Von Irene Mayer-List

Gunnar Myrdal war einer der ersten, der seine Enttäuschung öffentlich eingestand. Voller Pathos schwor der Nobelpreisträger, einst einer der größten Eiferer für mehr Hilfe an die Dritte Welt, vor zwei Jahren seinen alten Thesen ab: Die Unterstützung der Regierungen in der Dritten Welt könne nicht mehr für die Beseitigung der Armut bewirken „als Zahlung an die Mafia für die Bauern in Sizilien“, bekannte der Schwede düster im Londoner Guardian.

Die konservative Premierministerin Margaret Thatcher, sollte sie damals das linke Blatt gelesen haben, muß insgeheim gelächelt haben. Denn schließlich frönt auch sie – dazu angeregt von einem ihrer Berater – solchen Gedanken. „Entwicklungshilfe hat die Entwicklung mehr behindert als beschleunigt“, predigt ihr mit Erfolg der bald 70jährige Londoner Wirtschaftsprofessor Peter T. Bauer, der für seine Verdienste vor zwei Jahren – auf Lebenszeit – zum „Baron of the Market Ward of the City of Cambridge“ gekürt wurde. Im vergangenen Jahr verfaßte er die erste ausführliche und systematische Kritik am Konzept der westlichen Entwicklungspolitik – ein Buch, das international viel Aufsehen erregte, nicht nur bei den Konservativen. Die Armen seien eine Goldmine, allerdings nur für die Regierungen der Dritten Welt und die westlichen Entwicklungsbeamten, resümierte Lord Bauer.

Im Oktober 1983 reiste Brigitte Erler, Referentin im Bonner Entwicklungsministerium, für drei Wochen nach Bangladesch, um dort die von ihr betreuten Projekte zu besuchen. Zehn Jahre hatte die SPD-Politikerin in der Entwicklungshilfe gearbeitet, sie zu „ihrem Lebensinhalt gemacht“ und nicht nur für sich selbst, sondern auch für die früheren Entwicklungsminister Eppler und Bahr flammende Bundestagsaufrufe für mehr Hilfe an die Dritte Welt geschrieben. Nachdem sie aus Bangladesch zurückkam, quittierte sie ihren Dienst und hinterließ einen vernichtenden Erfahrungsbericht. Das Anfang dieses Jahres erschienene Buch ist inzwischen zum Bestseller in der linken Szene geworden. Fazit der heutigen Generalsekretärin der deutschen Untergruppe der Gefangenenhilfsorganisation amnesty international: „Die Entwicklungshilfe muß sofort beendet werden.“

Kritik an der Entwicklungspolitik, Ende der Hilfe, Bruch mit den hehren Zielen, mit denen einst die Fehler der Kolonialzeit wiedergutgemacht werden sollten? Seit ungefähr einem Jahr brodelt unter den Entwicklungsbeamten und -theoretikern die Diskussion. Ob kürzlich beim Wirtschafts gegengipfel der Alternativen in Berlin, bei einem konservativen Bankierstreffen in New York oder kleinen abtrünnigen Runden innerhalb der Weltbank und Uno – nach dreißig Jahren Erfahrung wachsen die Zweifel am bisherigen Weg.

Dabei geht es nicht um Details, um Schwierigkeiten in Äthiopien, skurrile Fabrikruinen in der Sahara, Autobahnen im einsamen Dschungel oder Bahnhöfe ohne Gleisanschluß. Rechte und linke Kritiker haben die Wirtschaftshilfe als Ganzes im Auge, und erstaunlicherweise ähneln sich ihre Argumente:

  • Die Industrieländer haben bei ihrem Versuch, die Armut in der Dritten Welt zu lindern, nicht bedacht, daß sie Regierungen und Unternehmen beschenken, die an diesem Ziel gar kein wirkliches Interesse haben. Der Ausbau der Infrastruktur und Wirtschaftskapazität dieser Länder kam bis jetzt hauptsächlich der Oberschicht zugute, während Armut und Hunger – besonders in Afrika – weiter zunehmen.
  • Selbst wenn die Regierungen der Dritten Welt ernsthaft versuchen, die Nahrungsversorgung und das Einkommen der ärmsten Bevölkerungsschichten zu erhöhen, profitieren von den Entwicklungsprojekten doch meist nur wenige Glückliche: Der zufällig ausgewählte Handwerker im Projektbetrieb produziert mit seinen neuen modernen Geräten plötzlich mehr, seine Konkurrenten werden dafür arbeitslos. Die Armut wird nur verlagert.
  • Dreißig bis vierzig Milliarden Dollar fließen jährlich als offizielle Entwicklungshilfe – meist in Form nahezu zinsloser Kredite – in die Dritte Welt. Ein Großteil wird aus Ignoranz, bürokratischer Fehlplanung oder um der Exportindustrie der Geberländer einen Gefallen zu tun, in unsinnige Projekte verschwendet, die für die Entwicklungsregionen oft mit hohen Folgekosten, Umweltschäden und Investitionsruinen enden.