Ich bin kein Engel – Seite 1

Von Anna von Münchhausen

Ein asphaltierter Feldweg, hart am Saum des Murnauer Mooses. An einem klotzigen Ferienhotel und der Ramsach-Kapelle vorbei führt er zum Haus von Birgitta Wolf. "Straße der Hoffnung" haben ihn die genannt, die hierher pilgerten, um sich bei der schwedisch-deutschen Publizistin Rat und Hilfe zu holen.

Ein bescheidenes kleines Haus; aber: "Nein, dieser Blick", rufen viele aus, die hier zum erstenmal stehen; hinter der Moorlandschaft mit ihren melancholischen Birken und dem Riedgras erhebt sich das Postkartenmassiv der Alpen, die Notkarspitze und das Ettaler Manndl. "Haben Sie denn keine Angst vor Einbrechern hier in der Einsamkeit?" fragen dann viele. Nein, Angst hat Birgitta Wolf nicht. "Warum? Die kommen doch extra zu mir, und sie wohnen bei mir."

Unten im Keller hat sie zwei Wohnungen eingerichtet, für Strafentlassene oder Häftlinge auf Urlaub; manche bleiben ein paar Tage, andere Wochen oder Monate.

Hilfe für Gefangene, für ihre Familien, für Obdachlose, Unstete, Gescheiterte – das ist das Lebenswerk der 72jährigen, dafür ist sie über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannt geworden. Wer sich für Randgruppen engagiert, und das seit über 30 Jahren, hat ein Gespür entwickelt für die feinen Unterschiede. "Wenn einer am Schreibtisch sitzt und einem Bedürftigen hundert Mark hinüberschiebt, dann gilt das als Wohltätigkeit. Wenn man aber die Leute ins Haus nimmt, du zu ihnen sagt und ihnen die Hand gibt, dann ist man gesellschaftlich beschmutzt", sagt Birgitta Wolf.

Beschmutzt? Vor wenigen Wochen hat ihr der schwedische König Carl Gustaf in Stockholm für ihre humanitäre Arbeit die Medaille des (seit 1748 erst 30 Träger zählenden) Serapnimer-Ordens verliehen. Eine Anerkennung offenbar überirdischer Mildtätigkeit: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde mit eben diesem Orden Elsa Brändström ausgezeichnet, der "Engel von Sibirien".

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Birgitta Wolf wird seit Jahren schon in Presse und Öffentlichkeit "Engel der Gefangenen" genannt. Das ärgert sie; nicht wegen des Pathos eines solchen Attributs, sondern weil das eine bequeme Entrückung in unerreichbare Sphären bedeutet: Wer so etwas tut, ist nicht normal, ist himmlisch. "Ich bin kein Engel", sagt Birgitta Wolf dann, temperamentvoll und ein wenig genervt. Besser paßt zu ihr zweifellos das Wort von Kästner: Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.

Was sie tut, würden Psychologen als ausgeprägtes Helfer-Syndrom bezeichnen: Über 50 000 Briefe hat sie Gefangenen geschrieben, Pakete geschickt, sich um Angehörige gekümmert, versucht, Erleichterung zu schaffen, Gespräche geführt mit Gefängnisdirektoren, Vollzugsbeamten, Justizministern, wo es um Grundsätzliches ging. Ein Mensch ohne Titel, ohne Geld, ohne nennenswerte Protektion hat es immerhin zustande gebracht, einige Gesetze zu ändern – wie beispielsweise den früher in Strafanstalten üblichen "verschärften Arrest" (hartes Lager, 700 Gramm Brot, jeden dritten Tag normale Kost und eine Matratze).

Ihr Antrieb ist, so gibt sie an, "die tägliche Konfrontation mit sozialer Ungerechtigkeit". Unfähigkeit zur Verdrängung. Tatsächlich – ein Nachmittag in ihrem Haus ist ein nur von einer Tasse Kaffee unterbrochener Intensivkurs in praktischer Sozialarbeit. Auch fundraising gehört dazu: Ob ihre Spende für den "Verein Nothilfe Birgitta Wolf" denn eingegangen sei, möchte da eine "liebe Frau F." telephonisch erfahren. "Aber gewiß", bestätigt Frau Wolf, "und so viel, ich war ja überwältigt." Dann braucht eine neue Mitbewohnerin der Kellerwohnung Hilfe – sie ist behindert und soll am praktischen Beispiel lernen, einen Mietvertrag zu schreiben – und entsprechende Absprachen zu treffen.

Unten neben dem Heizungskeller stapeln sich Kleiderspenden, die zwei Mitarbeiter zu Paketen bündeln – unter anderem auch für im Ausland verhaftete Deutsche, die in Sandalen und kurzen Hosen in Untersuchungshaft sitzen. An den Wänden endlose Regale mit Aktenordnern: "Gefangene ‚Kla-Kle", Korrespondenz mit Strafanstalten, "Stadelheim", "Rheinbach", "Werl", "Hess. Justizministerium" und so weiter – Einzelschicksale und Grundsätzliches.

Ihre Hilfe ist und bleibt geprägt vom persönlichen Interesse; sie ist nicht perfekt inszeniert, sondern ein bißchen improvisiert, unprofessionell gar, von unbekümmerter Zuversicht, aber dafür mit ganzer Kraft getragen. Es ist auch die Kraft dieser Generation; heute würde wohl niemand eine solche Aufgabe auf diese Weise zu bewältigen versuchen.

