Der Stammtisch ist aus polierter Eiche. Seit über fünfzig Jahren steht er an derselben Stelle und wird feucht abgewischt. Es war zu früh für den Stammtisch, aber ein Mann saß schon da, der pensionierte Gewerbeschullehrer Wilhelm N. Ich sagte, daß der Stammtisch sämtliche Einzelgewissen entlaste und wir beide an einem massiven Stück Zeitgeschichte säßen und noch immer gebe es Dauerthemen.

Herr N. blickte zurück: „Bis 1933 saßen hier auch drei Sozis. Juden waren aber nie dabei. Sie trinken zu wenig und sind auch nicht für Skat. Und die Dauerthemen: Arbeitslosigkeit, Versailler Vertrag und der sittliche Verfall. Ab 1933 wurde Adolf Hitler zum Dauerthema. Von den zwölf Herren am Stammtisch traten acht in die NSDAP ein. Die anderen ließen das offen. Trotzdem konnte man mal ein Wort sagen und einen Witz machen. Und daß einer der drei Sozialdemokraten fünf Monate im KZ war, wußten wir als erste.“

„Und dann wurde der Krieg zum Dauerthema“, sagte ich. Wilhelm N. bestellte sich noch eine Kugel Bier. „Was denn sonst. Aber wir waren ja alle schon älter. Nur vier mußten an die Front. Einer von uns war Spitzel. Er verfaßte Stimmungsberichte für die Ortsgruppenleitung. Doch niemandem ist etwas passiert. Und drei aus der Runde sind zum Schluß noch gefallen. Ob man nach dem Krieg in dieser Besatzungszone lieber Engländer werden sollte, war auch ein Thema. Die Dauerthemen bildeten jedoch die Ernährung, die Krankheiten, das Geld, die Ostzone und Dr. Adenauer. Nicht die Juden oder die KZs. Wir hatten ja immer mal wieder etwas davon gehört. Aber wovon hatte man schließlich nichts gehört.“

„Und was kam hinterher an Dauerthemen?“

Wilhelm N. verwies auf das Wirtschaftswunder und die Folgen, die Wiederbewaffnung und die Sexwelle. Und als ich mich nach Dauerthemen von heute erkundigte, sagte Herr N.: „Die Arbeitslosigkeit, die Kriegsgefahr, die Renten, die sinkende Moral. Und was ein Dauerthema bleibt: die Suche nach Männern, die Wort halten.“

Ich sagte, daß Stammtischbrüder bei ihnen wohl kein Thema sind. Wilhelm N. stand auf: „Man kann uns nennen, wie man will. Und ob wir zusammen mit den Kegel- und Skatbrüdern eine Macht bilden können? Uns wird es immer geben – wie diesen Tisch. Die Grünen sitzen noch in Teestuben. Aber sie trinken auch bald mehr Bier und wollen es sich gemütlich machen.“