aus ihren Dörfern, drei Millionen Vietnamesen kamen ums Leben, 800 000 wurden zu Waisen, eine Million zu Krüppeln. Noch heute sterben jährlich etwa tausend Menschen an Blindgängern, die zu Zehntausenden im Boden lauern, noch im nächsten Jahrzehnt werden dioxin-verseuchte Kinder zur Welt kommen.

Von sich aus konnte und kann dieses Volk nicht wieder auf die Beine kommen. Neben sozialistischen Staaten leisteten nur die Länder Skandinaviens und Frankreich nennenswerte Entwicklungshilfe. 3,25 Milliarden Dollar Aufbauhilfe versprachen die USA im Pariser Friedensabkommen, das ihren Abzug besiegelte. Gezahlt wurde bis heute kein Cent. Und die Deutschen? Solange Krieg war in Vietnam, lag der Bundesrepublik das ferne Land am Herzen. "Berlin wird in Saigon verteidigt", lautete die Parole. Egal, ob der Kanzler Erhard, Kiesinger oder Brandt hieß, stets marschierte die Bundesregierung liebevoll eingehakt an der Seite des bombenwerfenden Verbündeten. Keine andere europäische Regierung machte sich den Krieg so zu eigen.

Keinen Pfennig gezahlt