Von Roland Kirbach

Dortmund

Vor annähernd einem Jahr, als an dieser Stelle vom dreijährigen Oliver aus Dortmund die Rede war, durfte er auf dem Kinderspielplatz nicht mehr "Kuchen backen" spielen. Vor allem, so hatten Marita und Hans-Dieter Kaminski ihrem Sohn eingebleut, dürfe er den "Kuchen" auf keinen Fall essen. Damals bestätigte den Kaminskis ein Gutachten des "Hygiene-Instituts des Ruhrgebiets" in Gelsenkirchen, was sie schon lange befürchtet hatten: Die Erde rund um ihr Haus ist hochgradig verseucht. Bei Oliver waren bereits Phenole im Urin festgestellt worden.

Mittlerweile ist Oliver vier Jahre alt, und inzwischen hat er auch ein Schwesterchen bekommen. "Kuchen backen" darf er immer noch nicht – schlimmer noch: Sämtliche Spielplätze und Freiflächen in der Neubausiedlung Dorstfeld-Süd, wo die Kaminskis wohnen, sind seit einigen Wochen mit Maschendraht eingezäunt, darüber zwei Reihen Stacheldraht. Unübersehbare Schilder mahnen rot auf weiß: "Betreten verboten". Und auch zu Hause darf Oliver nur noch mit Gummistiefeln und -handschuhen in den Garten. Die Phenolwerte im Urin haben sich fast verdoppelt.

Der Direktor des Medizinischen Instituts für Umwelthygiene in Düsseldorf, Professor Hans-Werner Schlipköter, übermittelte kürzlich eine Hiobsbotschaft, die Ursache für die Absperrung des Geländes ist: Im Boden der Neubausiedlung, die auf einem ehemaligen Zechengelände errichtet wurde, ist Benzpyren nachgewiesen worden – teilweise in Konzentrationen, die das Tausendfache des normal Üblichen betragen. Benzpyren gilt als hochgradig krebserregend. Hautkontakt mit der Gartenerde sowie Obst- und Gemüseanbau, legte Schlipköter der Stadtverwaltung nahe, sollten untersagt werden. "In 25 Prozent der Hausgärten stellte ich Werte fest, die ich als Mediziner für die Gesundheit der hier lebenden Menschen nicht mehr verantworten kann", kommentierte der Professor seine Befunde auf einer Versammlung vor rund 300 Dorstfelder Bürgern. "Ich möchte meine Kinder hier nicht spielen lassen."

Damit erreichte der Bauskandal um die 216 neu errichteten Eigenheime "eine neue Qualität", wie auch Dortmunds Ordnungsamtsleiter Günter Wille einräumt. Die Bewohner der Siedlung jedoch, die sich auf Intitiative Hans-Dieter Kaminskis längst zu einer "Arbeitsgruppe Dorstfeld-Süd" zusammengeschlossen haben, werfen der Stadt vor, daß sie dies alles hätte vorhersehen können – mehr noch: daß sie von der Gefahr wußte, die in der Erde lauert, den Siedlern gegenüber aber schwieg.

Immer wieder hatte die Stadt den Bauherren gesagt, daß hier früher lediglich eine Zeche gestanden hatte – keine Kokerei. Die Dortmunder Grünen jedoch, die sich der giftgeplagten Hausbesitzer annahmen, wühlten wochenlang im Staatsarchiv in Münster und fanden schließlich den Kaufvertrag zwischen der Stadt Dortmund und der Harpener Bergbau-AG, von der die Stadt das Gelände in den 60er Jahren erworben hatte. In der Anlage dieses Kaufvertrags fand sich ein "Lageplan Zeche Dorstfeld II/III, Kokerei u. Nebengewinnung".