Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende April

FDJler radeln entlang der F 1 „auf den Spuren der Befreier“, Kinder veranstalten auf dieser Straße „Pionierexpeditionen“, Sportler durchlaufen sie zur „Stafette der Freundschaft“. Überall in der DDR wird der 40. Jahrestag des Kriegsendes mit der offiziell verordneten Euphorie für die Sieger gefeiert. Kein anderes Gebiet aber wie das östlich Berlins, wo die Rote Armee die letzten heftigen Kämpfe gegen die Deutschen führte, wäre so prädestiniert, von den Besiegten heilig gesprochen zu werden. Die F 1, früher Reichsstraße 1, von Ost-Berlin bis zur Oder, wird in DDR-Zeitungen überschwenglich „Straße des Sieges über den Faschismus und der Befreiung“ genannt.

Was einem weniger siegestaumeligen Beobachter zunächst auffällt, ist ihre Trostlosigkeit: zwischen der Monotonie der Neubauten in Marzahn die Gedenkstätte zum 40. Jahrestag, von 6000 Marzahnern pünktlich eingeweiht. An einer Hausfront prangt ein roter Stern, darunter der Tag von Marzahns Befreiung: „21. April 1945“. Hinter Hoppegarten säumen rote und DDR-Fähnchen die Straße, auf einem Plakat hält ein sowjetischer Soldat ein kleines (vermutlich deutsches) Mädchen am Arm, dazu: „8. Mai“. Im Fenster der Schule in Müncheberg prangt die Zahl „40“, ein Transparent mit einem russischen Panzer jubelt: „Sie brachten uns den Frieden“.

Die Lektüre der DDR-Zeitungen war in den Monaten vor dem 8. Mai besonders quälend: die übertriebene Vergötterung der Sowjets mit ausführlichen Lobeshymnen auf ihre Waffen, auf das Flugzeug „Iljuschin“, den Raketenwerfer „Katjuscha“, den Panzer T 34. Dazu ganze Seiten voller sowjetischer Heeresberichte von 1945, immer jubelnd, als könnten die Sieger über ihren Sieg nicht glücklicher sein als die Besiegten. Sowjets sind nichts als Freunde, die hungrige Befreite mit Brot und Speck fütterten. Kein Wort von Plünderungen, Vergewaltigungen, von Demontage, Reparationen. Und wenn von Deutschen in den Zeitungen die Rede ist, dann nur von Antifaschisten, Juden, Kommunisten, als habe es in dem Teil Deutschlands, der heute DDR ist, nie Anhänger oder auch nur Mitläufer von Hitler gegeben.

Soviel ist wahr: 1945 gingen viele Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, die den Krieg in der Emigration, in der Haft oder im Untergrund überlebt hatten, in den östlichen Teil Deutschlands, weil sie glaubten, dort ihre Ideale verwirklichen zu können. Wichtige, als Massenkundgebungen betriebene Gedenkfeiern dieses Frühjahrs waren in der DDR die 40. Jahrestage der Befreiung der Konzentrationslager. Da sprach in Buchenwald der ehemalige Häftling Hermann Axen, heute Politbüromitglied, in Sachsenhausen der ehemalige Häftling Horst Sindermann, heute Politbüromitglied; der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker wurde aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit. Im Pergamon-Museum ist eine Ausstellung von ergreifenden Bildern des Kommunisten Fritz Cremer zu sehen über das schreckliche Ende seiner Freunde, der Schulze-Boysen-Gruppe, im Gefängnis von Plötzensee. Letzten Monat feierte der Schriftsteller Stefan Hermlin, Jude, Kommunist, im Krieg emigriert, seinen 70. Geburtstag in Ost-Berlin. Unter seinen Gästen waren auch ehemalige Emigranten wie Stefan Heym, auch Freunde, die inzwischen in der Bundesrepublik leben – wie Thomas Brasch, Sohn jüdischer Emigranten, oder Günter Kunert, der sich als junger Mann für die DDR als den, seiner Meinung nach, „antifaschistischeren“ deutschen Staat entschieden hatte.