Von Heinz Josef Herbort

Ein gespenstisches Bild: Da steht vorn auf dem Konzertpodium ein Klavier, nicht mehr das jüngste – Nostalgisches also scheint uns zu erwarten; die untere Frontplatte wurde entfernt, die obere durch eine Glasscheibe ersetzt, der Deckel ist geöffnet – wie zu Zeiten des New Orleans Jazz oder seiner modernen Oldtime-Epigonen soll es offenbar laut genug dröhnen können; das Klavier legt los, durch das Fenster kann man beobachten, wie die Anschlag-Hämmerchen arbeiten, auch die Tasten bewegen sich synchron – allein ein Pianist fehlt, der das alles in Bewegung setzte.

Natürlich. Da hat jemand unser altes elektrisches Klavier hervorgeholt, bei dem wir damals eine Münze in den Automatenschlitz warfen, und prompt hämmerte die Maschine das herunter, was der Lochstreifen, die Walze oder ähnliche Matrizen vorgaben. Aber dieses Klavier besitzt auch keine Walze.

In seinem Unterbau entdeckt man ein System von kleinen Metallplättchen, auf zwei Reihen verteilt wie oben die schwarzen und die weißen Tasten. Unten rechts, ganz unprofessionell in einen Schuhkarton gestopft, mehrere Platinen, bestückt mit den Eingeweiden unserer modernen elektronischen Organismen. Von dort laufen Kabelstränge in den Saal, wo, mitten unter den Zuhörern, eines jener inzwischen fast zu Alleskönnern ausgewachsenen Kunsthirne gleich die neun besten Platze für sich beansprucht – ein Computer. Wenn man dem – und das hat fast noch für den Bruchteil einer Sekunde etwas mit dem Klavier zu tun – ein paar Mal auf die richtige Taste schlägt (tippt), setzt sich das Klavier in Tätigkeit und beginnt zu spielen, scheinbar selbständig.

Es spielt beispielsweise ein Stück, das wie von einem Bartók stammen könnte, der nicht ungarische, sondern spanische Folklore gesammelt hat, der aber dann auch noch an Bach denkt und an das Treffen mit alten Schulfreunden. Oder einen Tango, dessen Baß-Struktur läuft und doch nicht läuft, zu der die Melodie, in Terzen oder Dreiklängen gespielt, stimmt und doch nicht stimmt, so daß die Zweier-, Dreier-, Vierer- und Fünfer-Rhythmen zueinanderpassen und doch nicht passen. Oder einen Kanon, dessen „Antwort“ später einsetzt, aber die Urstimme dank höherer Geschwindigkeit langsam „einholt“. Oder eine zweistimmige Struktur, deren eine Stimme langsam beginnt, immer schneller wird bis zu über hundert Tönen pro Sekunde, während die zweite sich genau umgekehrt verhält – für einen ganz kurzen Moment scheinen beide Stimmen in der Mitte synchron zu verlaufen.

Die Stücke stammen von dem Amerikaner/Mexikaner Conlon Nancarrow, einem jener heute an die siebzig Jahre alten Sonderlinge zwischen Politik und sich für autonom haltender Kunst, deren Außergewöhnlichkeiten wir heute einer Isolation gegenüber der Hochkultur und einer Bindung an Unverfremdetes zuschreiben zu müssen glauben. Nancarrow komponierte solche „studies“ in den Jahren zwischen 1949 und 1979, konstruierte selber die Lochstreifen-Stanzmaschinen und war so in der Lage, hochkomplizierte metrische Un-Verhältnisse wie auf „natürlichem“ Wege kaum realisierbare Klangkombinationen schreiben und auch hörbar machen zu können.

Die antiquierten Lochstreifen auf das moderne Computer-System zu übertragen, scheint eine Aufgabe wie die Umstellung einer mittleren Buchführung oder einer Bibliotheks-Kartei – vorausgesetzt, es hat sich jemand mit einem ausreichenden „Programm“ für eine diesbezüglich taugliche Hardware versorgt. Ein paar Blicke in die Proben der fünften „Musik der Zeit“ – „Klaviere und Computer“ – beim Westdeutschen Rundfunk in der vergangenen Woche ließen allerdings erkennen, daß die Produktionsprobleme eines Computermusikers nicht bei der Wahl und Organisation der Geräte aufhören, sondern deren ständig notwendige Vervollständigung und letztlich auch Reparatur bedingen.