Es war auch für die Schwedin ein weiter und mitnichten ein vorgezeichneter Weg. Als Gräfin Rosen wurde sie in eine bequeme Kindheit auf Schloß Rockelstad in Schweden hineingeboren, der Vater war Ethnologe, die Mutter galt – damals hatte das freilich eine andere Dimension – als sozial, wohltätig. Eine frühe Ehe führte Birgitta 1933 nach Deutschland. In welches Land sie da geraten war, entging ihr zunächst: "Ich war viel zu beschäftigt, um glücklich zu sein und ein Kind nach dem anderen zu bekommen." Bis es vier waren und das Erlebnis der Reichskristallnacht sie aufrüttelte: Zusammen mit Mutter und Bruder wurde sie verhaftet, als sie zerstörte Geschäfte photographieren wollten. Daß sie bald wieder auf freien Fuß gelassen wurden, hatten sie mehr oder weniger glücklichen Umständen zu verdanken, verwandtschaftlicher Protektion (die Schwester ihrer Mutter war die erste Frau Hermann Görings gewesen, so gab es Kontakte zu Nazi-Größen). Als aber Goebbels die Ereignisse des 9. November 1938 eine "spontane Reaktion des Volkes" nannte, entgegnete ihm die Schwedin: "Sie lügen, und Sie wissen das."

Sie blieb nicht in Berlin, zog nach Lahr in Baden; Scheidung und eine zweite, später gleichfalls geschiedene Ehe folgten, Umzüge nach Bayern, Greinau und dann nach Murnau. Doch 20 Jahre sind nicht genug, um hier als Zugereiste, noch dazu als eine derartig exponierte, eine Heimat zu finden. "Verschwinde aus Murnau, sonst bringen wir dich um", wurde ihr gedroht. Anonyme Anrufe gibt es immer wieder einmal. Auch weniger anonyme Anfeindung. Im Januar lud ein örtlicher Honoratiorenverein mit dem anspruchsvollen Namen "Herrenclub" zu einem "Zigeunerball" ein. Wichtig: "Jeder bringe etwas G’stohlenes mit!"

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Birgitta Wolf protestierte, sah Vorurteile auf fatale Weise wiederbelebt und erinnerte an das Leid der Sinti und Roma in deutschen Konzentrationslagern. Bald war ein heftiger Leserbriefkrieg in den Spalten des Garmischer Tagblattes entfesselt: Brave Bürger wollten sich ihre "ehrliche Fröhlichkeit nicht vermiesen lassen", denn: "Im Fasching hat die Goldwaage dienstfrei." Der Präsident des Klubs erkannte in dem Angriff "eine abgrundtief boshafte Einstellung". Andere erinnerten sich: Hatte Frau Wolf nicht vor elf Jahren mit einem Hungerstreik Hafterleichterungen gefordert, auch für Terroristen, "die gerade wieder blindwütig mordend unseren Staat kaputtmachen wollen"?

Deutsche, so scheint es, nehmen es mit dem Prinzip der Schuld und Sühne, mit der Strafe und dem Strafvollzug, penibel genau. Es gibt Zahlen, die dies belegen: Von 100 000 Einwohnern sind in den Niederlanden beispielsweise 25 Strafgefangene, in Frankreich 67 – in der Bundesrepublik hingegen 100. Jeder Inhaftierte kostet den Staat nach Angaben des niedersächsischen Justizministers 70,18 Mark pro Tag, ein Untersuchungsgefangener gar noch 30 Mark mehr. Für jeden entlassenen Strafgefangenen könnten, rechnen Birgitta Wolf und andere vor, zwei Bewährungshelfer bezahlt werden, die zur Zeit, hoffnungslos überfordert, bis zu 50 Vorbestrafte betreuen müssen.

Es gibt noch mehr Alternativen, die Birgitta Wolfs Augen vor Enthusiasmus leuchten lassen – so hält sie unter anderem die Forderung nach einem Konsequenzrecht für sinnvoll, "eine der Tat angemessene Maßnahme ohne Vergeltungscharakter", möglichst nicht in einer Strafanstalt (die doch nur die Resozialisierung gefährdet), sondern im gewohnten Umfeld, um die Bindungen zur Familie, zum Arbeitsplatz nach Möglichkeit zu erhalten.

Urteile werden nicht im Namen des Gerichts, sondern im Namen des Volkes gefällt, sagt Birgitta Wolf – und leitet’daraus die Verantwortung des einzelnen ab für das, was da in seinem Namen angeordnet wird.

Und wieder folgt ein Einzelschicksal als Beleg: Birgitta Wolf beherbergte vor kurzem eine Frau, die seit 36 Jahren in Gefängnissen gelebt hat. Nachts traf sie die 72jährige weinend auf dem Flur an – sie fand sich nicht zurecht. "Aber", versuchte Frau Wolf ihren Gast zu beruhigen, "Sie hätten hier doch nur aufschließen müssen." Kein Trost: Die Frau wußte nicht mehr, wie sich eine verschlossene Tür öffnen läßt. Sie hatte es verlernt.

"Der Strafvollzug", so der letzte Kommentar der Schwedin, "wird nie vergessen. Die Gnade hingegen oft."