Warum es den Erben der Hitler-Generation schwerfällt, den vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes zu feiern

Von Joschka Fischer

I.

In den fünfziger Jahren, damals, als unsereins noch zur Schule ging, da war die bundesrepublikanische Welt schon wieder in Ordnung. Die Ruinen waren beseitigt und das zerstörte Land aufgebaut, die Kommunisten im Spitzbarte und die Russen waren der Erzfeind, und Hitler hatte immerhin die Autobahn gebaut. Im übrigen verwies man uns auf die unbefleckt gebliebenen deutschen Klassiker, denn schließlich waren wir die Kinder eines Volkes von Dichtern und Denkern. Wenn wir dann recht brav und fleißig waren und unsere Lehrer darob gut gelaunt, ja, dann erzählten sie uns auch aus dem Leben des Volkes der Krieger und Eroberer: wie das damals war in Rußland und in Afrika, in Frankreich und auf Kreta. Mit roten Ohren hörte unsereins von jenen verflossenen Heldentaten und trauerte insgeheim solch herrlichen Zeiten nach. Nur von Auschwitz – von Auschwitz hat uns niemand berichtet. Denn gewußt, bitte schön, hatte das kaum einer, wie ich später dann allenthalben feststellen konnte.

So quälten wir uns durch die Klassiker und lernten unter anderem jene erhabene Sentenz des Herrn von Goethe: "Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Als sie dann in Jerusalem den Eichmann hatten, als in Frankfurt der große Auschwitz-Prozeß begann, als uns das ganze Ausmaß der Verbrechen der Nazis im Namen Deutschlands bewußt wurde: Da fragte ich mich allen Ernstes und frei nach Goethe, was unsereins von seinen Vätern eigentlich zu erben hatte? Ich muß gestehen, ich frage mich dies heute noch.

II.