Hamburg

Ich war erstaunt: da war die Rede eines ehemaligen russischen Generals auf der Friedensdemonstration für den 4. Mai in Hamburg angekündigt. Ausgerechnet ein General sollte zum Frieden sprechen? Und warum gerade ein russischer und kein amerikanischer? Oder, wenn schon, warum nicht beide gemeinsam, denn von Frieden durch Abschreckung verstehen russische und amerikanische Generäle gleichviel.

Ich fragte einige der 30 000 Demonstranten nach ihrer Meinung. Sie waren erstaunt über meine Frage. Über den General hatten sie noch nicht nachgedacht. Aber dann fiel ihnen die Erklärung leicht: Die Russen sind immer angegriffen worden, sie wollen und wollten nie Krieg; sie werden von den Amerikanern dazu gezwungen. Russen sind friedliebende Menschen. Sie können sich auch nicht durch Rüstungsindustrie bereichern, das läßt das System nicht zu.

Dann kam der General und sprach für die Opfer der Naziherrschaft. Aber Alexander Mitrofanowitsch Schewtschenko war einmal General, das ist lange her. Heute ist er ein älterer Herr. Er verzichtete auf militärische Ehren, auf Uniform und Orden und trug einen schlichten, fast schäbigen Mantel. „Es lebe der Friede in der ganzen Welt!“ rief er einer applaudierenden Menge zu. Und er mahnte, die Geschichte nicht zu vergessen oder wie ein altes Möbelstück wegzuwerfen. Hatte ihn sein Gedächtnis im Stich gelassen oder hatte er Afghanistan, Polen und die ČSSR lange vergessen? Und die sowjetische Hochrüstung?

Der Redner, Horst Meyer von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, sah diesen Widerspruch nicht. Er erklärte: „Hitler hat die Sowjetunion und nicht die USA überfallen. Die Sowjetunion hat über 20 Millionen Menschen verloren, die USA 300 000.“

Nur 300 000?

So einfach ist das für manche Friedensfreunde: Je mehr Opfer damals zu beklagen waren, desto höher darf die Rüstung heute sein – man hat ja Grund, sich zu schützen.