Die von der DDR übernommene S-Bahn wird wieder zu einem attraktiven Verkehrsmittel

Die S-Bahn war einmal Berlins modernstes Verkehrsmittel, dann nur noch ein Schrotthaufen. Jetzt wird sie langsam wieder aufgeputzt und modernisiert. Vor über einem Jahr, am 9. Januar 1984, drei Uhr morgens, hat die Westberliner BVG den S-Bahn-Betrieb übernommen. Seit Kriegsende lag der Bahnbetrieb in ganz Berlin aufgrund alliierter Vereinbarungen bei der Deutschen Reichsbahn. Die Betriebsrechte für die Bahn in West-Berlin lagen also de facto bei der DDR, während das Betriebsvermögen einer von den Westmächten kontrollierten "Verwaltung des ehemaligen Reichsbahnvermögens" untersteht.

Als der Reichsbahn die wachsenden Verluste durch den S-Bahn-Betrieb immer lästiger wurden, bot sie dem Berliner Senat zunächst die Verpachtung, dann die Betriebsführung der S-Bahn an.

Ende 1983 kam nach knapp dreimonatigen Verhandlungen eine Einigung zustande.

Die Reichsbahn überließ der BVG 672 Mitarbeiter, zahlenmäßig weit mehr, als für die S-Bahn gebraucht wurden. Dennoch gab es zu wenig Triebwagenführer, kaum Weichensteller, und überhaupt keine Betriebsleitung, denn die Spitzen der Hierarchie – in aller Regel SEW-Mitglieder – behielt die Reichsbahn in ihren Diensten. Bis heute steuern Fahrer aus Hamburg einige S-Bahn-Züge, doch wird der Personalengpaß durch eigene Ausbildung allmählich überwunden. Fahrstrom und Wasser werden weiter von der DDR geliefert. Das führt zu einer Vielzahl von gegenseitigen Leistungen und Verrechnungen, bei denen die Reichsbahn zäh um jede Westmark kämpft.

Die BVG kämpft derweil um möglichst viele Fahrgäste. Vor der Teilung Berlins waren es rund 500 000 am Tag; aber da war die S-Bahn auch noch Vorort- und Ringbahn in einer intakten Metropole. Nach dem Mauerbau sanken die Fahrgastzahlen als Folge des S-Bahn-Boykotts, späterer Streckenstillegungen und der zunehmenden Unattraktivität dieses Verkehrsmittels auf schließlich nur noch zehntausend am Tag.

Inzwischen benutzen wieder 72 000 Westberliner täglich die S-Bahn, obwohl das Streckennetz zerrissen und nach wie vor unvollkommen ist. Von 145 Westberliner S-Bahn-Kilometern werden derzeit 71 befahren. Bis zum Jahre 2000 sollen es 117 Kilometer sein; einige kürzere Streckenabschnitte werden endgültig stillgelegt. Um dennoch mehr Fahrgäste zu gewinnen, wird mit Plakaten geworben und jede Wiedereröffnung einer Strecke zur Haupt- und Staatsaktion gemacht. Parallele Buslinien werden eingestellt oder umgeleitet. Nach dem langfristigen Konzept sollen in Zukunft S- und U-Bahn für die längeren Strecken benutzt werden, während die Busse nur noch Zubringerdienste leisten.