Von Benedikt Erenz

Ne, Ne! To nejde“, wehrte der kranke Doktor Kafka ab, als der junge Gustav Janouch ihm helfen wollte, seine Bücher zu tragen. „Nein, nein. Das geht nicht. Sie dürfen nicht mein Rauschmaterial tragen. Im Rausch wie im Tod kann man sich nicht vertreten lassen.“

Ja, natürlich sind Bücher Rauschmittel, gefährlicher, süchtig machender Stoff. Und nicht wirklich erstaunlich ist es, daß Buchmesse für Buchmesse neue Umsatzrekorde gemeldet werden, obwohl Video und Satellitenfernsehen zum Umsteigen einladen. Bücher bleiben die härteste Droge. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, dem fällt es schwer, aufzuhören – trotz der unermüdlichen, überaus verdienstvollen Anti-Lesen-Kampagne des Bundespostministers.

Doch nicht nur das Bücherkaufen ist eine Sucht, das Bücherverschlingen und Bücherstudieren – auch das Büchermachen. Verleger: arme, kranke Menschen, die ihr Leben lang dem Wahn verhaftet sind, bedrucktes Papier unter die Leute bringen zu müssen, traurige, Masse Menschen am Schreibtisch, von Manuskripten und Druckbögen eingeschneit oder zwischen meterhohen Paletten weißen Papiers und Schränken voll schwarzer Lettern rastlos beschäftigt, wie jener Rainer Pretzell, Verleger, Setzer und Drucker, von dem hier berichtet wird.

In der Körtestraße 10, Berlin Kreuzberg, im zweiten Hof, dritter Stock hat er seine Opiumhöhle, eine Fabriketage, ehemals eine Schlosserei. Eine Druckerei? Ein Druckereimuseum! Von der alten Handtiegel-Presse „Boston“, mit der alles anfing, bis zum Prunkstück, einer „Heidelberger“ aus den zwanziger Jahren, ist hier versammelt, was ein süchtiger Büchermacher zu Befriedigung seiner Begierde braucht. Mit flinken Handbewegungen öffnet mir Rainer Pretzell seine Magazine: Schubladen, Setzkästen voll fröhlicher, feierlicher, abenteuerlicher, grotesker, kraftvoller, anämischer, verspielter, strenger Schriften, kleine und große Lettern, Initialen, Vignetten, Schlußzeichen. Die „Fontanesi“ zum Beispiel, Buchstaben wie kleine Springbrunnen, die Rundungen und Längen träumerisch ineinanderfließend – einmalig in der Welt, behauptet Pretzell, und exklusiv in einer Schublade des Rainer Verlags Berlin.

Mühsam hat er sich das alles zusammengesucht. Von Druckerei zu Druckerei ist er gelaufen, zu Anfang. Jetzt, im Zeitalter des Lichtsatzes, sind Bleilettern zur Rarität geworden und dementsprechend teuer. Aber immer noch findet er bei Betriebsaufgaben, auf Auktionen neuen Stoff.

Dann das Papier. Palette um Palette in den einfachsten und den kostbarsten Tönen, delikat marmoriert und beinahe durchsichtig, bretthart und samtweich. Papier für Worte der Liebe und des Hasses, Papier, um Gedichte darauf zu schreiben, Märchen, Obszönitäten und Pamphlete, Geständnisse und Lügen, Papier für Gebete, Papier für Flüche, Papier für Scherz und Papier für Schmerz.