Günzburg

Die Stadt ist stolz auf ihre Vergangenheit. Im 18. Jahrhundert, als die Habsburger in Vorderösterreich regierten, nannte man das zwischen Ulm und Augsburg gelegene Günzburg „Klein Wien“. Der kompakte Marktplatz mit den alten Bürgerhäusern, von Experten als einer der schönsten ganz Bayerns gerühmt, die Liebfrauenkirche des Dominikus Zimmermann und das Schloß, wo die Markgrafen der Kaiserin Maria Theresia residierten, stammen aus dieser glanzvollen Epoche. Die in- und ausländischen Reporter freilich, die derzeit in Scharen in die idyllische Kleinstadt an der Donau einfallen, begutachten ein ganz anderes Kapitel Günzburger Vergangenheit. Es rankt sich um den Namen eines Mannes, der seiner Heimatstadt vor 55 Jahren den Rücken gekehrt hat und nun „wie ein monströser Schatten“ (Oberbürgermeister Dr. Rudolf Köppler) auf ihr lastet: Josef Mengele.

Ansturm der Medien

Seit die Jagd auf den wegen vieltausendfachen Mordes gesuchten Auschwitzer Lagerarzt intensiviert worden ist, geriet die 18 500-Einwohner-Stadt weltweit in die Schlagzeilen. Sogar die amerikanischen Fernsehriesen ABC und CBS haben Kamerateams ins Schwabenland geschickt, um mengele-town in ihre Nachrichtensendungen zu hieven. Günzburg hat Mühe, mit diesem Ansturm der Medien fertig zu werden. Zumal es viele Berichterstatter geradezu darauf anlegen, ihre vorgefaßte Meinung bestätigt zu finden: daß Günzburg eine alte Nazi-Hochburg sei, die Mengeles Verbrechen hartnäckig verschweige und seine Spuren verwische. „Da ist eine gefährliche Legendenbildung im Gang“, befürchtet Stadtoberhaupt Köppler. Eines Tages könnte es den Günzburgern im Ausland so ergehen wie den Dachauern: „Denen werden wegen des Kennzeichens die Autoreifen zerstochen.“

Besonders hervorgetan hat sich das englische Massenblatt Daily Express, das Günzburg in einer vor getürkten Zitaten und falschen Behauptungen nur so strotzenden Reportage „einen sicheren Platz in den Annalen des Bösen“ zuwies. Mit nachgerade alttestamentarischer Wut im Bauch kreuzte Ende Januar Tobias Friedmann, Leiter einer Dokumentationsstelle für NS-Verbrechen in Haifa und Intimfeind Simon Wiesenthals, in Günzburg auf. Er prophezeite der Stadt das Schicksal Sodom und Gomorrhas, wenn sie sich nicht endlich von der „Schande“ befreie, den SS-Kriegsverbrecher weiter zu decken. Hanne Hiob, die Tochter Bert Brechts, hatte schon 1982 bei einem Besuch vor Ort gefunden: „Die Idylle von Günzburg ist der Faschismus und damit der Antisemitismus von heute.“ Günzburg sei fest im Griff der Familie Mengele, die sich von den Untaten des KZ-Arztes nie ausdrücklich distanziert und den Flüchtigen finanziell über Wasser gehalten habe.

Der Oberbürgermeister weicht keiner Frage aus, will die historische Wahrheit freigelegt wissen. Der gelernte Jurist Köppler stammt aus Berlin, er hat das Günzburger Rathaus 1970 sensationell für die SPD erobert. Auch unter seiner Regie dauerte es allerdings 13 Jahre, ehe das Thema Josef Mengele erstmals im Stadtrat zur Sprache kam – im März 1983, bei einer Sondersitzung anläßlich des 50. Jahrestages der Machtergreifung Hitlers und der Gleichschaltung der Gemeinden. In Köpplers Rede ist nachzulesen, daß sich die Stadt „formell von Josef Mengele distanziert“, daß die Bürger und ihre Repräsentanten seine Verbrechen aufs schärfste verurteilen. In all den Jahren davor freilich ist geschwiegen „und verdrängt worden“, wie der 49jährige OB einräumt – aus Unkenntnis, Verlegenheit, Desinteresse und auch aus Scheu vor dem Einfluß der Familie Mengele, die als größte Arbeitgeberin am Ort bis zum Tod des Firmenpatriarchen und Ehrenbürgers Alois Mengele im Jahre 1974 auch maßgeblichen politischen Einfluß besaß und es verständlicherweise nicht schätzte, mit Fragen nach Josef Mengele behelligt zu werden.

Mitte der sechziger Jahre ließ Alois Mengele zudem wissen, er vermöge aufgrund der Erziehung und des Charakters seines Bruders an all die ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht recht zu glauben. Dieses Urteil zählte, zumal die Schulfreunde „Beppos“, die den späteren SS-Hauptsturmführer 1930 nach dem Abitur aus den Augen verloren hatten, ebenfalls Zweifel anmeldeten. Schließlich war der älteste der drei Söhne des Firmengründers Karl Mengele der netteste gewesen – trotz glänzender Noten kein Strebertyp, zuvorkommend, hilfsbereit. Hinzu kommt: „In einer Kleinstadt“, so Köppler, „bietet sich kein Forum, um so ein heikles Thema aufzubereiten. In einer großen Stadt wäre das sicher passiert.“ In Günzburg jedenfalls ist es nicht geschehen.