Lange genug hat es gedauert, bis die Ruhrstadt Essen sich der eigenen Tradition erinnerte. Jetzt tut sie es gleich mit einem Festival: „Folkwang ’85“ (von Mitte März bis Ende April), Und bei der Gelegenheit versucht man gleich, im größeren Rahmen, die ganze Region ein wenig aufzuwerten – Stichwort „Ruhrgebiet – Kulturgebiet“.

Eigentlich mußte man sich nur vergegenwärtigen, was vor der eigenen Tür immer schon greifbar nahe lag. Schließlich hatte der deutsche Ausdruckstanz mit Kurt Jooss und der Folkwangschule seit 1927 in Essen eine feste Heimat. Schließlich entstammen dieser Schule einige der wichtigsten Choreograpainnen des Tanztheaters: Pina Bausch, Reinhild Hoffmann, Susanne Linke.

Doch bedurfte es wohl erst des Erfolgs der neuen Tanzrevolte, auch die Erinnerung an das tänzerische Erbe wieder wachzurufen, das der kollektiven Amnesie der wirtschaftswunderlichen Nachkriegsrepublik gleich mit zum Opfer gefallen war. Eine längst nicht mehr aufs „überzeitlich Klassische“ verpflichtete Generation fragt nach den Quellen – und darf auf Entdeckungen gefaßt sein. Die Ausdruckstänzer schufen die Freiräume, die heute die Enkelinnen mit neuen Inhalten zeitnah zu besetzen verstehen.

Bei Jooss, dessen international gefragte Repertoirewerke „Pavane auf den Tod einer Infantin“ (1929), „Der grüne Tisch“, „Großstadt“ und „Ein Ball in Alt-Wien“ (alle 1932) in Essen uraufgeführt wurden, trifft man die gleiche Konzentration auf das Wesentliche, die auch die wütenden oder leise poetischen Tanzläufe des neuen Tanztheaters prägen. Präziser als in „Pavane“ ist kaum je die erstarrte feudale Attitüde der Macht zelebriert worden. Tiefer als in „Großstadt“ hat selten ein Choreograph die Klassenunterschiede in die Körper eingeschrieben, wenn proletarischer Schieberwalzer und tripplige Charleston-Hektik auf dem Tanzparkett gegeneinander antreten. Und der „Grüne Tisch“, der die Kriegstreiber beim politischen Interessenschacner entlarvt, ist nach wie vor ein Klassiker des zeitgenössischen Theatertanzes. Hier gewann auch das Essener Ensemble, das ansonsten sichtlich mit dem ungewohnten „Ausdruck“ im Tanz zu kämpfen hatte, im Gefolge des körpermächtigen Christian Holder vom Jeoffrey Ballet klare Konturen.

Wer wollte, konnte den Spuren der Vergangenheit zudem in einer informativen Ausstellung der Jooss-Erben nachgehen, zu der im Kölner Ballett Bühnen Verlag ein ausgezeichneter, Katalog erschienen ist: „Jooss“ – Dokumentation von Anna und Hermann Markard, Deutsch und Englisch; Ballett Bühnen Verlag, Köln, 1985; 160 S., 120 Photos, 25,– DM

Wie sehr Jooss’ Bemühungen um eine radikale Erneuerung des Bühnentanzes in der heutigen Choreographengeneration Frucht trägt, bewiesen die Gastspiele ehemaliger Schüler. Pina Bauschs asketische, körpernah getanzte Einsamkeitsrituale in „Café Müller“ beziehen ihre dramatische Wucht aus jener kompromißlosen Aufrichtigkeit und Genauigkeit, die die Pionierin des Wuppertaler Tanztheaters einmal als wichtigstes Erbe der Jooss-Schule bezeichnet hat.

Susanne Linkes ironische Abrechnung mit dem altbackenen „Schwanensee“, den sie in „Wir können nicht alle nur Schwäne sein“ als kopflos taumelnden Hühnerhof samt Hackordnung präsentiert, wäre ohne die Freiheit des Ausdruckstanzes, dem jede Bewegung gleichermaßen zum Baustein dienen konnte, kaum denkbar. Und wie sich das Konzept eines schnörkellosen, ausgenüchterten Handlungsballetts in die Gegenwart bringen läßt, demonstrierte Jooss-Schüler Günther Pick mit seinem „Woyzeck“.

Mit dem Körper läßt sich nicht mehr lügen, seit er gelernt hat, den Gefühlen im regelfreien, unkorsettierten Selbstausdruck ihren Lauf zu lassen. Auch wenn sich die Inhalte inzwischen gewandelt haben – seit den Aufbrüchen des Ausdruckstanzes gilt der Körper als ein Labor der Gefühle, denen auf der Tanzbühne zu ihrem Recht verholfen wird, ungeteilt gelebt zu werden. Hier erzählen sie von ihren Hoffnungen und Nöten, von ihrer Zurichtung und einer weiterhin ungebrochen fortlebenden Intensität.

Das gilt bis in die jüngste Generation. In ihrem bislang stärksten Stück, „Wenn die Wände sprechen“, einem düsteren Tagtraum der Erinnerung, verdichtet Marilen Breuker ihre einander überstürzenden, geborstenen Bild- und Bewegungsfolgen zu einer bestürzenden Intensität, die dieses Frauenporträt fühlbar naherückt. Ihr hierzulande erstmals gezeigtes Duo „Solitudes/Einsamkeiten“ reicht an solche Prägnanz nicht ganz heran, auch wenn Manien Breuker hier selbst eine atemberaubende, wie von Stroboskoplicht zerhackte Lachgestenparade tanzt, die die Streitrituale des sommerlich heiteren Paares augenzwinkernd überzieht.

Allzusehr in Pastelltönen zeichnet Christine Brunel, inspiriert von Aristide Maillol, ihr Künstlerbild in der Auftragsproduktion „Daphnis und Chloe“. Zaghaftigkeit im Umgang mit dem Thema (der Künstler und seine „Geschöpfe“) und dramaturgische Brüche in der choreographischen Umsetzung kennzeichnen das Werk. So pendelt das Stück wie seine Hauptfigur zwischen kreativem Aufbruch und ängstlichem Zweifel, bleibt vieles noch Andeutung, was zu einer ausdrucksstarken tänzerischen Sprache erst entwickelt werden will.

„Folkwang ’85“, ist der gelungene, leider viel zu seltene Versuch, sich der eigenen revolutionären Tanztradition, so wenig von ihr auch greifbar ist, zu vergewissern. Norbert Servos

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Ausgewählt von HANS MAGNUS ENZENSBERGER und nach den alten Regeln der „Schwarzen Kunst“ verlegt bei FRANZ GRENO, D-8860 Nördlingen.

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