Gäbe es ihn wirklich, den statistisch erfaßten Durchschnitts-Italiener, dann würde man ihn bestaunen wie einen Eskimo, der sich in die Tropen verirrt hat. Zu verdanken hätte er das dem staatlichen statistischen Amt ISTAT in Rom, das ihn aus einem Warenkorb ausgestattet hat, der seit dem Jahre 1951 unverändert ist

Da steigt er gerade aus dem Autobus, dem dieses Verkehrsmittel benutzt er vor allem. Blaß und dicklich kommt er uns entgegen, denn er ißt fast nur Spaghetti und Brot und sieht allenfalls sonntags ein Stückchen Fleisch. Penetranter Knoblauchduft weht uns an, denn Herr Jedermann kann sich von den zwölf Tuben Zahnpasta, die ihm jährlich zustehen, nicht jeden Tag die Zähne putzen – zumal er dieses Zivilisationsmittel auch noch mit drei weiteren Familienmitgliedern teilen muß. Daß Signore Qualunque, denn so heißt Herr Jedermann auf italienisch, immer noch selbstgeschneiderte Unterhosen trägt, sehen wir zum Glück nicht. Aber daß seine einfache Unterwäsche sauber ist, dafür garantiert Signora Qualunque, die sie jeden Tag mit Soda wäscht. Auch trägt Herr Jedermann korrekt geschnittenes Haar, denn dreißigmal im Jahr darf er zum Friseur. Da sieht man allerdings, wie sehr Herr Jedermann noch Macho ist und wie stark die Statistik Frau Jedermanns Ich unterdrückt: Nie im Leben wird ihr ein Besuch bei der Friseuse zugestanden. Dafür kann sie zu Hause Kohlen schippen, denn ausschließlich damit wird bei Jedermanns auch heute noch geheizt.

Eine absurde Welt? Man rechne dem Statistischen Amt nur nicht vor, daß sich der Fleischkonsum des Durchschnitts-Italieners seit 1951 verfünffacht hat und der Brotverbrauch auf ein Viertel zurückgegangen ist; daß die Durchschnittsfamilie jetzt nur noch 3,4 Personen umfaßt, Herr Jedermann eine längere Lebenserwartung hat und außerdem weniger kleine Jedermanns geboren werden. Das sind für die Statistiker nur Haarspaltereien. Der Warenkorb von 1951 tut mit seinen dreihundert Bestandteilen nach Ansicht der Preisberechnungschefin nach wie vor hervorragend seinen Dienst – und wenn es ein Produkt überhaupt nicht mehr gibt, dann wird es eben von der Liste gestrichen. Gewisse billige Zigaretten, die ein Zehntel von normalen Zigaretten kosten, werden ohnehin vom staatlichen Tabakmonopol nur noch für die Statistiken produziert.

Die Tatsache, daß Italien seit 1965 außer diesem offiziellen Warenkorb, nachdem alle automatischen Lohnanpassungen an die Inflation berechnet werden, noch einen inoffiziellen, sogenannten realen Warenkorb mit 900 Produkten und Dienstleistungen besitzt, wird als Bestätigung für diese Ansicht genannt. Denn, so argumentiert man, "die Daten des realen Korbes weichen von dem offiziellen Index seit zwanzig Jahren nur um vier oder fünf Punkte ab".

Die Sache funktioniert also. Und sie wird weiter so funktionieren, weil sich Gewerkschaften und Unternehmer seit Bestehen des Indexes nicht auf Änderungen einigen können und wollen. Die Tarifpartner ermitteln monatlich in einer nationalen Kommission und in zahlreichen Provinzkommissionen unter Kontrolle und Vorsitz des statistischen Amtes die Preise. Werden in diesen Kommissionen, wie Kritiker meinen, auch schon mal Kompromisse geschlossen? Skeptiker weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, daß zum Beispiel ein Jahresabonnement der kommunistischen Zeitung Il Manifeste die Berechnungsgrundlage für die Preisentwicklung von Herrn Jedermanns Informationskonsum darstellt. In Rom ist man sicher: Alles geht korrekt zu. Die gegenseitige Kontrolle, so argumentiert man, schließt außerdem Proteste gegen die Erhebungsmethoden aus, wie sie etwa die Organisationen der Arbeitnehmer der Bundesrepublik und Frankreich öfter erleben würden. Signor Qualunque glaubt das ohne weiteres. Schließlich liest er ja täglich das kommunistische Manifest. Und einen Fernsehapparat für zusätzliche Informationen besitzt er laut Statistik bis heute nicht.

Friedhelm Gröteke