Von Karl-Heinz Janßen

Erst argwöhnten die Amerikaner, auf dem Soldatenfriedhof Bitburg lägen SS-Soldaten begraben, die während der Ardennen-Offensive im Dezember 1944 an jenem Massaker beteiligt gewesen seien, bei dem 71 (nach anderen Angaben 86) gefangene amerikanische Soldaten auf einem freien Feld bei Malmedy ermordet wurden. Doch dieser Verdacht ließ sich nicht erhärten – die jungen oder blutjungen Männer der Waffen-SS waren zwar an der Westfront gefallen, aber noch vor der Ardennenschlacht. Am Montag kam die New York Times mit neuer Hiobspost: Die meisten der 49 SS-Toten hätten der Division "Das Reich" (der 2. SS-Panzerdivision) angehört, die durch eines der schändlichsten Kriegsverbrechen berüchtigt wurde: Nach Partisanenüberfallen hatten Soldaten des 4. Regiments alle 642 Einwohner der französischen Ortschaft Oradour-sur-Glane – Männer, Frauen und Kinder – umgebracht.

Selbst die New York Times räumt ein, daß wahrscheinlich keiner der Toten von Bitburg in Oradour dabei gewesen ist, aber der Schatten des Verbrechens fällt eben auch auf sie. Niemand kann von Opfern des Nationalsozialismus und ihren Hinterbliebenen, zumal im Ausland, erwarten, daß sie zwischen der allgemeinen SS und den militärischen Verbänden der Waffen-SS unterscheiden – SS steht für alle Zeiten als Synonym für Nazi-Verbrechen. Doch spätestens seit dem Buch des Spiegel-Redakteurs Heinz Höhne wissen wir, daß es die SS nicht gegeben hat, sondern daß sich in ihr die verschiedenartigsten politischen Gruppen sammelten und daß sich dort "Idealisten und Verbrecher, Ehrgeizlinge und Romantiker" tummelten.

Ebenso falsch wäre es, dem treuherzigen Vorbringen so vieler ehemaliger SS-Kämpfer zu glauben, sie seien "Soldaten wie alle anderen" gewesen. Die Waffen-SS hat sich durch Tapferkeit und Standhaftigkeit, vor allem an der Ostfront, hervorgetan, aber sie ist auch immer wieder durch eine brutale Kriegsführung aufgefallen.

Hervorgegangen ist die Waffen-SS-Truppe aus bewaffneten Stabswachen, die sich die SS 1933 für die Verfolgung innenpolitischer Gegner zulegte. Eine von innen war die "Leibstandarte-SS Adolf Hitler" unter ihrem Kommandeur Sepp Dietrich. Sie hatte im Juni 1934 höhere SA-Führer und andere Gegner Hitlers ohne Gerichtsverfahren zu exekutieren. Zum Dank erlaubte Hitler dem "Reichsführer SS" Heinrich Himmler, drei bewaffnete Regimenter, die sogenannten Verfügungstruppen, aufzustellen, eine militärische Elite, die mit der Wehrmacht konkurrieren sollte, auch wenn sie zunächst zur Täuschung als eine Art Polizeitruppe ausgegeben wurde.

Ehemalige höhere Offiziere der Reichswehr machten hier rasch Karriere; einige von ihnen wurden im Zweiten Weltkrieg berühmte Heerführer, die Hitler gegenüber weniger Gehorsam bezeugten als die meisten Heeresgeneräle. Auf diese SS-Haudegen zählten insgeheim sogar die Verschwörer des 20. Juli 1944.

Neben den Verfügungstruppen entstanden vor dem Krieg die Totenkopfverbände, denen die Bewachung der Konzentrationslager anvertraut wurde. Kurz nach dem Polenfeldzug 1939 wurde es üblich, diese bewaffneten Verbände als "Waffen-SS" zu bezeichnen. Zu ihrem Stammpersonal gehörten also von Anfang an auch die KZ-Wächter. In den ersten Kriegsjahren wurden zuweilen Fronttruppen und KZ-Mannschaften ausgetauscht. Dem Etat der SS wurden ebenfalls alle Konzentrations- und Jugendschutzlager zugerechnet. Lagerkommandanten führten das Signum "Waffen-SS" im Briefkopf.

Die Waffen-SS sollte nach dem Willen Hitlers und Himmlers revolutionär sein: ein politisches Soldatentum, das einzig das Wort Hitlers als Gesetz anerkannte. Zugleich diente sie als Kern einer pangermanischen Armee – schon vor dem Krieg taten Schweizer und Dänen Dienst in der SS. Später holte sich Himmler seine "nordischen" Rekruten aus dem ganzen besetzten Europa.

In der Regel unterstanden die Verbände der Waffen-SS den jeweiligen Armee-Oberkommandos der Wehrmacht. Allerdings hatte sich Himmler zu Beginn des Rußlandfeldzuges zwei SS-Infanteriebrigaden und eine SS-Reiterbrigade direkt unterstellt, die im rückwärtigen Gebiet Juden ermordet haben. Auch zu den sogenannten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, die 1941 hinter der Front in Rußland mehr als eine halbe Million Menschen erschossen haben, wurden Soldaten der Waffen-SS beordert.

Das Prinzip der Freiwilligkeit (bei dem die Partei nur zu oft nachgeholfen hat) wurde aufgegeben, als sich im Laufe des Krieges die Verluste häuften und die Ersatzlage immer schlechter wurde. So geriet die Elitetruppe zur Massenarmee, die bei Kriegsende zu mehr als der Hälfte aus Gezogenen bestand. In diesem Vielvölkerheer von zeitweilig 36 Divisionen kämpften neben Germanen, Balten, Franzosen und Hunderttausenden sogenannter Volksdeutscher zuletzt auch Slawen, die man zunächst als "Untermenschen" abgestempelt hatte. Von den Männern der Waffen-SS – mehr als einer Million – ist etwa ein Drittel gefallen oder schwer verwundet worden. Allein 36 Generäle der Waffen-SS verloren ihr Leben.

In Nürnberg wurden der Waffen-SS eine Reihe von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit angelastet, auf dem Balkan und in Italien. Schließlich wüteten auch im eigenen Land die Standgerichte der SS.

Der amerikanische Historiker George H. Stein hat die bekanntesten Kriegsverbrechen der Waffen-SS – Le Paradis 1940 (Ermordung von 100 britischen Gefangenen), Oradour und Malmedy – dem Schuldkonto unterer Chargen zugerechnet. An Judenvernichtung aber hätten sich nur "wenige Fronttruppen" der SS beteiligt, "obwohl viele davon gewußt haben müssen".

In den letzten Kriegsjahren verwischten sich die Unterschiede zwischen Heer und Waffen-SS – sie alle waren feldgraue Landser. Die Bundeswehr hat denn auch ehemalige Angehörige der Waffen-SS bis zum Rang eines Obersturmbannführers (Oberstleutnant) in ihre Reihen aufgenommen. Doch für Wehrmacht wie für Waffen-SS gilt das gleiche: Ihr Schild ist im Hitlerschen Raub- und Vernichtungskrieg nicht unbefleckt geblieben.