Von Wolfram Runkel

Mein Gegner kommt mit Verspätung und einem hellen Klingglöckchen-Lachen. "Ich mußte unbedingt noch zum Bodybuilding, ich fühle mich noch ganz matt."

Wir sitzen im berühmten Café Mozart auf der Getreidegasse in Salzburg. Mein Gegner ist eine Gegnerin (was für viele Schachspieler, wie Weltmeister Karpow, unerträglich ist), und zwar eine besonders schöne Gegnerin: "Miss Young International 1977", sozusagen Miß Welt unter 20, und sie ist eine Frau, deren Beruf Schönheit ist; sie ist "Modell" für Schuhe, Strümpfe und Wäsche. Und auch ohne das alles: Playmate im Playboy, Mädchen des Monats und Mädchen des Jahres ("Die Schönste") im Penthouse. Sie hat sogar einen Titel unseres Magazins geziert – natürlich nicht nackt.

Vor allem aber ist sie dreimalige Schach-Landesmeisterin von Salzburg. Sie hat mehrere Meister besiegt, gegen Weltmeister Karpow und den Jugendweltmeister Beljawski hat sie remis gespielt.

Natürlich kenne ich ihre Penthouse-Photos, aber hier am Brett mit dem braven weißen Sweatshirt und dem hochgebundenen Haar sieht sie ganz anders aus, jünger, zarter, intelligenter. Und sehr sittsam.

Sie stellt die Uhr. Jeder hat anderthalb Stunden für 40 Züge. Sie hat weiß, fängt an, schaut aufs Brett, wie die Klassenbeste beim Besinnungsaufsatz, konzentriert und selbstbewußt. Schon im dritten Zug überrascht sie mit einem ungewöhnlichen Vorstoß. Bauer e4. Werde ich schon in der Eröffnung überfahren?

Brigitta Cimarolli blickt aufs Brett und schweigt. Noch vor wenigen Stunden haben wir uns locker und lachend über Schach und die Welt unterhalten. Sie hat über ihre Lehr- und Wanderjahre, über ihren Beruf und über die Männer geplaudert.

Vor 26 Jahren wurde sie in Salzburg geboren, mit vier, als ihre Eltern sich trennten, kam sie in ein katholisches Mädchenheim, "weil meine Mutter nicht genug Zeit und Geld für meinen zweijährigen Bruder und mich hatte". Im Heim hat sie das Überleben gelernt. "Ich habe mich immer gegen Ungerechtigkeiten gewehrt. Und wenn ich zehnmal soviel Schläge bekam und zehnmal mehr ins Besinnungskammerl mußte. Mich hat das stark gemacht."

Mit ihren aggressiven Bauern droht sie, mich in meiner Hälfte zu ersticken. Ich darf auf keinen Fall passiv spielen. Also Bauer d5, den sie mir aber vier Züge später abjagt.

Trotz ihres starken Willens und ihres Fleißes erlitt sie als Klosterschülerin Rückschläge. Zwar war sie in der Schule immer die Klassenbeste, aber als sie mit 15 Jahren betrunken auf einer Parkbank gefunden wurde, steckten die Nonnen sie in ein Heim für schwererziehbare Kinder. "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Da habe ich alles Schreckliche kennengelernt. A Wahnsinn."

Nach dem Jahr des Schreckens wollte sie auf eine Handelsakademie. Aber die frommen Schwestern versagten ihr "wegen des Geldes" die Akademie und schickten sie auf eine einfache Handelsschule.

Im zehnten Zug muß Brigitta ihren Mehrbauern zurückgeben und mit der Dame zurück aufs Ausgangsfeld d1. Die Nichtraucherin bittet die Kiebitze um eine Zigarette. Sie ist in der Bredouille. Schließlich rückt sie mit ihrer Dame wieder vor, fesselt und bedroht meinen Springer auf e5. Jetzt schnell mit Zwischenschach den Läufer entwickeln, tauschen und rochieren. Zu schnell. Mit sofortiger Rochade hätte ich eine Figur und die Partie gewonnen.

Brigitta Cimarolli bewältigte auch ihre Enttäuschung über die verbotene Handelsakademie. Mit 17 Jahren meldete sie sich zu einer Miß-Wahl in Salzburg – und gewann. "Damit veränderte sich mein Leben. Von jetzt an wurde ich von allen respektiert, den Männern, Kameradinnen, sogar von den Nonnen. Dann ging alles ganz schnell. 1977 Playmate im Playboy und Miss Young International in Tokio." Und dann kamen die Aufträge aus der Werbung. Brigitta wurde ein Star.

Mit ihrer Dame greift sie meine Dame an. Brigitta atmet auf. Mein Vorteil schmilzt. Schon will ich, wie geplant, mit Turm d8 die Dame decken, um anschließend endlich den Läufer auf d3 zu gewinnen, da blendet mich ihre Mattdrohung auf h7. Ich übersehe, daß ich nach dem Turmzug meinen König retten kann. Ich lasse mich also auf den Abtausch und auf ein vermeintlich gewonnenes Endspiel ein. Im 25. Zug gewinne ich nur einen Bauern, stelle aber meinen Läufer ins Abseits und lasse mich von Brigittas Figuren zerquetschen. Ihr vorher so bedrängter König marschiert kühn in mein Lager. Sie raucht nicht mehr.

