Auf dem Filmplakat macht sich der Sohn Thomas Mitscherlich mit einer Filmrolle zwischen den Händen aus dem Kopf des Vaters Alexander Mitscherlich davon. Ein Fuß steckt noch im Schädel des großen Psychoanalytikers. Die Bewegung des Sohnes jedoch ist energisch nach vorn gerichtet, nur der Blick, sanft lächelnd, geht zurück. Thomas Mitscherlich hat sich mit seinem Film „Vater und Sohn“ verabschiedet von einem Beruf, der ihm zugefallen ist: dem des Sohnes.

Noch aber tritt er seinem Vater entgegen wie ein Sohn: mal bewundernd, mal voller Verständnis und Zuneigung, mal respektlos. Das mag nach einer Vorführung des Films viele Zuschauer bewogen haben, ihm vorzuwerfen, er habe ein „Denkmal umgekippt“. Schließlich ist Alexander Mitscherlich der geistige Vater vieler Intellektueller und, so Thomas Mitscherlich, „seinen Vater darf man kritisieren, der geistige Vater darf aber nicht kritisiert werden, weil das ja sonst zur Infragestellung der eigenen Person führt. Den geistigen Vater hat ein jeder für sich selbst ausgewählt, damit wird dieser ein auserwählter Mensch. Beim Vater ist das anders, den hat man einfach.“

Aber natürlich ist dem Sohn Thomas die herausragende Stellung seines Vaters bewußt. Er bleibt daher auch nicht im Privaten stecken. Unsere jüngere Vergangenheit wird in der Auseinandersetzung mit dem Vater gleich mitreflektiert und zudem verdeutlicht, „wie aus inneren Konflikten“, nämlich zwischen Vater und Sohn, „ein äußerer Konflikt ausgetragen wird“. Dabei wird das Phänomen Hitler ebenso erklärt wie die Aufrüstung in der Bundesrepublik nur wenige Jahre nach Beendigung des Krieges.

Thomas Mitscherlich arbeitet, um zu erklären, assoziativ. Wenn er zum Beispiel über die Angst nachdenkt und die Debatte über dieses Thema zwischen seinem Vater und seinem geistigen Vater Herbert Marcuse mit den Worten resümiert: „Die ängstlichen Menschen rücken in der Gesellschaft zumeist zusammen, fühlen sich gemeinsam gering. Aber jetzt muß ein Ersatzvater her, ein siegreicher, ein angstloser“, dann zeigt er dazu Bilder von der Wirtschaftskrise, und bald darauf ist die Kamera auf ein Buch gerichtet mit einem Bild von Adolf Hitler.

Daß die Aufrüstung nach dem „kurzen Moment der Utopie“, damals 1946, als aus Granaten Öfen und Kochtöpfe entstanden, nicht verhindert werden konnte, hat ebenfalls mit Angst zu tun, der jahrhundertealten Angst, daß ein Land ohne Armee ein unsicheres Land ist. In Bild und Wort dazu: Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß während der Aufrüstungsdebatte im Deutschen Bundestag.

Am 28. Juni 1982 ist Alexander Mitscherlich gestorben. Der Film war noch nicht fertig, und so gibt es nur wenige Szenen, in denen der alte mitdem jungen Mitscherlich spricht. Er ist langsam

geworden, der brillante Debattierer, und müde, aber noch immer reizt ihn der Doppelsinn von Worten, der, wie er meint, in der deutschen Sprache besonders häufig ist. Als Übervater erscheint Alexander Mitscherlich jetzt, in der Nähe des Todes, nicht mehr.