Warum spielt sie so gut Schach? Daß in letzter Zeit Frauen im Schach immer stärker auftrumpfen, daß viele sich nicht mehr mit den Meisterschaften der Damen begnügen, sondern in den Männergruppen mitmischen (umgekehrt ist verboten), haben viele der Alt- und Großmeister schon bitter erfahren. Die Schwedin Pia Cramling kanzelte Viktor Kortschnoi ab. Weltmeister Karpow meidet Turniere, an denen Frauen teilnehmen.

Daß schachspielende Frauen keineswegs seelenlose Rechenmaschinen sind, hatte ich zuletzt bei der Schacholympiade in Saloniki gesehen, wo man sich angesichts ungezählter rochierender Schönheiten schon wie auf einer Miß-Wahl vorkam.

Aber daß ein Photomodell Lust hat, Dutzende von Schach-Stellungen im Kopf zu überprüfen, ist neu. Da sitzt sie und rechnet, dieselbe Frau, die auf meine Frage, ob es ihr peinlich sei, in den intimsten Stellungen vor männlichen Photographen zu posieren, antwortete: "Im Gegenteil, es macht mich heiß."

Ich versuche meinen gefährdeten König zu aktivieren, um wenigstens ein Remis zu retten. Aber sie treibt ihn zurück. Ihr Druck wird immer stärker. Sie schnürt mich ein. Im 32. Zug tauscht sie Türme aus, macht sich mit ihrem König auf den Weg, meine beiden Bauern am Damenflügel zu schlucken. Sie vollzieht das Endspiel so logisch und kaltblütig wie ein Großmeister.

Über Brigittas Spielstärke wundert sich auch unser Schach-Kommentator Helmut Pfleger, "vor allem, weil sie das Spiel erst so spät gelernt hat. Normalerweise ist das viel zu spät." Es war "der Philosoph", ein väterlicher Betreuer während der schweren Heimtage, der ihr eines Tages, als es nichts Besseres zu tun gab, das Schachspiel zeigte. "Ich war sofort fasziniert darüber, wie er die Energie der verschiedenen Figuren, die Philosophie der Züge erklärte."

Sie lernte schnell. Nach zwei Monaten schlug sie ihren Meister sechsmal hintereinander und "war heiß auf Schach. Es gab nichts anderes für mich." Statt Klamotten kaufte sie Schachbücher ("Ich habe 90").

Statt ins Photostudio lief sie nun in den Schachclub im Café Mozart, spielte sechs Stunden täglich. "Normalerweise spielen die Asse nicht gegen die schwachen Frauen. Aber ich hatte Glück, daß ich so hübsch bin. Mit mir spielen sie alle. Ich lernte endlich soviel, wie ich wollte. Nach einem Jahr konnte ich sogar die alten Hasen schlagen."

Die alten Hasen stehen jetzt als Kiebitze ums Brett, auf dem ich abserviert werde. Während ich versuche, meine Figuren für die Schlußattacke zu postieren, spielt sie einen stillen Abwarte- und Vorbereitungszug für das End-Endspiel in geradezu Karpowscher Manier.

Eine Huldigung an ihr Schach-Idol. Während alle Welt den Herausforderer Kasparow dem Weltmeister Karpow vorzieht, liebt sie den "sanften Tolja". "Alles, was man bei Kasparow so deutlich sieht: Energie, Elastizität, Kreativität und Mut, das sieht man bei Karpow nicht", sagt sie. "Aber er hat das alles auch. Er hat das innen, er zeigt es nicht. Doch kenne ich ihn. Mein Gott, wenn ich einmal mit ihm schlafen könnte!"

Die Partie neigt sich dem Ende zu. Die letzte Remis-Chance verpasse ich im 39. Zug, wo ich mir den Läufer abtauschen lasse, anstatt ihn nach d3 zu ziehen. Doch Brigitta ist mir klar überlegen. Nach dem 42. Zug gebe ich auf.

Brigitta ist’s zufrieden: "Es war ja so peinlich, wie ich anfangs dastand. Ich hab’ mich wahnsinnig geärgert, daß ich diese Partie womöglich verliere. Hab’ halt auf ein Wunder gehofft. Und das Wunder kam."

Sie will jetzt in die Disco, lädt mich aber für den nächsten Morgen zum Frühstück in ihr kleines Appartement ein, in dem sie wohnt, seit sie 1978 das Kloster verließ.

Es ist eine Eineinhalb-Zimmer-Anlage, doppelt so groß wie ihr riesiges King-Size-Bett mit der Mickymaus auf dem Laken. An den Wänden hängen dicht bei dicht Plakate mit nackten und halbnackten Mädchen, meist stellen sie Brigitta dar. "Meine Lieblingsphotos." Es gibt auch ein Bild vom halbnackten René Weiler, dem boxenden Leichtgewicht, mit dem sie eine glücklich-unglückliche Liebe verbindet. "Er ist der wunderbarste Mann, den ich kenne, so hart und so zart."

Auf den Schränken lagern unausgepackte Koffer, an den Schränken hängen Kleider und Hosenanzüge, in den Schränken stehen Bücher, Schachbücher. Ihr Lieblingswerk: Anatoli Karpow "Wie ich kämpfe und siege".

In einem Glasschrank strahlen Dutzende von Pokalen und Medaillen. "Alles für Schach?" "Für alles", antwortet sie. "Für Schach und Schönheit."